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Kolumne „Tech-Talk“ : Anspruch und Wirklichkeit

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Scharf à la Kleopatra: „Die geräuschlose & kostengünstige Alternative zum Multimedia-PC” bei Pearl Bild: Pearl

Ein wahrer Abgrund klafft bei so mancher Spitzentechnik zwischen dem nach außen getragenen Selbstbild und der Alltäglichkeit. Technik-Kataloge und Hochglanz-Druckseiten vieler Werbe-Broschüren sind voll davon. Ein paar Beispiele der Übertreibung.

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          Zwei Hochglanz-Druckseiten in opulenter Optik zur C-Klasse und zu ihrem Abwesenheitsassistenten namens Attention Assist, das ist das eine: Marken-Glamour. Ein 190 D im Zustand fortgeschrittenen Verschimmelns mit einem über den Tacho geklebten Plastikventilator aus dem 1-Euro-Laden, das ist das andere: batteriegespeiste Wirklichkeit sehr fern von „Das Beste oder nichts“. Ein wahrer Abgrund klafft bei so mancher Spitzentechnik zwischen dem nach außen getragenen Selbstbild und der Alltäglichkeit.

          Was einst in einer Garage der hintersten Oberpfalz dem Tuner eines bejahrten Opel Kadett GSi die Aussendungen von D&W, das ist dem Computer-Bastler von Flensburg bis Friedrichshafen und von Wesel bis Weiden sein Pearl-Katalog. Gut, „gekonnt ausgeführte Anbauteile und knackige Fahrgestelle“, wie sie auto.de gelegentlich einer zurückliegenden Durchsicht an den D&W-Girls im Tuner-Katalog entdeckte, findet man auf den knapp 260 Seiten Elektronik weniger. Die Model-mäßigen Erscheinungen, die dem Betrachter etwa „Die geräuschlose & kostengünstige Alternative zum Multimedia-PC“ hinhalten, haben sich aber in den vergangenen Jahren ganz schön herausgemacht. Ehedem wie Bewerberinnen um eine MTA-Anstellung aussehend, würden einige jetzt wohl bei einem DSDS-Casting passieren: mit scharf à la Kleopatra ausgezogenem Lidstrich und gleißendem Top in Goldlack. Dennoch kein wirklicher Vergleich zum echten D&W-Feeling von damals: wo weibliche Wesen, dem Tod durch Erfrieren ausgesetzt, in der Hoffnung, ihre Blöße an einem GTI-Spoiler oder einer verchromten Doppelrohr-Auspuffblende wärmen zu dürfen, blanke Paarungsbereitschaft signalisierten.

          Leben besser verstehen und begreifen

          Mal abgesehen von den Mädchen: Der eigentliche Erkenntnisgewinn des einen wie des anderen Katalogs bestand und besteht darin, das Leben besser zu verstehen und zu begreifen, dass man es sich bisher grundlos schwergemacht hat. Warum hatte man vor der Dorfdisco trotz eines gebrauchten Honda Accord in Burgundermetallic keinen Schlag bei den Mädels? Richtig: weil man seiner Karre nicht dieses fast am Boden schleifende Ofenrohr spendiert hatte. Und warum musste bald nach dem Notebook von Medion, das sich auf dem Schoß immer wie eine Spiegeleierpfanne anfühlte, ein Gerät mit dem Aufkleber „Feel the cool comfort“ angeschafft werden? Weil man nicht einmal wusste, dass es für bloß 19,90 Euro (statt 39,90 Euro - Preis-Hit!) ein DesignCooler-Pad für Notebooks bis 17 Zoll bei Pearl gibt.

          Und nicht nur diesen einen, nein, sondern etliche andere, allesamt ähnlich günstige Fächler, mit 3-Port- und 4-fach-USB-Hub, Stereo-Lautsprecher und ultraleisen Lüftern: Eine Welt von Notebook-Coolern gilt es zu entdecken. Und mehr: Hat es nicht schon so oft an der Möglichkeit gefehlt, sein Gläschen Kilbeggan griffgünstig neben der wie rasend bearbeiteten Tastatur abzustellen? Die Antwort des Pearl-Katalogs: die klappbare Workstation für 39,90 Euro - und auch sie ein reduzierter Preishit, ist es denn zu fassen? Denn so nützlich und preisgünstig geht es Seite um Seite weiter.

          Gut, manches braucht man wirklich nicht. Und wenn diese Brünette noch so süß lächelt: „Mit dem iPad ins Bett?“ Da wissen wir Besseres. Und je weiter man zum Ende hin blättert, desto diversifizierter werden die Offerten: Tattoo-Armlinge oder Schnapsgläser aus purem Eis, ein Plüsch-Häschen-Trio, was soll das? Zum Kuscheln und Liebhaben? Die haben ja nicht mal einen Sprach-Chip im Bauch.

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