https://www.faz.net/-gy9-8a1y0

Neues Tablet von Apple im Test : Ein iPad für alle Fälle

Der Pencil macht den Unterschied: das neue iPad Pro von Apple Bild: Hersteller

Erst 10, dann 8 und jetzt 13 Zoll. Das neue iPad Pro ist riesig. Doch weil es dafür einen intelligenten Stift und eine faltbare Tastatur gibt, ist es mehr als nur groß. Wir haben es eine Woche lang getestet.

          6 Min.

          Es geht beim neuen Tablet von Apple nicht nur um Größe. Natürlich ist der 12,9-Zoll-Bildschirm des iPad Pro das auffälligste Merkmal, weil er damit fast drei Mal größer als der des iPad Mini und mehr als eineinhalb Mal so groß wie der des Air 2 ist. Größe bedeutet hier aber nicht (nur) mehr Bildschirm, sondern einen anderen Umgang mit dem Tablet an sich. Denn in Kombination mit dem neuen „Pencil“ und „Smart Keyboard“ erfährt es eine Metamorphose zu einem computerähnlichen Wesen. Das unterscheidet das iPad Pro von den bisherigen Tablets von Apple.

          Nominell betrachtet ist das iPad Pro im Vergleich zum Air 2 zunächst größer, dazu schneller, kaum dicker, um einiges schwerer und mit einem höher hochauflösenden Bildschirm ausgestattet. Schneller ist es, weil der neue Prozessor A9X laut Apple die 1,8fache und die Grafikeinheit die doppelte Leistung bietet. Anschaulich wird dies bei Spielen wie „Geometry Wars 3“ oder Arbeiten in Videoschnittprogrammen wie iMovie. Der Zuwachs von 0,8 Millimeter in der Dicke bei sonstigen Maßen von etwa 31 mal 22 Zentimeter ist nicht wirklich spürbar. Die 723 Gramm bei unserem Testmodell fallen nicht so ins Gewicht, auch wenn es das fast 300 Gramm mehr sind als bei iPad Air 2.

          Kommt in den Farben gold, silber und space grau Bilderstrecke

          Auf den Punkt gleich geblieben ist die Pixeldichte des neuen Retina-Displays: 264 ppi. Gleiche Pixeldichte heißt in diesem Fall, dass Apple dennoch draufgepackt hat. Da der Bildschirm auf 12,9 Zoll gewachsen ist, kommt das iPad Pro auf eine Auflösung von 2732 x 2048 Pixel. Das sind einige Pixel mehr als bei dem neuen Macbook. Doch der Bildschirm unterscheidet sich in einem weiteren Merkmal von den Notebooks und bisherigen Tablets von Apple. Dank der Multi-Touch-Funktionalität akzeptiert das Display sowohl die Eingabe per Finger als auch mit dem Stift. Beides geht allerdings nicht gleichzeitig.

          Also doch nur ein riesiges iPad? Die Metamorphose beginnt dem neuen „Pencil“, der optional für 109 Euro erhältlich ist. Ähnliche Eingabeinstrumente gibt es bereits seit Jahren für das iPad. Doch im Unterschied zu Stiften von Adobe, Wacom, Kensington oder Fifty Three hat Apples Pencil Sensoren integriert, die dem iPad ohne Latenzzeit übermitteln, wie stark der Nutzer gerade auf das Glas drückt und wie er dabei den Stift hält. In Zeichen-Apps wie „Sketchbook“ oder „Adobe Sketch“ lässt sich die Feinheit des Strichs genau bestimmen, ähnlich wie es mit einem Bleistift auf einem Blatt Papier möglich ist. Wir haben es als Zeichen-Laie ebenso ausprobiert wie eine Illustratorin.

          Der Pencil ist erstaunlich exakt und eine Latenzzeit ist nahezu nicht vorhanden. Weil die Sensoren im Stift Energie benötigen, muss man ihn ab und zu über den Lightning-Anschluss aufladen. Nach wenigen Minuten hat er wieder Kraft für mehrere Stunden.

          Smart Keyboard für Vielschreiber

          Die Wandlung schreitet voran mit dem Smart Keyboard. Es ist eine faltbare Schutzhülle für 179 Euro, die zusätzlich eine vollwertige Tastatur integriert hat. Solche Produkte gibt es etwa von Logitech seit einigen Jahren für die iPad-Modelle. Doch auch hier hat sich Apple etwas neues - und sehr sinnvolles - einfallen lassen. Das Smart Keyboard wird über den Smart Connector verbunden. Über drei Mini-Kontakte an der linken Rahmenseite versorgt das iPad die angeschlossene Tastatur mit Strom, umgekehrt nimmt es die Tastaturbefehle über diese Schnittstelle an.

          Gegenüber den bisherigen Produkten hat das Smart Keyboard zwei Vorteile. Erstens schreibt man - gerade mit der Zehn-Finger-Methode - hervorragend darauf, weil die Tastatur nicht minimiert ist und der Druckpunkt ein flüssiges Schreiben ermöglicht. Wir haben diesen Text nahezu komplett auf dem Smart Keyboard getippt. Die einzige Schwäche, die wir etwa im Vergleich zu einer Macbook-Tastatur feststellen konnten, ist das lautere Knacken beim Anschlag.

          Der zweite Vorteil ist die Verbindung über den Smart Connector. Wir haben schon häufiger die schlechte Erfahrung mit Bluetooth-Tastaturen gemacht, die auf Zugfahrten oder auf Messen immer wieder unterbrochen wurde, weil zu viele andere Bluetooth-Geräte in der Nähe waren. Mit der neuen Schnittstelle besteht dieses Problem nicht mehr. Leider gibt es das Smart Keyboard noch nicht für das deutsche Qwertz-Layout.

          Split View für zwei aktive Apps

          Mit den neuen Funktionen in iOS 9 entfernt sich das iPad Pro noch weiter vom klassischen Tablet, das eher für den Konsum als für die Produktion eingesetzt wird. Allen voran mit den Funktionen Slide Over und Split View: Nach einer Wischgeste vom rechten Rand des Bildschirms wird eine Leiste eingeblendet, die mehrere Apps zur Auswahl anbietet. Wählt man eine App aus, wird diese innerhalb dieser Leiste aktiv.

          Hat man auf beiden Seiten eine genuine Apple-App ausgesucht, lässt sich die Bildschirmverteilung anders gewichten. Der Leiste, die etwa ein Viertel des Platzes einnimmt, kann man auch auf 50 Prozent aufziehen. Bei dieser Funktionalität kommen die 12,9 Zoll des Bildschirms voll zur Geltung. Apps wie der Browser Safari auf der linken und Mail auf rechten Seite lassen sich parallel bedienen, weil sie beide aktiv sind.

          Sprung in eine andere Gattung

          Und zu was wandelt sich das iPad Pro? Es wandelt sich bei Einsatz der Eingabehilfen wie Stift und Tastatur zu einem Exemplar einer heterogenen Gattung, die noch ihre Identität sucht. „Detachables“, also Notebooks mit abziehbarem Bildschirm, findet man dort ebenso wie „Convertibles“, also Notebooks mit drehbarem Bildschirm. Beide Gerätearten sind mehr Computer als Tablet.

          Das iPad ist trotz aller Wandlungsfähigkeiten immer noch mehr Tablet als Computer, man würde es dennoch dieser Gattung zurechnen. Ähnliche Produkte gibt es dort bereits mit dem Surface von Microsoft. Aus dem leistungsfähigen Tablet wird ein Notebook, wenn man eine Tastatur anschließt und zudem gibt es auch die Möglichkeit, den Bildschirm mit einem Stift zu bedienen.

          Je mehr sich diese Gerätegattung durchsetzt, desto mehr bedroht ist der klassische Computer, sei es als Desktop oder Laptop. Deshalb haben wir knapp eine Woche lang das iPad Pro als Computer für alle Fälle benutzt. Da das nur 3,2 Millimeter dünne Smart Keyboard zugleich auch Schutzhülle und Ständer ist, war es immer dabei. Mit dieser Kombination haben wir zwar mit dem iPad Air 2 viel Erfahrung gesammelt. Doch der Wunsch, bestimmte Arbeiten mit einem Notebook zu erledigen, kam beim iPad Pro selten auf. Drei Zoll mehr Bildschirm und eine vollständige Tastatur können einen großen Unterschied ausmachen. Schreiben, Mailen, Surfen oder Lesen mit dem 5,6-Millionen-Pixel-Display geht komfortabel vonstatten.

          Leichte Laptops als Alternative?

          Dass man dann gleich bei seinem Macbook Air oder dem neuen Macbook bleiben könne, ist ein diskussionwürdiger Einwand. Doch das iPad Pro bietet dank seiner Wandlungsfähigkeiten mehr. Wer sich an den Stift gewöhnt hat, will ihn nicht mehr missen. Apps wie „Good Notes“ oder „Good Reader“ zeigen ihre volle Stärke. Das schnelle Erstellen von Notizen oder das Bearbeiten eines Textes mit dem Stift macht Spaß und dürfte Studenten in Vorlesungen oder Seminaren ebenso gefallen wie Vertretern, Unternehmensberatern, Ingenieuren, Ärzten oder Architekten in ihrem Job.

          In Situationen, wo wenig Zeit oder Platz ist, ist die handschriftliche Notiz häufig effizienter. Der Pencil schreibt sehr exakt ohne Latenzzeit, sodass das Schreiben auf der Glasoberfläche auch nicht nervt. Als Freund des getippten Wortes und Feind des Handschriftlichen waren wir überrascht, dass uns das Kritzeln wieder gefiel. Vielleicht auch deshalb, weil sich die Notizen aus vielen Apps direkt als PDF-Datei exportieren und per Mail verschicken lassen und somit in der digitalen Welt bleiben.

          Klemmbrett, Kladde und andere Assoziationen

          Während des Wechsels zwischen den Funktionen als Notebook, digitaler Notizblock, Tablet und E-Book-Reader spielt das Design eine wichtige Rolle. Denn im Unterschied etwa zum Surface von Microsoft wirkt das iPad Pro so leicht und dünn, dass es in gewisser Weise nicht mehr als Objekt wahrgenommen wird. Es wandelt sich während des Tastatureinsatzes zum Bildschirm, hält man es wie ein Klemmbrett im Arm, wirkt das iPad Pro wie eine Unterlage, auf der man schreibt.

          Und liest man damit Artikel als PDF-Datei, nimmt man es wahr, als wäre es eine Kladde mit kopierten Aufsätzen. Zugegeben: Man muss sich an die verschiedenen Optionen erst einmal gewöhnen. Anfangs irrt man etwas zwischen ihnen hin und her, greift mal den Stift, wenn man mit dem Finger wischen wollte, tippt auf dem Bildschirm, wenn die Tastatur geeigneter wäre.

          Sehr gut, aber nicht perfekt

          Das iPad Pro ist eine produktive Universalmaschine, die dazu einlädt, aktiv zu sein. Deswegen kommt sie zu Hause ebenso zum Einsatz wie unterwegs. Sie zeigt allerdings dann auch ihre Schwächen. Den Akku zwingt man bei häufigem Gebrauch an einem Tag in die Knie. Apple gibt zehn Stunden an, was zwei Stunden weniger als beim Macbook Air mit 13 Zoll ist. Hängt das iPad Pro nicht mal zwischendrin an der Steckdose, sondern muss von null auf voll geladen werden, vergehen fünf Stunden Zeit. Der Stift hält etwas länger durch und ist viel schneller geladen. Ihn muss man im Blick haben, weil es keine Halterung für ihn gibt. Die vier Lautspecher, die Apple an den vier Ecken eingebaut hat, ersetzen weder richtige Boxen noch einen guten Kopfhörer. Ihr Stereo-Effekt ist bemerkenswert, die Klangqualität weniger.

          Dennoch taugt das iPad Pro als Computerersatz. Es steht in direkter Konkurrenz zu leichten Laptops, also etwa den Macbooks von Apple. Ein großer Unterschied besteht noch im Betriebssystem. Während diese noch mit Mac OS laufen, liegt dem iPad Pro iOS zugrunde. Das ist für die meisten Anwendungen kein Nachteil. Programme wie Microsoft Office werden für das neue Tablet von Apple als App angepasst, sie wird im Dezember erscheinen. Wer die Unix-Anwendung auf Mac OS zum Programmieren braucht, ist erst einmal außen vor.

          Bleibt zum Schluss wie immer die Frage nach dem Preis. 899 Euro kostet das W-Lan-Modell mit 32 Gigabyte. Rechnet man den Pencil für 109 Euro und das Smart Keyboard für 179 Euro dazu, summiert sich der Preis auf knapp 1200 Euro. Das ist mehr als der Preis eines Macbook Air mit gleicher Display-Größe und weniger als der eines Macbooks. Will man sich die bestmögliche Ausstattung leisten, kostet das iPad Pro mit 128 Gigabyte internem Speicher und zusätzlichem Mobilfunkmodul 1.229 Euro. Plus Stift und Tastatur sind das dann immerhin über 1500 Euro. Dafür kann ich mir ja ein üppig ausgestattetes Notebook kaufen, werden jetzt einige sagen. Das stimmt, aber sie sollten vorher mal das iPad Pro in die Hand nehmen.

          Weitere Themen

          Selbstfahrende Autos in Tel Aviv Video-Seite öffnen

          Im Hightech-Mekka : Selbstfahrende Autos in Tel Aviv

          Tel Aviv ist ein Hightech-Mekka. In Israel soll es ein Start-Up pro 290 Einwohner geben, viele davon arbeiten mit digitaler Technologie. Die israelische Metropole wird von ausländischen Firmen als Testmarkt genutzt – auch für autonomes Fahren.

          Topmeldungen

          Demokraten-Debatte : Angriff auf Warren

          Bei der vierten Fernsehdebatte der Demokraten zeigte sich, dass Joe Biden nicht mehr der einzige Favorit ist, an dem sich alle abarbeiten. Diesmal musste Elizabeth Warren die meisten Angriffe parieren. Und Bernie Sanders musste sich nach seinem Herzinfarkt Fragen zu seiner Gesundheit gefallen lassen.
          Ein Messschlauch eines Geräts zur Abgasuntersuchung für Dieselmotoren steckt im Auspuffrohr eines VW Golf.

          Diesel-Skandal : Australischer Richter findet Einigung „unverschämt“

          Dass Volkswagen in der Diesel-Affäre einen Kompromiss mit der australischen Wettbewerbsbehörde geschlossen hat, regt den Richter auf. Das VW-Management wolle seine Hände in Unschuld waschen. „Ein Fiasko für die Unternehmensaufsicht.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.