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iPad kommt nach Deutschland : Die Welt ist das Netz, nicht die App

Das iPad bringt ein großes Display im Netbook-Format mit, die Bildschirmauflösung liegt bei 1024 × 768 Pixel Bild: Hersteller

Der viel gelobte Tablet-Computer von Apple zeigt im Dauereinsatz auch Schattenseiten. Die Hardware des iPad fasziniert und überzeugt. Aber die Systemkonzeption eines übergroßen iPhone wirft viele kritische Fragen auf.

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          Dass es erfolgreich sein wird und sich bestens verkauft, daran besteht kein Zweifel: In Amerika ist das iPad seit Ostern im Handel, und bereits nach 28 Tagen verkündete Apple, dass eine Million Geräte abgesetzt worden seien. Das erste iPhone hatte 74 Tage für diese Marke benötigt. Auch in Deutschland ist die Nachfrage immens. Von Freitag an ist das iPad erhältlich, und die Vorbestellungen der vergangenen Wochen zeigen: Es wird ein Hit. Schon sehen Marktbeobachter einen Einbruch bei den Verkaufszahlen der Netbooks, die Kunden würden lieber ein iPad als einen dieser kleinen Mini-Notebooks kaufen.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Wir haben Apples Wundergerät seit fast zwei Monaten im Einsatz, und die ersten Tage waren ungemein spannend. Aber es ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Zugegeben: Die Hardware überzeugt. Wie jedes Apple-Produkt ist das iPad ein Gerät aus einem Guss, das mit seiner hochwertigen Verarbeitungsqualität und wunderbaren Anmutung fasziniert. Mittlerweile haben etwa ein Dutzend Hersteller ähnliche Produkte angekündigt, Tablet PCs, die mit dem offenen Android-Betriebssystem oder mit Windows 7 arbeiten sollen, und wir sind sicher: Keines dieser Geräte wird hinsichtlich Charme und Anmutung dem iPad das Wasser reichen können.

          Die Entscheidung gegen das Apple-Tablett ist vielmehr eine grundsätzliche, es geht um die Systemkonzeption: Das iPhone von Apple ist so erfolgreich, weil es komplizierte und aufwendig gestaltete Inhalte des Internets auf ein kleines Smartphone herunterbricht. Mit der raffinierten Gestensteuerung, dem guten Safari-Browser und einem Betriebssystem, das vor allem durch Raffinesse bis ins Detail überzeugt, wird aus dem Kleingerät ein mobiles Terminal für E-Mail und World Wide Web. Das iPhone reduziert alles auf das Wesentliche im Unterwegseinsatz. Das ist seine Leistung.

          Ein hochwertiges Lesegerät mit langer Akkulaufzeit für Standardseiten des Internets: das iPad

          Sein Betriebssystem ist nahezu identisch mit dem des iPhone

          Das iPad wiederum ist eine Rolle rückwärts: Es bringt zwar ein großes Display im Netbook-Format mit, die Bildschirmauflösung liegt bei 1024 × 768 Pixel. Aber sein Betriebssystem ist nahezu identisch mit dem des iPhone. Es gibt nur eine Home-Taste am unteren Bildschirmrand, die Bedienung erfolgt mit denselben Gesten auf dem Display. Das iPad ist kein Gerät, das man unterwegs aus der Jackentasche zieht, und für das Halten in der Hand ist es auf Dauer zu schwer (um die 700 Gramm). Es bleibt ein großes iPhone, mit dem man allerdings nicht telefonieren kann. Wir sehen keine Leistung und erst recht keine Magie darin, ein Smartphone-System nahezu unverändert auf Tablett-Maße aufzupusten. Alle Chancen und Möglichkeiten, die sich aus der größeren Bauform ergeben könnten, bleiben ungenutzt.

          Was beim iPhone nicht stört, macht sich beim iPad schon nach kurzer Zeit negativ bemerkbar: Viele Wege sind versperrt, insbesondere wenn es eine Alternative zum kleinen Netbook sein soll. Nicht nur, dass USB-Anschlüsse und ein SD-Speicherkartenleser fehlen. Gewollt und deswegen besonders ärgerlich: Mit dem eingebauten Bluetooth und einem datenfähigen Handy kommt man nicht via Mobilfunk ins Internet. Das "Tethering" fehlt. Man soll sich für den Einsatz unterwegs vielmehr die 3G-Variante mit UMTS-Modem kaufen, und die wiederum verwendet keine herkömmlichen Sim-Karten, sondern eine "Micro Sim". Sie unterscheidet sich vom gewohnten Modul nur darin, dass die umgebende Kunststofffläche verringert wurde. Apples Gängelung: Man benötigt fürs iPad einen neuen Datenvertrag mit Micro-Sim-Karte.

          Ist das iPad als Laptop-Ersatz geeignet?

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