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iPad im Praxistest : Faszination oder Fingerakrobatik?

Aber wir meinen, dass es sich Apple zu einfach gemacht und viele Chancen vertan hat. Da ist zunächst, wie beim iPhone, das nicht durchgängige Multitasking, das auch hier mit den eher unzuverlässig arbeitenden „Push Notifications“ kompensiert werden soll. Es geht, wohlgemerkt, nicht darum, dem Benutzer Multitasking abzufordern, sondern darum, dass Anwendungen im Hintergrund laufen und beispielsweise den Eingang neuer Twitter-Nachrichten oder Chat-Anfragen dezent signalisieren. Bei einem Android- Smartphone sieht man sehr schön in der oberen Menüleiste Benachrichtigungen aller Art, dieser Luxus fehlt dem iPad. Für den Herbst ist eine Art Multitasking mit dem neuen OS 4 angekündigt, die Push-Nachrichten bleiben jedoch. Zudem lassen sich Programme nicht überlappend auf dem Bildschirm anordnen. Wäre das der Fall, könnte man mit einem Fingertipp oder einer Geste von einer Anwendung zur nächsten springen, denn Platz ist ja nun in Hülle und Fülle vorhanden. So aber wird ein Programm gestartet, es nimmt die gesamte Fläche ein, und mit Betätigen der Home-Taste endet es. Auch wenn das iPad in Sachen Tempo keinen Anlass zur Kritik gibt, ist das alles eine Umstandskrämerei, auch beim oft benötigten „Copy & Paste“.

Das iPad ist kein Arbeitsgerät und kein Notebook-Ersatz

Wer jedenfalls das iPad als Notebook-Ersatz verwenden will, in verschiedenen Anwendungen manövriert, Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenstellen muss, stößt schnell an Grenzen - und holt doch wieder den Klapprechner mit Tastatur hervor. Etwa, wenn man ratlos beim Schreiben einer E-Mail feststellt, dass sich keine Anhängsel einfügen lassen. Oder erlebt, dass sich auf der Flickr-Seite im Internet nicht einmal die im iPad gespeicherten Fotos hochladen lassen - weil sie nicht zugänglich sind (es geht über die Flickr-App). Schon bei einer trivialen Aufgabe wie dem Lesen von Nachrichten mit dem Google Reader und dem Einstellen von interessanten Neuheiten bei Twitter waren wir nach einer Stunde so genervt, dass wir es gelassen haben. Was am PC nur einen Tastendruck erfordert, gerät hier zur Mehrfinger-Akrobatik.

Kurzum: Das iPad ist kein Arbeitsgerät und kein Notebook-Ersatz. Man kann wunderbar Webseiten abrufen und lesen, Fotos betrachten oder Musik hören. In den Vereinigten Staaten ist zudem Apples Buchladen bereits geöffnet. Wenn es nur um das Schreiben von E-Mail, Memos oder Blogbeiträgen geht, ist die Welt in Ordnung. Wer indes mit eigenen Inhalten arbeiten will, eine E-Mail mit diversen Anhängseln aus unterschiedlichen Quellen zusammenstellen muss, Dinge neu arrangiert, Daten aus der „Cloud“ holt, wird am iPad keine Freude haben. Es ist eine Maschine für den passiven Konsumenten, nicht für den aktiven Nutzer, und das sind ungefähr ein Drittel aller Web-Surfer. Das iPad will einen wegführen aus der großen Freiheit des Web hin zu den Apps. Es ist ein goldener Käfig mit vielen Verlockungen, aber am Eingang steht Apple als „Gatekeeper“ und wacht über die Inhalte. Für unseren Geschmack ist das eindeutig zu viel an Gängelung. Wir hätten gern ein iPad. Aber wir würden, schon angesichts der zahlreich angekündigten Konkurrenzmodelle, derzeit keins kaufen.

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