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Interview mit Cray-Vorstand : „Wir bauen heute die Computer von übermorgen“

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Der Cray-Vorstandsvorsitzende, Peter Ungaro, und Technikvorstand Steve Scott Bild:

IBM hat gerade mit dem Supercomputer „Roadrunner“ die Hürde von einer Billiarde Rechenoperationen in der Sekunde genommen. Das ist zurzeit Weltrekord. Das Pionierunternehmen Cray aus Seattle bietet dennoch dem großen Konkurrenten Paroli.

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          IBM fordert abermals die Konkurrenz heraus. Der neueste Supercomputer des Unternehmens „Roadrunner“ hat gerade die Hürde von einer Billiarde Rechenoperationen in der Sekunde genommen. Das bedeutet Platz eins in der „Top 500“-Liste der schnellsten Rechner. Das Pionierunternehmen Cray aus Seattle bietet dennoch dem großen Konkurrenten Paroli. Ein Interview mit dem Cray-Vorstandsvorsitzenden, Peter Ungaro, und Technikvorstand Steve Scott.

          Wozu brauchen wir millionenteure Supercomputer, die im Bruchteil einer Sekunde Berechnungen ausführen?

          Peter Ungaro: Fortschritte in Wissenschaft und Forschung sind ohne starke Rechner nicht mehr machbar. Mit Hochleistungsrechnern kann man Realitäten simulieren und hochkomplexe Vorgänge in der Natur nachgestalten, die wichtig zum Verständnis der Abläufe sind. Die entscheidende Frage dabei ist, wie gut können wir die Realität heute schon abbilden und simulieren. Denn das kann wichtig für weitreichende Entscheidungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sein.

          IBM's Supercomputer Roadrunner

          Steve Scott: Nehmen Sie die Erderwärmung: Wir wissen, dass sich das Klima ändert. Dank der Supercomputer wissen wir aber auch, wie sich diese Veränderungen auf einzelne Regionen auswirken. Das ist wichtig, um heute die richtigen Schritte einzuleiten und morgen nicht in der Sackgasse zu stehen. Nehmen Sie auch den Flugzeugbau: Boeing entwickelte die Flügel für den neuen 787 mit Hilfe eines Cray-Supercomputers, führte immer wieder Simulationen zum Flugverhalten durch, verbesserte die Eigenschaften und sparte dadurch viel Geld.

          Supercomputer sind in den vergangenen zehn Jahren wieder in Mode gekommen. Wie schätzen sie die momentane Lage der Branche ein?

          Peter Ungaro: Diese Industrie ist ziemlich schwierig und hart umkämpft. Denn wir sprechen hier von einem vergleichsweise kleinen Markt mit einem Umsatzvolumen von kaum 11 Milliarden Dollar im Jahr. Allein auf dem Markt für Netzwerkrechner werden mehr als 50 Milliarden Dollar umgesetzt. Superrechner sind aufgrund ihrer Leistung und ihres Preises von oft vielen Millionen Dollar sehr exklusiv und prestigeträchtig. Vor allem aber sind sie etwas sehr Notwendiges. Das zieht mächtige Konkurrenten an.

          Steven Scott: Dabei ist das untere Ende unseres Marktes mittlerweile von Standardmaschinen geprägt, in denen oft Steuer- und Speicherbausteine eingebaut sind, die sich einzeln oder im System auch in besseren Heimcomputern befinden können. Cray hat da einen etwas anderen Ansatz als andere.

          Welchen?

          Peter Ungaro: Wir haben den Anspruch, die Besten zu sein. Daher zielen wir mit unseren Produkten ausschließlich auf die oberste Leistungsebene der Industrie. Wir machen Maschinen, die technisch gesehen an der Spitze der Entwicklung stehen. Dieses Marktsegment hat innerhalb der Branche ein Volumen von vielleicht 2 Milliarden Dollar im Jahr. Das ist der Bereich, in dem die Zukunft entworfen wird. Wir bauen also schon heute die Computertechnik von übermorgen.

          Sie haben mit IBM, NEC und Hewlett-Packard finanzstarke Konkurrenten, die nicht nur viel größer sind, sondern auch technisch aufrüsten. IBM hat gerade mit dem Roadrunner-Supercomputer die Hürde von einer Billiarde Rechenoperationen in der Sekunde genommen. Könnte Cray da nicht über kurz oder lang auf der Strecke bleiben?

          Peter Ungaro: Das glaube ich nicht. Es ist zwar richtig, dass wir starke und sehr fähige Wettbewerber haben. Doch das lässt uns nicht von unseren Zielen abrücken. Einerseits arbeiten wir mit Partnern wie AMD oder TSMC zusammen. Andererseits werden wir noch in diesem Jahr eine erste Maschine für das amerikanische Energieministerium vorstellen, die ebenfalls eine Billiarde Rechenoperationen in der Sekunden ausführen kann, aber produktiver arbeitet als der Computer von IBM. Im kommenden Jahr stellen wir dann ebenfalls in Amerika einen zweiten Supercomputer vor, der zumindest die Grenze von einer Billiarde Operationen in der Sekunde erreicht. Wir sind zwar klein, aber nicht zu unterschätzen.

          Was kann Ihr neuer Höchstleistungsrechner noch außer einfach nur schnell rechnen?

          Steven Scott: Wir haben vor einiger Zeit ein System der Prozessorenanordnung entwickelt, das deren Spezialisierung auf bestimmte Rechenoperationen je nach Anforderung gezielt ausnutzt. Das macht sie vielfältig einsetzbar und relativ effizient.

          Cray steckt seit vier Jahren in der Verlustzone, und der Aktienkurs ist momentan auf Talfahrt. Wird sich das auf absehbare Zeit ändern?

          Peter Ungaro: Das wird sich sehr bald ändern. Wir werden in den kommenden Monaten die Gewinnschwelle nehmen. 2008 ist für uns das Jahr der Wende. Wir haben in den vergangenen beiden Jahren bereits einen positiven operativen Mittelzufluss hinbekommen, und wir sind nicht von unserer Linie abgegangen, jedes Jahr etwa 100 Millionen allein in unsere Forschung und Entwicklung zu stecken. Das wird sich nun auch in der Gewinnrechnung auszahlen. Darüber hinaus sind wir mittlerweile regional sehr breit aufgestellt. Vor fünf Jahren verkauften wir unsere Geräte ausschließlich in Amerika. Heute machen wir 50 Prozent unseres Umsatzes im Ausland.

          Der Star der Branche ist der Roadrunner - oder auch nicht. Zwar schlägt der neue Supercomputer aus dem Hause IBM zumindest in der Spitzen-Rechen-Geschwindigkeit mit mehr als einer Billiarde Operationen in der Sekunde alles, was es bisher auf den Markt gab; doch die Hitliste, die diese Superrechenmaschine an die Spitze der gesamten Branche stellt, steht selbst heftig in der Kritik.

          Denn die Liste beruht auf einer einzigen Bezugsgröße, der sogenannten Linpack-Benchmark. Mit ihr wird einem Computer eine lineare Gleichung gestellt. Die Geschwindigkeit des gelieferten Ergebnisses wird je Sekunde in Gleitkomma-Operationen (Flops) angegeben. Diese Operationen sind wichtig, um mit gebrochenen Zahlen oder großen Zahlen in der Umgebung anderer großer Zahlen umgehen zu können. Die numerische Programmierbibliothek Linpack gibt allerdings nicht vor, wie große das Gleichungssystem zur Feststellung der Computergeschwindigkeit zu sein hat. Daher steht sowohl die Benchmark, wie auch die gesamte Liste der schnellsten Supercomputer bei vielen Fachleuten heftig in der Kritik. Die Konkurrenten von IBM, die japanische NEC und die amerikanische Cray-Gruppe, kündigten an, ebenfalls einen Computer mit einer Rechengeschwindigkeit von mehr als einer Billiarde Operationen je Sekunde auf den Markt zu bringen. Anders als IBM setzen sie mit denen von ihnen verwendeten Chipsystemen nicht auf Hybridarchitektur, in der die eine Chip-Art der anderen quasi als Hilfskraft zuarbeitet, sondern auf einheitliche Bausätze. Cray verwendet die unter anderem in Dresden von AMD entwickelten Chips der Marke Opteron, NEC setzt in seiner Supercomputermanufaktur zwei Stunden westlich von Tokio auf hauseigene Bausteine. Die einheitlichen Systeme sollen die zur Steuerung der Chips verwendeten Betriebs-Programme einfacher machen und verläßlicher arbeiten lassen.

          Die neue Maschine von IBM kann dank eines ausgeklügelten Systems Tausender miteinander kombinierter Steuerbausteine mehr als einer Billiarde Rechenschritten in der Sekunde bewältigen. Damit ist der Computer zumindest nach der Linpack-Benchmark fast doppelt so schnell wie sein Vorgänger, der ebenfalls von IBM gefertigt wurde. Die Amerikaner führen seit vier Jahren die regelmäßig vorgestellte Rangliste der schnellsten Computer der Welt an.

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