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Internet-Telefonie : Eine schlaue Nummer?

Von einem Skype-Anschluss zu einem anderen telefoniert man unentgeltlich. Egal, ob der Anrufer in New York sitzt und der Angerufene in Neu-Isenburg - vorausgesetzt, beide Partner nutzen ein Wireless-Lan als Transportmedium Bild: Corbis

Internet-Telefonie auf dem Smartphone: Die Anbieter versprechen viel, aber es hapert an allen Ecken. Wir haben „Voice over IP“ mit dem iPhone und Android probiert.

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          Die Tücke steckt im Detail, nämlich im Kleingedruckten. Fast alle Mobilfunker untersagen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen die Internettelefonie mit „Voice over IP“ oder fordern dafür ein zusätzliches Entgelt. Bei der Technik wird Sprache als Datenpaket über das Netz verschickt, und mancher Festnetzanschluss verwendet seit Jahr und Tag das Voip-Verfahren, ohne dass es der Anschlussinhaber merkt. Jeder vierte Europäer nutzt das Telefonieren übers Internet, sagt der Branchenverband Bitkom.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Aber warum soll Voip in den Mobilfunknetzen gefährlich sein? Die Telekom fürchtet sich vor zu viel Datenvolumen: „Die Netze verkraften das nicht“. Eine Aussage, die angesichts eines forcierten Netzausbaus mit immer mehr Tempo kaum glaubwürdig erscheint. Ein modernes Smartphone genehmigt sich täglich bei zurückhaltendem Einsatz einige Megabyte. Allein der Aufruf einer typischen Internetseite wie www.faz.net kostet rund ein Megabyte. Weiteres Surfen, Blättern und Lesen entsprechend mehr. Für den E-Mail-Abruf benötigt ein typisches Handy zehn bis 150 Megabyte im Monat. Die Internettelefonie mit Skype und anderen Anbietern ist demgegenüber sehr genügsam: Wer eine Stunde im Monat mit seinen Freunden plaudert, liegt bei ungefähr acht Megabyte. Also so gut wie nichts.

          Mit Internet-Telefonaten kann man einiges sparen

          Bei den Voip-Restriktionen geht es keineswegs um die Netzauslastung, sondern in erster Linie ums Geld: Mit Internet-Telefonaten kann man einiges sparen, vor allem im Ausland. Wer beispielsweise von einem Skype-Anschluss zu einem anderen telefoniert, tut das unentgeltlich. Egal, ob der Anrufer in New York sitzt und der Angerufene in Neu-Isenburg. Vorausgesetzt allerdings, dass beide Partner ein Wireless-Lan als Transportmedium nutzen, etwa das ohnehin vorhandene zu Hause oder das Gratisangebot im Café. Bei Voip über Mobilfunk sind die Spareffekte eher gering, und wenn es um inländische Telefonate geht, ist eine Flatrate auf Dauer günstiger.

          Jedoch wollen wir hier nicht den Blick auf die Kosten richten, sondern gehen der Frage nach, womit man gut „voipen“ kann. Wir haben zwei Dienste untersucht: das proprietäre Skype-System, das seit einigen Monaten zu Microsoft gehört. Es ist die in aller Welt beliebteste Voip-Lösung. Und zweitens das offene und anbieterunabhängige Sip, das Session Initiation Protocol, das von allen nur denkbaren Anbietern unterstützt wird. Sip ist quasi der Generalist, man kann zum Beispiel mit seinem 1&1-Anschluss problemlos einen Dus.net-Teilnehmer erreichen, meist gehört zu einem Sip-Account auch eine Festnetznummer im eigenen Ortsnetz dazu.

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          Die erste gute Nachricht: Sip und Skype sind auf den beiden führenden Smartphone-Plattformen schnell in Betrieb genommen. Es gibt eine App dafür. Und mit Sip auf einem aktuellen Androiden kann man selbst darauf verzichten. Denn das Google-Betriebssystem hat in den neueren Versionen die Sip-Unterstützung gleich eingebaut. In den „Einstellungen“ des Telefonmenüs kann man „Konten für Internetanrufe“ einrichten, ein Kinderspiel. Man wählt anschließend aus, für welchen Anruftyp Voip verwendet werden soll, das ist schon alles. Bei uns funktionierte Sip mit einem Samsung-Smartphone und Android 4 sehr ordentlich und zuverlässig - bei erstklassiger Sprachqualität. Der einzige Nachteil: Will man unter seiner Sip-Festnetzrufnummer erreichbar sein, muss man den Menüpunkt „eingehende Anrufe annehmen“ aktivieren. Und mit diesem Warten im Hintergrund reduziert sich die Akkulaufzeit des Androiden drastisch.

          Im nächsten Versuch installierten wir die Sip-App des Anbieters Sipgate auf einem iPhone 4S. Auch hier ist die Einrichtung flink erledigt und die Akustik bei Gesprächen über das W-Lan ausgezeichnet. In den Einstellungen kann man angeben, ob Voip auch via Mobilfunk-Datenverbindung genutzt werden soll. Der Schalter „Multitasking“ aktiviert die Erreichbarkeit für eingehende Anrufe. Die Akkubelastung ist spürbar, fällt aber nicht so dramatisch ins Gewicht wie bei Android.

          Beitrag einzahlen und dann „abtelefonieren“

          Wer mit seinem Sipgate-Anschluss abgehend ins Festnetz oder in die Mobilfunknetze telefonieren will, kann beim Voip-Anbieter zwischen verschiedenen Tarifen wählen oder nach dem Prepaid-Prinzip vorab einen Beitrag einzahlen und dann „abtelefonieren“. Was bei uns in Deutschland mit iPhone und Android prima funktionierte, musste sich während einer längeren Amerika-Reise im Praxiseinsatz bewähren. Mit gefülltem Guthabenkonto wollten wir ins deutsche Festnetz telefonieren, es kam jeweils das W-Lan des Hotels zum Einsatz. Das enttäuschende Ergebnis: Nur ein einziges Gespräch kam zustande, alle weiteren Versuche scheiterten schon am Rufaufbau. Und nach zwei Tagen hatte die Sipgate-App beim Start sämtliche Login-Parameter vergessen.

          Für die nächste Reise haben wir bei Skype ein Guthaben eingezahlt. Die passende App für beide Betriebssysteme ist ebenfalls flink installiert und nahezu selbsterklärend. Gratis kann man mit allen anderen Skype-Kunden telefonieren, die gerade online sind. Telefonate in ein Festnetz dieser Welt kosten 2,2 Cent die Minute, ferner gibt es Abonnements für Vielnutzer. Da zu dem eigenen Skype-Anschluss keine Rufnummer gehört, ist man aus dem Fest- oder Mobilfunknetz nicht für ankommende Telefonate erreichbar. Auch das Gegenüber muss Skype nutzen. Abhilfe schafft eine Skype-Online-Rufnummer, die aber 17 Euro für drei Monate kostet. Selbst dann sieht es mit der Erreichbarkeit auf dem Smartphone eher mau aus.

          Geringe Verbreitung, unbefriedigende Akustik

          Abschließend ein Blick auf weitere Konkurrenten. Die Gratis-App Fring ist für etliche Betriebssysteme schon sehr lange auf dem Markt. Sie vereint verschiedene Dienste unter einem Dach, darunter auch die Chat-Systeme von Microsoft, Google, ICQ und AOL. Telefonate lassen sich zu anderen Fring-Nutzern unentgeltlich führen. Allerdings ist die geringe Verbreitung der App ebenso problematisch wie die unbefriedigende Akustik.

          Wenn die ganze Familie Apple-Produkte einsetzt, sollte man einen Blick auf Facetime werfen. Damit gelingen (Video-)Telefonate untereinander von und zum iPhone 4 oder 4S, iPad 2, iPod Touch oder Mac-Rechner mit Kamera in ausgezeichneter Qualität. Facetime funktioniert derzeit nur mit Wireless-Lan, und man muss auf den Mobilgeräten nicht einmal eine App installieren, denn es ist im Betriebssystem verankert.

          Ein Geheimtipp für beide Smartphone-Welten ist Viber. Es ist gratis, erlaubt Telefonate über W-Lan und Mobilfunk und bietet zudem ein Messaging-System. Man kann allerdings nur mit anderen Viber-Partnern telefonieren. Eine (kostenpflichtige) Festnetz-Option fehlt. Indes funktioniert das Ganze bei uns mit iPhone und Android sehr zuverlässig.

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