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Internet-Telefonie : Als Nächstes fallen die Auslandstarife

Bild: Getty

Warum gibt es im Zeitalter der internetbasierten Telefonie noch herkömmliche Rufnummern? Mit Voip-Nummern ist man unabhängig. Zudem kostet damit das Telefonieren schon jetzt nichts mehr.

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          Ein großes Rätsel der Menschheit: Warum gibt es im Zeitalter der internetbasierten (IP, Voip) Telefonie noch herkömmliche Rufnummern? Warum quälen wir uns mit Ziffernfolgen, die in Deutschland sogar einen Ortsbezug haben müssen? Wer nach München umzieht, darf seine Hamburger Rufnummer nicht mitnehmen, bestimmt die Bundesnetzagentur. Nur verträgt sich dieser deutsche Ordnungswahn immer weniger mit der Realität im Zeitalter des Internets.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Hier ein paar Schlaglichter auf die Gegenwart im 21. Jahrhundert: Der Junior studiert demnächst in Amerika, und er will mit den Lieben daheim gewiss kein „Auslandsgespräch“ führen. Also „holt“ sich Vater binnen fünf Minuten im Internet eine Voip-Festnetznummer in Boston, die weitere fünf Minuten später in seiner deutschen Telefonzentrale Fritzbox von AVM so programmiert ist, dass alle Telefone der Familie klingeln, sobald Junior ruft.

          Das Interkontinental-Gespräch nach Hause ist sogar für den Filius kostenlos, wenn er ebenfalls mit Voip und Sip-Protokoll das Gespräch aufbaut. Aber warum gibt es, wie gehabt, bei der Telekom eigene Tarife für „Auslandsgespräche“? Und warum sollten überhaupt Gebühren anfallen, wenn über eine Internetverbindung Bits und Bytes getauscht werden, die zufälligerweise Sprache sind? Schließlich will die Telekom über kurz oder lang alle Anschlüsse auf die Voip-Technik umstellen, die sie NGN (Next Generation Network) oder All IP nennt.

          Um es auf die Spitze zu treiben: Wenn der fiktive Vater ein wenig experimentierfreudig ist, wird er sich noch eine zweite Voip-Rufnummer für sein Smartphone zulegen, um beispielsweise auf Dienstreise in Japan erstens unentgeltlich vom W-Lan-Netz des Hotels nach Amerika und zweitens, ebenfalls gratis, nach Hause telefonieren zu können. Wer mit einem deutschen Handy in Tokio eine herkömmliche Leitung nach Boston aufbaut, ist ratzfatz arm. Aber mit Voip bleiben auch in diesem Fall die Gespräche gratis.

          Die interessantesten Voip-Experimente funktionieren mit dem sogenannten Sip-Protokoll. Viele Anbieter im Internet stellen unentgeltlich eine Voip-Sip-Rufnummer zur Verfügung. Um Sip-Telefonate mit der vorhandenen Ausstattung zu Hause führen zu können, empfiehlt sich zum Beispiel eine Fritzbox von AVM als Router und Telefonzentrale. Über das Menü „Telefonie“, „Eigene Rufnummer“ und „Neue Rufnummer“ lässt sich eine Internetrufnummer in wenigen Minuten einrichten. Für die vier Smartphone-Betriebssysteme gibt es ebenfalls Dutzende von Voip-Apps in unterschiedlicher Qualität. Man experimentiere.

          Die Moral von der Geschichte: Telefonieren kostet nichts, entweder, weil man sich auskennt, oder in Zukunft für alle. Das herkömmliche Rufnummernsystem ist ein Anachronismus. Mit der Ablösung der leitungsgebundenen Telefonie durch die Voip-Technik bietet sich den Telekom-Gesellschaften in aller Welt die einzigartige Chance für einen Neuanfang. Natürlich muss das bisherige Nummernsystem abwärtskompatibel erhalten bleiben, allein schon für den Wählvorgang. Aber die Sprachsysteme der Zukunft, die weit über Telefonie hinausgehen werden, sind nicht mehr an Orte oder Ziffernfolgen gekoppelt, sondern vermutlich an E-Mail-Adressen.

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