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Internet-Protokoll IPv6 : Dem Internet gehen die Adressen aus

Im Internetverkehr haben Datenpäckchen nur eine Chance mit einer IP-Adresse Bild: Matt Britt / Wikipedia

Vier Milliarden IP-Adressen sind bald zu wenig. Schuld daran ist das veraltete Internet-Protokoll IPv4. Mit der neuen Version IPv6 steht eine Lösung bereit. Doch die Unternehmen zögern, ihre Software umzustellen. Es könnte bald zu spät sein.

          Das Internet hat ein Problem. Ihm gehen die Adressen aus. Vinton Cerf, der „Vater des Internet“, warnt: „Keine IP-Adressen mehr zu haben ist wie kein Öl zu haben“. Cerfs Vergleich ist gar nicht so abwegig. Alle Daten, die im Internetverkehr unterwegs sind, brauchen IP-Adressen, um ans Ziel zu kommen. Beim Surfen, Mailen, Chatten, Twittern, Herunterladen oder Telefonieren bekommen die Datenpakete eindeutige Verkehrskennzeichen, wenn sie auf die Reise geschickt werden. In etwa zwei Jahren werden die rund vier Milliarden IP-Adressen komplett vergeben sein.

          In Deutschland wurde wegen dieses Problems Ende 2007 der sogenannte IPv6-Rat gegründet. Die Interessengemeinschaft aus Unternehmen, Verbänden und Bundesministerien empfiehlt in einem nationalen Aktionsplan: „Um den Technologiestandort Deutschland nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen, muss Deutschland die Migration vom nunmehr 30 Jahre alten IPv4-Protokoll auf das technisch ausgereifte neue Internetprotokoll IPv6 mit Macht vorantreiben“.

          Eine Liste mit 340 Sextillionen Adressen

          Der Rettungsplan wäre also eine Aktualierung des Internetprotokolls von der Version IPv4 auf IPv6. Dadurch stünde eine Liste mit 340 Sextillionen Adressen zur Verfügung. Jeder Mensch auf der Welt könnte in Zukunft Geräte wie Heimrechner, Laptop, MP3-Player und Handy, aber auch vernetzbare Kühlschränke, Autos oder Kochherde mit dem Internet verbinden, ohne dass der Topf an Internet-Adressen nur annähernd ausgeschöpft wäre.

          Mit IPv4 oder IPv6: Ethernet-Kabel einstecken und los geht's für die Datenpäckchen

          Der Lösungsweg ist also klar - und er ist nicht neu. „Das Internetprotokoll IPv6 ist bereits seit rund zehn Jahren entwickelt“, sagt Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam und Vorsitzender des IPv6-Rats, „weil IPv4 von Anfang an Mängel hatte.“ Diese seien jetzt behoben. IPv6-Adressen sind flexibler, weil man sie auf mobilen Geräten mitnehmen kann, interaktive Anwendungen unterstützt werden und sogenannte Ende-zu-Ende-Verbindungen besser funktionieren.

          „Social-Media-Anwendungen brauchen das Internetprotokoll IPv6“

          Das Web 2.0 wartet geradezu darauf. „Social-Media-Anwendungen brauchen das Internetprotokoll IPv6“, sagt Thorsten Dahm von Google. So werde es viel einfacher, jemanden über das Internet „anzurufen“ oder mit ihm direkt zu kommunizieren, weil nicht mehr mehrere hundert Leute eine Adresse teilen müssen, sondern jeder seine eigene hat.

          „Und die Frage ist sowieso nicht ob, sondern wann IPv6 kommt“. Google beschäftige sich seit zwei Jahren mit der Umstellung auf das neue Protokoll und teste „sehr viel“. So könne Googles Suchmaschine oder Anwendungen wie Kalender oder Docs von IPv6-Netzwerken aus angesteuert werden. Doch neugierige Surfer können Webseiten, die auf dem neuen Internetprotokoll basieren, in Deutschland nur mit Hilfe sogenannter „Tunnel“ oder bei wenigen kleinen Providern nutzen.

          Probleme bei Google Maps

          Damit das Web mit dem neuen Protokoll läuft, müssen also vor allen Dingen die großen Internetservice-Provider (ISP) wie etwa die Telekom auf IPv6 umstellen - und nicht nur Inhalte-Anbieter wie Google, Amazon oder Ebay. Einer der größten Provider Amerikas, der Kabelfernsehen-Internet-Anbieter Comcast, sieht IPv6 bereits als „klare Lösung“ für das Problem mit der Adressknappheit. Comcast muss allein jetzt schon über hundert Millionen IP-Adressen verwalten, was nur durch zusätzliche Verfahren möglichst ist, die meist die Internetverbindung der Kunden verlangsamt oder stört. Ein Beispiel: Das asynchrone Laden der Landschaftsquadrate bei Google Maps ist auf die umständliche Verwaltung der IP-Adressen mittels IPv4 zurückzuführen.

          Die großen deutschen Provider haben bereits Testnetze aufgebaut. So arbeitet die Telekom „intensiv an der Umstellung auf das neue Protokoll“, sagt ein Pressesprecher. Man gehe davon aus, dass das Unternehmen „gegen Ende des kommenden Jahres erste Services auf Basis von IPv6 anbieten“ werden könne. Die Unternehmen arbeiten dabei mit der Dual-Stack-Technologie. Beide Protokolle werden dabei gleichzeitig unterstützt. Die Telekom habe mit dieser Technologie bereits Erfahrung gesammelt. „IPv4- und IPv6-Inhalte werden über lange Zeit gleichzeitig im Internet vorgehalten und sind für unseren Kunden erreichbar.“

          „Ansonsten kaufen die Provider die Hardware erst gar nicht“

          Internetnutzer sind meist auf die Umstellung vorbereitet, ohne dass sie es wissen. Denn Betriebssysteme wie Windows Vista, XP und 7, Apples Mac Os X und Linux unterstützen allesamt IPv6. Auch Hardware-Hersteller bereiten den Wandel schon vor. Anbieter wie D-Link oder AVM vertreiben IPv6-fähige Heimrouter oder stellen zumindest ein Software-Update zur Verfügung. Aus gutem Grund, denn „ansonsten kaufen die Provider die Hardware erst gar nicht“, sagt Google-Fachmann Dahm.

          Die Befürchtung des IPv6-Rats, dass Deutschland wegen der zögerlichen Umstellung auf das neue Internetprotokoll möglicherweise „ins Hintertreffen“ gerate, ist mit Blick auf einige asiatische Länder begründet. Insbesondere China hat sich früh dafür entschieden und etliche Testumgebungen gebaut. Einige Universitäten und Städte haben bereits IPv6-fähige Netzwerke. Vermutlich ist die vorangeschrittene Umstellung auf das neue Internetprotokoll weniger die Freude an Innovation als vielmehr die Furcht vor der Adressknappheit. Voraussichtlich nächstes Jahr wird China mehr IP-Adressen benötigen als jedes andere Land.

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