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Smartwatch Gear S von Samsung : Weder clever noch smart

Bild: F.A.Z. - Andreas Brand

Die neue Smartwatch Gear S versteht sich nur mit Samsung-Smartphones und hat eine kurze Akku-Laufzeit. Die Sim-Karte in der Uhr bietet nicht den versprochenen Zusatznutzen. Wenig ist gelungen, manches aber zukunftsweisend.

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          Über mangelnde Abwechslung oder gemächliche Modellpflege darf man sich in der Smartwatch-Abteilung von Samsung nicht beschweren. In den vergangenen anderthalb Jahren wurden sechs unterschiedliche Modelle auf den europäischen Markt geworfen. Wir haben uns die neue Gear S aus mehreren Gründen angesehen: Es ist die erste, die mit Samsungs hauseigenem Betriebssystem Tizen läuft, und die erste seit Jahren, die autonom ohne angeschlossenes Smartphone arbeitet, weil sie bei Bedarf auf eine eigene Nano-Sim-Karte zurückgreift.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Weitere Innovationen zeigen sich auf den zweiten Blick: Etwa das hochauflösende gebogene Display, das über eine Diagonale von zwei Zoll mit 360×480 Pixel und 300 ppi ein knackscharfes Bild in Super-Amoled-Technik zeigt. Die Anzeige ist eine Wucht, und auch die Oberseite mitsamt Chrom-Umrandung wirkt zeitlos und edel. Den guten ersten Eindruck ruiniert jedoch das gummierte Plastikarmband in Verbindung mit der überdimensionierten Edelstahl-Faltschließe. Ein klassisches Uhrenarmband aus Leder könnte Wunder wirken.

          Als gut empfanden wir den Tragekomfort. Während andere Rezensenten in dieser Hinsicht mit Kritik nicht sparen, meinen wir, dass die gebogene Bauform von Vorteil ist: Das üppige Volumen der 4× 5,8×1,3 Zentimeter messenden Smartwatch wird kaschiert, sie schlüpft besser unter ein Herrenhemd als beispielsweise die kantige, kleinere Pebble.

          Hoher Konfigurationsaufwand

          Für die Einrichtung der Gear S ist ein kompatibles Samsung-Smartphone unabdingbar, und wer im autonomen Betrieb seine Nachrichten und Hinweise ohne ein mit Bluetooth angeschlossenes Telefon erhalten will, muss zudem ein Samsung-Konto einrichten und weiteren Konfigurationsaufwand in Kauf nehmen. Das alles ist kompliziert und langwierig. Die erwähnte Pebble ist übrigens nach weniger als einer halben Stunde mit fast jedem Betriebssystem einsatzbereit. Wir haben es hier jedoch in mehrstündigen Sitzungen nicht geschafft, den autonomen Betrieb dahin gehend zu programmieren, dass die Uhr mit aktiver Sim-Karte zuverlässig neue E-Mails und andere Nachrichten meldete. E-Mails wurden nur bei laufender Verbindung mit dem Smartphone Galaxy Note angezeigt. Zudem ließ sich dann auf der Uhr nicht die vollständige Nachricht lesen. Telefonieren im Freisprechbetrieb à la Dick Tracy funktioniert, indes deutlich schlechter als mit den Watchphones von LG und Samsung, die wir Anfang 2010 ausprobierten und hier vorstellten.

          Innenleben: Pulssensor und Sim-Schacht
          Innenleben: Pulssensor und Sim-Schacht : Bild: Foto Hersteller

          Hielt damals der Akku einer Samsung S 9110, mit der man in ordentlicher Qualität telefonieren konnte, eine ganze Woche, musste jetzt die Gear S zweimal am Tag an ihren unförmigen Lade-Knubbel angedockt werden. Morgens war der Akku leer, weil wir die Nacht über unser Schlafverhalten von der Uhr haben analysieren lassen. Nach zweistündigem Laden musste der Handgelenkcomputer dann gleich zur nächsten Strapaze, nämlich das tägliche Fitnesstraining protokollieren. Danach lag der Akkustand bei 60 bis 70 Prozent, der dann bis in den späten Nachmittag reichte, bevor die zweite Betankung erfolgte.

          Schlafphasen messen mit der Uhr

          Dieses Fitness-Tracking bereitete deutlich mehr Freude als die Hinweis-Funktion für E-Mail und anderes. Die Basis ist stets der optische Pulsmesser an der Uhren-Rückseite. Er arbeitet bei Einzelmessungen wie beim Smartphone Galaxy S5 mehr recht als schlecht, häufig erst im zweiten oder dritten Anlauf. Aber mit der Auswahl eines Sportprogramms und fortan kontinuierlichen Messungen eignet sich die Uhr gut zur Kontrolle, ob man in der gewünschten Herzfrequenzzone aktiv ist. Leider sind nur vier Trainingsprogramme ab Werk installiert. Immerhin kann man nachträglich alle nur denkbaren Statistiken und Grafiken abrufen, sowohl auf dem Uhrendisplay wie auch auf der zugehörigen Samsung-App am Smartphone.

          Nachts kann man die Schlafphasen aufzeichnen lassen. Beginn und Ende der Schlafenszeit sind manuell vorzugeben, nach dem Aufwachen ist die Schlafzeit ablesbar. Sie wird vermutlich berechnet aus Phasen der Bewegungslosigkeit, so deuten es jedenfalls einige Menüs an. Abermals überzeugen die zahlreichen Möglichkeiten der Auswertung.

          Das neue Betriebssystem Tizen wirkt schlicht, es ist geradezu ein Gegenpol zum hauseigenen Touch-Wiz-Aufsatz für Android, und es läuft flüssig und hinreichend schnell. Die verschiedenen Menüs werden durch Finger-Streichbewegungen über das Display aufgerufen. Die Uhrendarstellung lässt sich umschalten, verschiedene „Watchfaces“ sind vorinstalliert, und es lassen sich über das Smartphone weitere Apps auf die Uhr laden. Dazu gehört beispielsweise eine Navigation mit Nokias Kartenanwendung Here.

          Zum Schreiben von SMS oder E-Mail hat das Samsung nicht nur eine Spracherkennung eingebaut, sondern auch eine Mini-Tastatur, die trotz der kleinen Tastenfelder verblüffend gut funktioniert. Alles in allem meinen wir jedoch, dass die Gear S mehr eine Studie als ein im Alltag sinnvoll nutzbares Gerät ist. 400 Euro sind ein stolzer Preis für eine Uhr, die sich mit nur wenigen Smartphones versteht und keine befriedigende Akkulaufzeit bietet. Jedoch zeigt Samsung eindrucksvoll, was uns in naher Zukunft erwartet.

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