https://www.faz.net/-gy9-83fmw

Im Dauertest : So tickt die Apple Watch

Als Sportuhr ist die Apple Watch schon jetzt ziemlich fit Bild: Hersteller

Ein Partner für das iPhone: Die Apple Watch ist mehr als nur Beiwerk, aber sie läuft noch nicht perfekt. Die smarte Uhr zeigt ihre Stärken vor allem im Fitness-Bereich. Wir haben sie mehrere Wochen getestet.

          6 Min.

          Wenn man die Apple Watch einige Wochen getragen hat, relativiert sich der hohe Stellenwert, der ihr in der medialen Aufmerksamkeit zuteilwird. Hier soll es um das Produkt gehen und nicht um den Apple-Hype. Die smarte Uhr, die in zwei Größen (38 und 42 Millimeter in der Höhe) und drei Modellreihen sowie mit unterschiedlichen Armbändern zu Preisen von 400 Euro an erhältlich ist, hat stets dieselbe Funktionalität. Selbst das teuerste Modell für 18.000 Euro kann nicht mehr als das günstigste, und ihr Akku läuft nicht eine Sekunde länger.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die Auswahl der Watch kann sich also an Stil, Mode und individuellen Präferenzen orientieren. Wer es mag: Die Ausführung in 18 Karat Roségold lässt sich mit einem 59-Euro-Sportarmband aus Plastik kombinieren. Apple hat ein eigenes Befestigungssystem für Armbänder erfunden, das einen schnellen Wechsel ohne Werkzeug erlaubt. Der Body der Uhr weist am jeweils oberen und unteren Ende eine Führungsschiene auf, in die das Band seitlich hineingeschoben wird. Drei Plastiknoppen am Bandende sorgen für einen präzisen Sitz und rasten in der Schiene hörbar ein. Zum Abnehmen des Bandes lässt sich der Sperrmechanismus mit dem Fingernagel entriegeln.

          Das Edelstahl-Gliederarmband ist mit einem ähnlich raffinierten Mechanismus versehen: Glieder lassen sich zur individuellen Anpassung einzeln ohne Werkzeug entnehmen. In der unteren Führungsschiene der Uhr verbirgt sich ein undokumentierter 6-Pin-Diagnoseport, der angeblich auch zum Laden des Akkus genutzt werden kann. Denkbar, wenngleich bislang reine Spekulation, sind also Akku-Armbänder.

          Die Unterseite der Uhr hat zwei Fotodioden und zwei Leuchtdioden, die den Blutfluss im Handgelenk zur Messung der Herzfrequenz erfassen. Und zwar mit Infrarotlicht im Standardbetrieb alle zehn Minuten und mit grünem Licht bei der kontinuierlichen Messung während eines sportlichen Trainings (Work-out). Tätowierungen am Handgelenk können die Messung beeinflussen. Generell ist die Bestimmung der Herzfrequenz über die Hautdurchblutung nicht trivial. Viele Sportuhren versagen in dieser Disziplin. Angeblich hat die Watch auch ein Pulsoximeter eingebaut, das die Sauerstoffsättigung des Blutes abermals über die Lichtabsorption ermittelt, das behaupten die Reparaturspezialisten von Ifixit, die eine Uhr auseinandergenommen haben.

          Bedient wird die Uhr mit dem Finger auf dem berührungsempfindlichen Amoled-Display, der Seitentaste und der „digitalen Krone“, die man drehen und drücken kann. Weiterhin gehört „Force Touch“ zum Bediensystem, quasi ein „rechter Mausklick“ durch festen Druck auf das Display, wie ihn auch das Touchpad der neuen Macbook-Rechner beherrscht. Und schließlich ist ein Aktuator eingebaut, den Apple „Taptic Engine“ nennt. Er gibt mit Klopfen und Pulsieren sehr subtile Hinweise - an deren Bedeutung man sich erst gewöhnen muss. Vibrationen und Töne sind nicht anpassbar, aber natürlich abschaltbar, etwa für Kirche und Kino.

          Bisherige Smartwatches haben eher schlichte Menüsysteme

          Das Bediensystem der Apple Watch erfordert anfangs ein wenig Aufmerksamkeit. Bisherige Smartwatches haben eher schlichte Menüsysteme mit horizontal und vertikal angeordneten Symbolen, die mit dem Finger und Wischgesten oder Seitentasten der Uhr aufgerufen werden. Es sind starre Menüs mit gegebenenfalls langen Wegen. Apple hat für die Watch ein Bediensystem entwickelt, das dynamisch und skalierbar ist. Der Uhrenbildschirm wird automatisch aktiv, wenn man den Arm hebt. Die Apps liegen wie bunte Murmeln auf einer einzigen Ebene, man kann sie bewegen und verschieben, nach eigenem Gusto anordnen und die Größe der Symbole mit Drehen der Krone ändern. Wie auf dem iPhone erreicht man Push-Notifications aller Art durch einen Fingerwisch vom oberen Displayrand nach unten. In umgekehrter Richtung ruft man die Checks auf, anpassbare Kurzinfos, wie etwa den Wetterbericht oder den nächsten anstehenden Termin. Die Sprachassistentin Siri läuft mit der Uhr bestens und lässt sich bei eingeschaltetem Display mit dem Ruf „Hey, Siri!“ starten.

          Dass die Apple Watch nur mit dem iPhone (ab Version 5) zusammenarbeitet, war nicht anders zu erwarten. Die Uhr wird mit dem iPhone über Bluetooth und Wireless-Lan gekoppelt. Doppelt also, W-Lan reicht im Haus weiter als Bluetooth, aber mit Repeatern kommt die Watch nicht zurecht. Viele Einstellungen nimmt man in der zugehörigen iPhone-App vor, auch das kann anfangs verwirren. Man benötigt ein wenig Eingewöhnung, aber es ist dann sofort zu erkennen, worin Apples Leistung besteht: Hier wurde ein Smartwatch-Betriebssystem entwickelt, das skalierbar ist, flexibel, erweiterbar in alle nur denkbaren Richtungen, eine Option auf die Zukunft.

          Erst die nächste App-Generation wird autonom auf der Uhr laufen

          In der Gegenwart sind die bislang verfügbaren Apps enttäuschend. Sie nutzen das Potential der Uhr nicht aus, sie sind schlecht angepasst, häufig lieblos, wie etwa die Twitter-Anwendung. Und sie müssen ihre Inhalte vom iPhone holen, was Sekunden dauern kann. Erst die nächste App-Generation wird autonom auf der Uhr laufen. In vier Disziplinen ist die Apple Watch jedoch gut: als Meldungszentrale für Push-Nachrichten, als persönlicher Assistent in Verbindung mit Siri, zur Kontaktpflege mit Freunden und Familie per SMS und als Fitness-Tracker. Um mit den Push-Meldungen zu beginnen: Für Apps, die (noch) nicht an die Watch angepasst wurden, kann man Push-Hinweise ein- oder ausschalten. Eingeschaltet, erfolgen sie so wie auf dem iPhone, also zum Beispiel lautlos oder mit Signalton. Watch-kompatible Apps kann man selbst konfigurieren, also eine sehr feine Steuerung zum Beispiel für die E-Mail vornehmen. Alle Push-Meldungen landen nur auf dem jeweils aktiven Gerät, was clever ist: Es meldet sich entweder die Uhr oder das Smartphone, aber nicht beide gleichzeitig.

          Mit den passenden Einstellungen ist die Apple Watch ein dezenter persönlicher Begleiter, der einen auf Wichtiges hinweist, und im Zusammenspiel mit Siri ergeben sich weitere Möglichkeiten, wenngleich die Uhren-Siri nicht mit einem spricht, sondern die Dialoge nur anzeigt. Noch größer wäre der Gewinn, wenn die „Erinnerungen“ (für die es keine Uhren-App gibt) fehlerfrei funktionierten.

          Die Textnachrichten kann man diktieren

          Für die Kontaktpflege mit den Liebsten ist die Seitentaste reserviert, sie bringt die Favoriten aus dem Telefonmenü des iPhone zum Vorschein, weitere Personen lassen sich ergänzen. Apple geht davon aus, dass man Privates mit SMS und iMessage austauscht, hier ist die Uhr bestens aufgestellt. Die Textnachrichten kann man diktieren, man kann Textbausteine oder auch Audiodateien versenden - und den Herzschlag, aber nur an andere Watch-Besitzer. Viele Kurznachrichten einfach und schnell verschicken, das ist die Idee. Im Auto ruft man seiner Uhr entgegen „Hey, Siri, sage meiner Frau, ich fahre jetzt los!“, und schon ist die Meldung auf den Weg gebracht. Überhaupt ist die Apple Watch im Auto ein Pluspunkt: Mit den Push-Meldungen auf der Uhr entfällt der verbotene Griff zum Smartphone. Man sieht mit einem Seitenblick aufs Handgelenk, was los ist, oder weiß, dass nichts los ist.

          Entsperren muss man die Apple Watch nur dann, wenn man sie zwischendurch abgelegt hat. Und man kann mit der Uhr in ordentlicher Akustik und mit beiden Händen am Lenkrad telefonieren. Obwohl sie permanent mit Bluetooth ans iPhone angebunden ist, bereitet die zusätzliche Kopplung mit der Freisprechanlage des Fahrzeugs keine Probleme. Navigieren kann die Apple Watch zudem. Zwar sieht man auf dem Display nur eine Mini-Karte oder Richtungshinweise, gesprochene Anweisungen fehlen. Aber die Taptic Engine signalisiert haptisch, dass es nach links oder rechts geht. Sehbehinderte profitieren davon auch bei der Fußgängernavigation.

          Einige Male in der Stunde gibt es Ausreißer

          Schließlich die Sport-Funktionen: Der Besitzer einer Watch soll sich mehr bewegen, und dazu hat Apple einen Fitness-Tracker mitsamt Trainingsplaner eingebaut, der auch zu mehr Stehen auffordert. Das kann man als Spielerei abtun. Wir haben indes die Herzfrequenzmessung ausgiebig erprobt. Sie ist verblüffend genau, wenn man vergleichend mit einem Brustgurt misst. Einige Male in der Stunde gibt es Ausreißer, aber das ist nicht tragisch. Während eines Work-outs ist die Pulszahl kontinuierlich abrufbar, so dass der Hobby-Sportler frohlocken könnte: Endlich wird der ungeliebte Brustgurt überflüssig. Die Tücke liegt im Detail: Obwohl Apple alle Daten umfassend und ordentlich erfasst, ist eine nachträgliche Auswertung einzelner Sportereignisse nur rudimentär möglich.

          Ein Diagramm mit der Herzfrequenz über die Zeit sucht man in der Health- und Aktivitäten-App vergeblich, und es ist auch nicht möglich, nach dem Joggen die Strecke in einer Karte anzusehen und einzelne Passagen im Hinblick auf Tempo oder Puls zu analysieren. Das alles ist umso bedauerlicher, als beim Laufen abermals Distanzen, Rundenzeiten, Geschwindigkeit und Herzfrequenz sehr exakt ermittelt werden; selbst dann, wenn man das iPhone zu Hause lässt. Ein GPS-Track wird gar nicht aufgezeichnet, und wenn man zu diesem Zweck auf dem iPhone eine App wie Runtastic startet, benötigt man zusätzlich doch wieder den Brustgurt, weil Apple derzeit den Zugang zu den Watch-Herzfrequenzdaten für Dritte nicht erlaubt.

          Die Watch muss jede Nacht auf die Ladestation

          Im sportlichen Einsatz mit kontinuierlicher Pulsmessung ist der Akkuverbrauch der Watch am höchsten, die Uhr hält in diesem Modus sechseinhalb Stunden durch. Im gemischten Betrieb kommt man gut über den Tag. Aber die Watch muss jede Nacht auf die mitgelieferte induktive Ladestation. Das stört ungemein. Schon für kurze Reisen landet ein zweites Ladegerät im Gepäck, man wünscht sich eine schöne Stromtankstelle für iPhone und Uhr.

          Bisher waren Smartwatches ein Nischenprodukt für den Nerd. Apple gibt seiner ersten Uhr viele Details und ein elegantes Design mit auf einen Weg, der aus dieser Nische herausführen soll. Ob das Experiment gelingt? Die Watch ist eine Ergänzung des iPhone und löst dieses so wenig ab, wie der Tablet PC das Notebook ersetzt hat. Man braucht die Uhr nicht, sagen die einen. Sie zeigt die Zukunft der Wearables, die sich vom Smartphone lösen, sagen die anderen. Das Meldungssystem rund um die Push-Nachrichten und die Verbindung zu Siri halten wir für gelungen.

          Der Fitness-Tracker mit seiner Messgenauigkeit ist beeindruckend, kann eigentlich mehr und ruft geradezu nach einem Funktions-Update. Native Apps auf der Uhr könnten ein Knüller werden. Apple legt mit seiner ersten Watch etliche Grundlagen, die über das hinausgehen, was man bislang gesehen hat. Das Fundament steht, es eröffnet viele Möglichkeiten. Alles andere muss sich in den nächsten Monaten zeigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.