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Hybrid-Geräte im Vergleich : Notebook oder Tablet? Beides!

Das Notebook wandelt sich. Wir haben fünf solche Hybrid-Geräte getestet. Bild: Hersteller

Das Notebook ist nicht tot: Trennt man es von der Tastatur, entsteht ein Tablet. Fünf neue Hybridgeräte zeigen, ob sich die Technik bewährt.

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          Warum sollte man noch einen PC kaufen? Diese rhetorische Frage stellte Apple-Chef Tim Cook im vergangenen Jahr zur Vorstellung des ersten übergroßen Tablet-Rechners aus Cupertino, des iPad Pro. Der Flachrechner verdränge das Notebook und läute das Ende der PC-Ära ein. Das Argument ist nicht neu. Schon vor sechs Jahren, während der Präsentation des ersten iPad, hatte Apple-Gründer Steve Jobs die zugehörigen Office-Anwendungen und ein Tastatur-Dock mit der Bemerkung angekündigt, so lasse sich auf dem Flachrechner selbst ein dicker Roman wie „Krieg und Frieden“ schreiben: Desktop, ade.

          Marco Dettweiler
          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          In der Tat sah es dann viele Jahre so aus, als ob Steve Jobs und mit ihm viele Analysten recht behalten hätten: Der klassische Notebook-Markt schrumpfte zugunsten des neuen Tablet-Bereichs, der Absatz der tragbaren Rechner ging drastisch zurück, viele Hersteller verabschiedeten sich vom europäischen Markt. Doch nun ist seit dem vergangenen Jahr ein Wendepunkt erreicht, weil das Tablet-Segment seine erste tiefe Krise erlebt: Nach den Schätzungen der Marktforscher von IDC ist der Absatz der leichten Geräte 2015 um acht Prozent geschrumpft. Gartner rechnet sogar mit 12 Prozent. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig ein Wachstum des klassischen PC-Marktes. Auch hier regiert die Krise. Nach den Erhebungen von IDC sind im vergangenen Jahr 276 Millionen PCs in aller Welt verkauft worden. Damit schrumpfte der Markt um gut zehn Prozent und sank auf den tiefsten Stand seit 2008. Nur ein einziger führender Anbieter wächst, das ist Apple mit einem Marktanteil von 7,5 Prozent und dem vierten Platz nach Lenovo, Hewlett-Packard und Dell.

          Der Rückgang bei den PC-Verkäufen ist jedoch angeblich gestoppt. Das sagen die Prognosen von IDC und Gartner für dieses Jahr. Der Notebook-Markt erlebt eine zarte Renaissance. Neue Geräteklassen und innovative Bauformen standen zuletzt auf dem Mobile World Congress im Zentrum des Interesses. Wandlungsfähige Geräte wie die Convertibles und Detachables positionieren sich zwischen Notebook und Tablet. Mit den beiden neuen Begriffen sind Zwitter gemeint, die ihre Bauform radikal ändern. Ein Detachable erlaubt die Trennung von Tastatur und Display, Letzteres lässt sich dann als vollwertiges Tablet nutzen. Dazu muss dann allerdings das Innenleben hinter die Anzeige passen. So werden meist eher schwache Prozessoren verwendet, um das Tablet wegen der benötigten Kühlköper nicht unverhältnismäßig dick werden zu lassen.

          Ein Convertible setzt auf das Drehen oder Klappen des Bildschirms, um die Tastatur quasi verschwinden zu lassen und das Gerät allein mit dem berührungsempfindlichen Display zu bedienen. Weil Prozessor, Speicher und Akku wie bei einem herkömmlichen Notebook im Rumpf stecken, gibt es keine problematische Gewichtsverteilung. Es handelt sich also um wandlungsfähige 2-in-1-Geräte, die sich für Büroarbeiten mit der Tastatur bedienen lassen und beim Medienkonsum oder anderen passiven Tätigkeiten allein auf die Steuerung mit dem Finger setzen. Zur Standardausstattung neben dem hochauflösenden Touchdisplay zählt meist eine SSD. Der Nachteil der Bauform sind die empfindliche Mechanik, der Verzicht auf einen vom Anwender wechselbaren Akku, und meist ist auch die Zahl der Schnittstellen limitiert.

          Das Huawei Matebook überzeugt durch das optional erhältliche Zubehör... Bilderstrecke

          Wir haben fünf Geräte ausprobiert, die sich in zwei Kategorien aufteilen lassen. Das Galaxy Tab Pro S von Samsung, Huaweis Matebook (als Vorseriengerät) und Apples iPad Pro sind eher Tablets, die sich bei Bedarf zum Notebook erweitern lassen. Dahinter steckt stets dieselbe Konstruktionsidee: An der unteren Kante des Tablets wird über eine proprietäre Schnittstelle eine Tastatur angeschlossen, so dass keine Funkverbindung mit Bluetooth oder W-Lan benötigt wird, deren Einrichtung bisweilen kompliziert sein kann. Die Tastatur ist zugleich auch Schutzhülle und Ständer, da sie mit einem faltbaren Zusatz aus Leder oder Kunststoff erweitert wird. Beim Matebook und iPad Pro liegt ein Stift für Menübedienung, Notizen und Malerei bei.

          Alle drei Geräte haben folglich dieselben Vor- und Nachteile: Trägt man das Tablet zugeklappt, ist es angenehm leicht und dünn, der Bildschirm gegen Kratzer geschützt. Ob die Bildschirmgrößen von 12 Zoll (Huawei und Samsung) oder 13 Zoll (iPad Pro) im Tablet-Einsatz noch komfortabel sind, hängt davon ab, wie man das Gerät hält. Denn jenseits von 10 Zoll muss nach einer gewissen Zeit die zweite Hand mithelfen. Auch der Wechsel zwischen Tablet und Notebook kann nerven. Erst nach mehreren Tagen stellt sich eine Routine ein.

          Wackelige Verbindung

          Am einfachsten funktioniert die Bastelstunde mit dem Samsung, weil durch eine Aussparung für die Kamera klar definiert ist, wie und wo man den Ständer an das Tablet lehnt. Unpraktisch sind alle drei Kandidaten, wenn man sie als Notebook auf dem Schoß nutzt. Das Matebook von Huawei lässt einen in Sorge, dass der Ständer nach hinten wegklappt und das Tablet herunterfällt. Diese Unsicherheit tritt mit den beiden anderen Modellen seltener auf. Stets ist jedoch die Verbindung zwischen Tastatur und Tablet zu wackelig. Zudem geben die Tastaturen des Tab Pro und Matebook nach, was das Schreiben mit zehn Fingern erschwert.

          Auch wenn Huawei den Anspruch erhebt, dass das Matebook dank Stift und berührungsempfindlichem Display für Künstler ebenso attraktiv sein soll wie das iPad Pro mit seinem Pencil, hat Apple wohl diese Nische bereits besetzt. Das liegt zum einen am Stift, dessen Exaktheit und Form von Illustratoren hoch gelobt wird. Zum anderen dürfte die Zahl der anspruchsvollen Stift-Apps im App Store nicht mehr von künftigen Windows-10-Anwendungen einzuholen sein.

          Mehr Notebook als Tablet

          Zur zweiten Kategorie der von uns erprobten Geräte gehören das Acer Aspire Switch 12 S und das Microsoft Surface Book, beide wollen eher Notebook als Tablet sein, beide setzen auf eine festere Verbindung von Bildschirm und Tastatur. Das Display des Acer zieht man mit einem gewissen Kraftaufwand aus seiner magnetischen Verankerung. Das geht schnell und zuverlässig. Was nicht gefällt, ist die Aufhängung zwischen Tastatur und Tablet in geöffnetem Zustand. Der Bildschirm enthält den Großteil der Hardware inklusive Akku, und diese Gewichtsverteilung ist unvorteilhaft.

          Die Verbindungstechnik des Surface Book funktioniert anders: Man muss den Bildschirm per Tastendruck freigeben und entriegeln. Wie beim Acer kann man die Anzeige um 180 Grad drehen und wieder andocken, um den Präsentationsmodus zu nutzen. Oder man verwendet den Bildschirm im Soloeinsatz als Tablet. Das Besondere am Surface Book: Die Hardware ist auf beide Hälften verteilt. Im Unterteil sitzen neben der Tastatur, USB 3.0, Kartenleseslot, Mini-Displayport und Ladebuchse einer der beiden Akkus und gegebenenfalls ein zusätzlicher Grafikchip der Geforce Nvidia. Im Oberteil, also im Display, das zum Tablet wird, alles andere und abermals ein Akku. Dieser ist etwas kleiner ausgefallen und versorgt das Tablet nur für wenige Stunden.

          Davon abgesehen ist die Akkuleistung des Surface Book ein echtes Pfund. Microsoft verspricht zwölf Stunden, was bei normaler Nutzung durchaus gelingt. Der Bildschirm, der bereits bei den Vorgängern überzeugte, gefällt auch hier. Die Auflösung von 3000 × 2000 Pixel bei 267 PPI, Punkte pro Zoll, ist üppig, das daraus folgende Format von 3:2, die Touch-Funktionalität sowie die Größe von 13,5 Zoll machen aus der Anzeige eine Oberfläche mit satten Farben und feinen Konturen, die zum Arbeiten und Videogenuss einlädt, freilich aber auch stark spiegelt.

          Wir haben das Surface Book auf mehreren Reisen als Arbeitsgerät eingesetzt. Mit seinem stabilen Äußeren, der Notebook-Bauform und vollwertiger Tastatur lernt man es schnell schätzen. Meist wurde der Bildschirm nicht entriegelt und abgenommen. Aber die Möglichkeit, das Gerät auch als Tablet einsetzen zu können, macht das Surface Book attraktiv. Wäre da nicht der Preis. In der kleinsten Ausstattung mit Intels Core-i5-Prozessor, 8 Gigabyte Arbeitsspeicher und 128 Gigabyte internem Speicher kostet es schon 1650 Euro.

          Notebooks für Vielschreiber und Dauernutzer

          Ein klassisches Business-Notebook kann aus dieser Blickrichtung eine teurere, aber vernünftige Wahl sein: Zu Preisen jenseits von 1500 Euro bekommt man ein robustes Gehäuse. Gern wird mit Kohlefaser, Aluminium oder Magnesiumlegierungen gearbeitet. Schließlich werden die Boliden oft unter widrigen Bedingungen eingesetzt. Ein geringes Gewicht von unter 1,5 Kilogramm und nichts desto trotz lange Akkulaufzeiten jenseits von acht Stunden sind Pflicht. Vor allem, wenn das Gerät die Ultrabook-Spezifikationen von Intel erfüllen soll. Hier gibt es Vorgaben bezüglich Dicke und Akkulaufzeit, seit 2013 ist auch ein Touchscreen verpflichtend.

          Ein typischer Vertreter dieser Gerätegattung ist der nahezu unverwüstliche Thinkpad X1 Carbon von Lenovo, der in jährlichen Neuauflagen mit jeweils kleinen Verbesserungen erscheint. Seine Verarbeitungsqualität ist ebenso legendär wie die Tastatur. „Praktisch unzerstörbar“ nennt ihn Lenovo. Ein mattes Display mit mindestens Full-HD-Auflösung ist in dieser Kategorie angesagt, der Thinkpad X1 bringt beispielsweise in der gehobenen Ausstattung 2560 × 1440 Pixel über eine Diagonale von 14 Zoll mit. Eine Docking-Station für den Einsatz im Büro und ein externer Monitor gehören meist zur sinnvollen Zusatzausstattung.

          Meist spiegeln die Displays

          Wer sparen will, seinen Notebook nur gelegentlich transportiert und eine Maschine fürs Heimbüro sucht, liegt mit einem Allround-Gerät in der Preisklasse von um die 500 Euro nicht daneben. Was seitens der Rechenleitung und technischen Ausstattung von Neugeräten geboten wird, ist meist sogar für Spiele und Videobearbeitung ausreichend. Zur Standardkonfiguration gehören vier oder acht Gigabyte Arbeitsspeicher, eine mechanische Festplatte, W-Lan, Bluetooth und ein SD-Speicherkartenschacht.

          Genauer hinsehen sollte man bei der Bildschirmauflösung. Full HD mit 1920 × 1080 Pixel sind sinnvoll, aber oft selbst auf größeren Diagonalen (15 Zoll und mehr) nicht zu haben. Meist spiegeln die Displays und stellen Farben zu knackig dar. Der gravierendste Schwachpunkt ist indes häufig die Verarbeitungsqualität der einfachen Kunststoffgehäuse und Displayscharniere: fürs häufige Auf- und Zuklappen und harte Belastungen auf Reisen wenig geeignet. Bei vielen Geräten gibt auch die Tastatur deutlich auf Druck nach.

          Die neue Gerätegattung hat den Charme

          Das Zusammenwachsen von Tablet und Notebook zu einem Hybridgerät ist nicht immer ein Gewinn. Selbst im aktuellen Windows 10 ist der Touch- und Tablet-Modus nur selten eine Alternative zum gewohnten Desktop mit Tastatur und Touchpad oder Maus, zumal wenn es um produktives, konzentriertes Arbeiten geht. Aber die neue Gerätegattung hat den Charme, zumindest auf dem Papier das Beste aus zwei Welten gleichzeitig zu bieten.

          Noch steht die Entwicklung am Anfang. Das Surface Book von Microsoft hat bereits viele Freunde gefunden, und wenn die Preise purzeln, könnte die Renaissance des Notebook-Marktes mit den wandlungsfähigen Convertibles und Detachables beginnen.

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