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Huawei Mate 30 vorgestellt : Veralbert, begeistert, verunsichert

Auch beim Mate 30 steht die Kamera im Vordergrund Bild: Hersteller

Huawei bringt sein neues Smartphone ohne Google-Dienste auf den Markt. Jedoch zeigt das Mate 30 verblüffende Foto- und Videofähigkeiten.

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          Eine der skurrilsten Pressekonferenzen der vergangenen Jahre: Hunderte von Journalisten sind von Huawei zur Vorstellung des neuen chinesischen Smartphones der Oberklasse eingeladen. Die spannenden Fragen drehen sich weniger um das Gerät an sich, sondern um den Huawei-Bann des amerikanischen Präsidenten. Was ist mit den Google-Diensten auf dem neuen Gerät? Kommt das Mate 30 genannte Modell überhaupt nach Europa?

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Im Veranstaltungssaal könnte man eine Stecknadel fallen hören, als Walter Ji, Präsident der Konsumgütersparte Westeuropa, auf die Bühne tritt. In kaum verständlichem Englisch schildert er die Erfolgsgeschichte von Huawei seit den Anfängen. Huawei verbinde die Welt und setze auf Zusammenarbeit. Keine Antwort auf das, was die Journalisten beschäftigt. Fragen sind nicht erlaubt. Auch der nächste Vortrag brüskiert die Journalisten. Er geht um Huaweis gewiss verdienstvolle Bemühungen, gehörlosen Kindern zu helfen. Am Ende der Veranstaltung fällt mehr als nur einmal das Wort „Veralberung“. Die Wut der Journalisten könnte kaum größer sein.

          Auch die schließlich startende große Show in einer Münchner Messehalle gibt keine klaren Antworten. Mobile-Chef Richard Yu führt wie gehabt durch das neue Produktportfolio, stellt die Vorzüge der Geräte heraus, zeigt beeindruckende Fotos, vergleicht mit den Mitbewerbern und führt pfiffige Details wie die Gestensteuerung vor. Aber kein Wort über Android.

          Erst im Gespräch hinter den Kulissen bekommt man einige Antworten, ohne dass jemand verbindlich zitiert werden möchte: Neue Top-Geräte aus China kommen nach Europa, aber die Google-Dienste und vieles andere mehr fehlen. Was ist das Problem? Ob des Handelskriegs zwischen Amerika und China bekommen zwar die bereits auf den Markt erhältlichen Huawei-Geräte weiterhin Updates. Aber neue wie die jetzt vorgestellte Mate-30-Serie müssen aufgrund der amerikanischen Sanktionen ohne Google-Dienste ausgeliefert werden.

          Das Display ist 6,62 Zoll groß. Bilderstrecke

          Nur ein Rumpf-Android ist offene Software, der Rest von Android ist fest in der Hand des amerikanischen Monopolisten Google. Facebook, Google und andere amerikanische Unternehmen dürfen ihre Software nicht mehr auf neue Huaweis aufspielen. Das bedeutet: Sie kommen ohne Google-Programme wie Gmail, Maps und Youtube. Es fehlt der Play Store, der die Apps beherbergt, und Whatsapp, Instagram, Facebook sucht man ebenfalls vergeblich. Schließlich fehlen Google Services, ungezählte Bibliotheken und Module, die von Apps als Programmbestandteile im Unterbau verwendet werden, ohne dass man sie sieht.

          Das Mate 30 ohne Google ist nicht so einsetzbar, wie jedes andere Android-Smartphone, aber das sagt Huawei natürlich nicht. Über das Rumpf-Android packt der Hersteller ohnehin seine Emui genannte Oberfläche, und nun soll die App Gallery von Huawei ein Ersatz sein. Sie ist schon seit längerem auf neuen Geräten aufgespielt und beherbergt 11.000 Anwendungen.

          Ungeklärt bleiben viele Fragen

          Statt auf Google Services sollen Entwickler auf Huawei Services zurückgreifen. Dazu muss natürlich jede App neu programmiert werden. Ungeklärt bleiben viele Fragen: Kann man den Google Play Store und weitere Apps nachträglich installieren? Wie erhält das Mate 30 seine Sicherheits- und Android-Updates? Kommen und laufen Facebook und Whatsapp auf den neuen Modellen?

          Unter Android kann man nachträglich Apps selbst installieren, die Möglichkeit besteht, es gibt etliche alternative App Stores. Nur warnen Fachleute, dass die hier bereitgestellten Anwendungen nicht auf dem Sicherheitsniveau des Google Play Store liegen. Ferner verliert man natürlich auch die über Google abgeschlossenen Abonnements und Verknüpfungen mit dem Google-Konto.

          Auf der Rückseite eine Vierfachoptik

          Die technischen Daten des Mate 30 sind wie zu erwarten spektakulär. Das Mate 30 hat auf der Rückseite eine Vierfachoptik mit einem großen 1/1,54-Zoll-Sensor, der eine Empfindlichkeit bis ISO 51.200 erreicht. Der Hersteller verspricht nicht nur einen erweiterten Dynamikbereich, sondern auch Ultra-Slow-Motion-Videos mit sage und schreibe 7680 Bildern pro Sekunde. Dergleichen gab es in der Smartphone-Welt bislang nicht. Die gezeigten Videos sind atemraubend.

          Die Videokamera unterstützt zudem 4K Low-Light-Zeitraffer-Videos im Ultra-Weitwinkelmodus. Das Mate 30 Pro mit 40 Megapixel-Kamera hat eine Lichtempfindlichkeit, die abermals spektakulär ist, sie reicht bis ISO 409.600. Videotelefonate lassen sich mit einem proprietären Huawei-Protokoll in 1080p-Qualität führen. Die Mate-30-Serie kommt als Pro, als Mate 30 sowie als Mate 30 Lite. Die teuerste Variante ist ein Gerät von Porsche Design mit Lederrückseite.

          Der neue Prozessor Kirin 990 löst den Kirin 980 des Vorjahres ab. Er läuft stromsparender und schneller und ist von Haus aus mit einem 5G-Modul für die nächste Mobilfunkgeneration ausgestattet. Wie der Vorgänger-Chip ist er im 7-Nanometer-Verfahren gefertigt. Huawei hat auch seine Dual-NPU, Neural Processing Unit für Aufgaben der künstlichen Intelligenz verbessert. Mit einem ebenfalls neuen Bildprozessor verspricht man einen sichtbaren Qualitätsanstieg bei Fotos. Das Bildrauschen werde geringer, Fotos und Videos unter schlechten Lichtverhältnissen würden optimiert.

          Begeisterung und Verunsicherung liegen also dicht beieinander. Wer mit den neuen Huawei-Modellen liebäugelt, sollte wissen, welche Software und welche Dienste benötigt werden. Was mit den Geräten funktioniert und was nicht, wird sich erst in der praktischen Erprobung zeigen.

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