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High-End-Pretiosen : Die zweite Jugend der HiFi-Klassiker

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Musikalisch in Reih und Glied: Die HiFi-Zeile restauriert tönende Schätze aus goldenen Zeiten. Bild: Hersteller

Eine Art Jungbrunnen in Worpswede macht alte High-End-Pretiosen wieder quicklebendig. Die Arbeiten an der Mechanik fordern Zeit und Geduld. Doch die Mühen um das analoge Erbe führen meist zu schönen Ergebnissen.

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          Die Generation Spotify kennt sie wohl nur noch vom Hörensagen. Aber wir Reiferen denken gern noch an sie zurück – oft mit etwas Wehmut und gelegentlich sogar mit schlechtem Gewissen: So manches Schätzchen aus den goldenen Zeiten der HiFi-Geschichte fristet ja heute ein trauriges Dasein auf dem Dachboden oder als arbeitslose Deko in einem entlegenen Winkel des Arbeitszimmers. Schade eigentlich, fand Pierre Wittig schon vor Jahrzehnten und machte aus der Sehnsucht nach dem Glanz von gestern ein Geschäft. Heute residiert sein Unternehmen HiFi-Zeile in einem schönen, reetgedeckten Haus im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen – passend für einen Elektronik-Spezialisten, der sich den schönen Dingen verschrieben hat. Gestützt auf ein dreiköpfiges Team und ein globales Netzwerk externer Fachleute restauriert Wittig High-End-Pretiosen – für Auftraggeber aus aller Welt, die ihre betagten Kleinodien wieder flottmachen wollen, oder auch für eine arrivierte Kundschaft, die sich, Streaming hin, Alexa her, gern noch einmal einen Klassiker zulegen will. Zum Beispiel einen Komponententurm der Atelier-Serie von Braun, deren unsterbliches Design die Handschrift vom Großmeister Dieter Rams trägt. Oder einen mächtigen Receiver von Marantz, der in seiner goldenen Fassade noch ein veritables Oszilloskop zur Schau stellt. Für die Jüngeren: Damit ließ sich seinerzeit die Abstimmung nach allen Regeln der Kunst optimieren.

          Wittig kümmert sich am liebsten um Gerätschaften, die er gut kennt und für die er auf einen breiten Fundus an Einzelteilen zugreifen kann. Dazu zählen Klassiker von Accuphase, Harman/Kardon, Luxman, Pioneer, Sony und Revox. Revox? Lassen sich die großen Bandmaschinen mit ihrer komplexen Mechanik und ihrer nicht minder anspruchsvollen Elektronik denn überhaupt wieder in den Status jugendlicher Frische versetzen? Die Marke ist offenbar ein Glücksfall: Noch heute, sagt Wittig, sind bis zu 90 Prozent aller wichtigen Bauteile lieferbar. Die Manufaktur mit den eidgenössischen Wurzeln hat seinerzeit wohl mächtige Vorräte an Ersatzteilen angelegt. Die Verjüngung von Bandmaschinen passt zu einem Trend, der sich – quasi im Kielwasser der anhaltenden Vinyl-Renaissance – durch die HiFi-Szene zieht. Viele Hellhörige beschäftigen sich wieder mit rotierenden Bandwickeln, nicht nur aus Gründen der Nostalgie: Es gibt sogar Aufnahmestudios, berichtet Wittig, die allzu steril klingende Digitalproduktionen abschließend noch einmal über eine Bandmaschine schicken, um ihnen so noch ein wenig analoges Flair zu verpassen. Musikvertriebe bieten schon seit Jahren wieder vorbespielte Bänder an, und der Überzeugungstäter Roland Schneider, der unter seiner Düsseldorfer Marke Ballfinger moderne Nachkommen der feinmechanischen Magnetband-Dinos baut, hat damit weltweiten Erfolg.

          Sogar Cassettendecks, etwa hochgezüchtete Maschinen wie der legendäre Typ Dragon von Nakamichi, haben wieder eine Fan-Gemeinde. Wittig kann unter Umständen auch solche Geräte restaurieren. Denn es gibt Mechanik-Spezialisten wie die Holzmindener Firma Blackreel, die Verschleißteile wie Andruckrollen und Antriebsriemen in allen erdenklichen Formaten und in hoher Qualität nachfertigen. Allerdings fordern die Arbeiten an der Mechanik oft viel Zeit und Geduld: Schmierungen etwa können verharzen. Dann müssen alle betroffenen Teile ausgebaut, gereinigt und neu gefettet werden, und erst dann kommen neue Riemen und Rollen zum Einsatz. Doch die Mühen um das analoge Erbe führen meist zu schönen Ergebnissen, was man von digitalen Quellen nicht immer sagen kann: Wenn etwa der Abtastlaser eines CD-Players aus einer Braun-Anlage seinen Geist aufgegeben hat, wird es eng. Wittig hat noch einen gewissen Vorrat an passenden Laser-Einheiten, die er damals vom Hersteller in größerer Stückzahl bezogen hat. Aber grundsätzlich gilt: Laser-Einheiten lassen sich nicht reparieren, und es gibt zwar für etliche Gerätetypen preisgünstige Nachbauten aus China, aber auf die, sagt Wittig, kann man nicht wirklich zählen: Die Qualität solcher Ersatzteile ist nach seiner Erfahrung viel zu wenig verlässlich.

          Wenn es aber um knarzende Lautstärkeregler in Verstärkern geht oder um Quellenwahlschalter, die gern mal den Kontakt verlieren, kann Wittig helfen. Ebenso, wenn Kanaldifferenzen den Musikgenuss trüben oder kalte Lötstellen zu Wackelkontakten führen. Die Nachbearbeitung von Platinen ist dabei noch die am wenigsten knifflige Aktion. Mehr Mühe kostet es, zum Beispiel Quellen-Umschalter zu zerlegen, die winzigen Kontakte in chemischen Bädern zu reinigen und mit einem speziellen Fett nachzubehandeln, das noch aus der Fernmeldetechnik stammt. Damit wurden seinerzeit die mechanischen Wähler kontaktfreudig gehalten. Natürlich gehen solche zeitintensiven Behandlungen ins Geld. Wittigs Kunden sollten deshalb nicht in Rentabilitätskategorien denken, aber sie tun es auch selten: Wer sich auf den Weg nach Worpswede macht, verfolgt meist höhere Ziele als schnöde Kosten-Nutzen-Rechnungen.

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