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Headset für Vieldiktierer : Für Bessersprecher

Alles, was man braucht: Das Headset wird einfach auf die Docking Station gelegt. Bild: Hersteller

Tragen, was man nicht halten will – das Headset Speech One von Philips für Vieldiktierer lässt die Hände frei und bietet dank unkomprimierter Übertragung eine sehr gute Akustik.

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          Ein Blick ins Call-Center zeigt, womit die meisten Profis telefonieren: Mit einem monauralen Headset, ein Ohr fürs Gespräch, das andere bleibt frei für Umgebungsgeräusche oder zur Kommunikation mit Kollegen. Solche Spezialgeräte gibt es mit oder ohne Kabel von Sennheiser, Jabra, Plantronics und anderen Herstellern zu Preisen von 150 bis 500 Euro. Ihr wichtigster Vorzug besteht darin, dass man sie den ganzen Tag tragen kann. Nun könnte man auf den Gedanken kommen, ein solches Headset auch für die Spracherkennung zu verwenden, nämlich dort, wo rund um die Uhr diktiert wird. Viele Radiologen diktieren mehrere Stunden am Tag. Ein herkömmliches Diktiermikrofon so lange in der Hand zu halten, das ist schon eine Herausforderung.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Aber die Headsets fürs Call Center haben einen entscheidenden Nachteil: Sie übertragen die Sprache mit Bluetooth Wideband Audio oder mit Dect Wideband Audio in einer zwar guten Akustik, aber eben nicht in jener höchsten Qualitätsstufe, wie sie für perfekte Spracherkennung unabdingbar ist. Hört man sich entsprechende Aufnahmen an, ist im Vergleich mit einer unkomprimierten Sprachaufnahme sofort der Unterschied vernehmbar: Bluetooth und Dect decken mit solchen Headsets einen geringeren Frequenzbereich ab, die Dynamik ist beschränkt, und die Stimme hört sich ein wenig gepresst an. Scharfe Zischlaute klingen nicht natürlich. Man kann also ein solches Headset gewiss für Spracherkennung verwenden, aber es geht noch besser.

          So haben wir von Philips das Speech One ausprobiert. Es ist ein monaurales Headset, das die Sprache mit einem proprietären Funkprotokoll im Bereich von 2,4 Gigahertz unkomprimiert und damit in höchster Güte überträgt. Bevor sich dieses Philips jedoch mit einem Spracherkenner verträgt, ist einiges zu tun. Der Käufer bekommt nicht nur das Headset, sondern er muss auch eine Docking-Station verkabeln, die auf der Rückseite mit zwei historischen Mini-DIN-Buchsen versehen ist. Man möchte es kaum glauben und fühlt sich in die Zeit der Commodore-Heimcomputer zurückversetzt.

          Die Verwirrung könnte kaum größer ausfallen

          Zwei weitere Anschlüsse mit Micro USB führen zum Rechner oder zu einem externen Netzteil, und ein herkömmlicher USB-Anschluss dient dem Ankoppeln eines Fußschalters. Die Verwirrung könnte also kaum größer ausfallen. Statt fünf einheitlicher Anschlüsse (bestenfalls: USB Typ C) findet man hier eine Mischung aus vorgestern und von heute vor, das ist ein Wirrwarr ohnegleichen.

          Mit Micro USB wird ein kleiner Bediensatellit angeschlossen, er hat die Form eines Diktiermikrofons und arbeitet mitsamt Tasten und Touchpad auch als Ersatz für die Maus. Die Idee besteht darin, mit ihm die Aufnahme zu starten und zu stoppen sowie wichtige Kommandos über Tastendruck aufzurufen. Schade nur, dass der Bediensatellit ein Kabel braucht. Wie passt ein kabelloses Headset zu einem kabelgebundenen Bedienelement?

          Man kann einwenden, dass sich das Headset auch vollkommen autonom verwenden lässt, indem man nämlich zwischen Start und Stopp mit einem Drehrädchen am Headset umschaltet, das nicht nur zur Einstellung der Lautstärke dient, sondern auch als Taste arbeitet. Sodann erlaubt die Dockingstation mit ihren drei Tasten dieselbe Funktionalität. Nicht zuletzt kann man in der Spracherkennung selbst mit entsprechenden Befehlen die Aufnahme pausieren lassen und wieder aufnehmen. So gesehen ist der Lapsus mit dem kabelgebundenen Bediensatellit nicht so gravierend.

          Einfach seitlich auf die Docking Station legen

          Das Headset als solches bietet einige Pluspunkte, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Das Ohrpolster über dem Lautsprecher wird magnetisch gehalten und lässt sich mit einem Handgriff abnehmen und gegen ein anderes tauschen: Praktisch, wenn mehrere Nutzer dasselbe Gerät verwenden und auf die Hygiene achten. Auch werden zwei Kopfpolster zum Anstecken an den Metallrahmen mitgeliefert, um den Bügel bestmöglich anzupassen. Sodann liegt ein Nackenbügel dem Apparat bei, wenn man eine ganz andere Bauform zum Tragen des Headsets wünscht. Um den Akku des Geräts zu befüllen, legt man es einfach seitlich auf die Docking Station, das Laden erfolgt induktiv. Nach einer Stunde sind bereits 80 Prozent des maximalen Ladestands erreicht. Der volle Akku bietet eine Laufzeit von bis zu zwölf Stunden, sagt der Hersteller. Das Headset überbrückt per Funk eine Reichweite von bis zu fünf Meter zur Docking Station.

          Ein interessanter Gag ist die ebenfalls beiliegende Signalleuchte, die von Grün auf Rot automatisch umschaltet, sobald man diktiert oder telefoniert: ein Bitte-nicht-stören-Hinweis für die lieben Kollegen. Telefonieren kann man mit Speech One allerdings nur über Skype for Business, alle anderen Protokolle und Verfahren bleiben außen vor.

          Wir richteten Speech One zusammen mit der Spracherkennung Dragon 15 von Nuance ein. Das Gerät wird sofort vom Device Control Center erkannt und lässt sich dort vielfältig konfigurieren. Auch die Tasten des Bediensatelliten lassen sich individuell mit Funktionen oder Shortcuts belegen. Dergestalt bestens ausgerüstet, waren wir auf die ersten Diktate mit Dragon gespannt. Da der Abstand des Mikrofons zum Mund im Unterschied zum Einsatz eines Diktiermikrofons stets konstant ist, darf man bessere Ergebnisse als mit der Verwendung eines Handmikrofons oder Diktiergeräts erwarten.

          Wir wurden nicht enttäuscht. Tatsächlich zeigte sich, dass das Speech One hinsichtlich Akustik und Genauigkeit der Spracherkennung eines der besten Geräte auf dem Markt ist. Die verlustfreie Audioübertragung macht sich sofort bemerkbar. Zu Preisen zwischen 400 und 550 Euro je nach Konfiguration können wir es für Vieldiktierer nur empfehlen. Zum Einsatz außerhalb des Büros bringt Philips demnächst den Air Bridge Dongle für USB, auf diese Weise gelangt das Audiosignal direkt vom Headset in den PC.

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