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Handy-Spiel Pokémon Go : Einzigartiger Datenabgriff mit dem Trick der Gamification

Nur 13 Stunden nach seiner Veröffentlichung stand Pokémon Go auf dem ersten Platz aller Apple-Apps in den Vereinigten Staaten. Bild: Reuters

Das Handy-Spiel Pokémon Go bricht Rekorde. Doch der Spaß hat seinen Preis. Der Hersteller will jede Menge vom Nutzer wissen.

          Anfang vergangener Woche landete das erste Zubat in Frankfurt, und zwar auf der Höhe des Paul-Ehrlich-Denkmals. Der blaue Vogel zeigte seine charakteristischen vier Zähnchen und krakeelte am Westendplatz. Optisch einer Fledermaus ähnelnd, ist dieses Pokémon jedoch mehr als 90 Zentimeter groß und erreicht ein Gewicht von bis zu zehn Kilogramm. Das Zubat wurde vom Autor mit seinem Smartphone fotografiert und anschließend aufgesammelt. Jedenfalls virtuell. Pokémon sind Pocket Monster, Taschenmonster, Phantasiewesen aus der gleichnamigen Serie von Videospielen seit Mitte der 1990er Jahre. Nun erobern nicht nur Zubat, sondern auch der Kleinvogel Taubsi, der gern mit seinen Flügeln den Sand aufwirbelt, oder das blonde Rossana die virtuelle Welt, die sich in diesem Fall mit der realen überlagert. Das ist der Trick des neuen Handyspiels Pokémon Go, das seit einigen Tagen alle Rekorde der Spiele-, App- und Smartphone-Welt bricht, obwohl es zunächst nur in Amerika, Neuseeland und Australien zu haben war.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Amerika spielt verrückt: Nur 13 Stunden nach seiner Veröffentlichung stand Pokémon Go auf dem ersten Platz aller Apple-Apps in den Vereinigten Staaten. Nach wenigen Tagen hat das Spiel mehr tägliche Nutzer als Twitter, und es ist häufiger installiert als die populäre Kontaktanbahnungs-App Tinder. Mehr als 40 Minuten täglich verbringt der Nutzer typischerweise mit der Pokémon-Jagd, und der Aktienkurs des Spielekonzerns Nintendo, der Pokémon Go herausgibt, machte in der vergangenen Woche Kurssprünge um bis zu 25 Prozent.

          Mit echten Straßenkarten, GPS und Augmented Reality

          Doch woraus speist sich die Begeisterung? Der Spieler muss die kleinen Pocket Monster, die an vielen öffentlichen Orten lauern und auf einer Karte sichtbar sind, sammeln und tauschen, um schließlich den eigenen Monsterbestand im Duell mit anderen antreten zu lassen. Die Monster des Gewinners werden dann stärker und erhalten neue Fähigkeiten.

          Das Einsammeln der possierlichen Tierchen funktioniert mit echten Straßenkarten, GPS und Augmented Reality: Man sieht draußen Straßen, Kreuzungen, Parks, kann sich an der Karte auf dem Handy orientieren, und wenn ein Zubat oder Taubsi in der Nähe ist, schaltet sich die Kamera des Smartphone ein. Nun wird das Kunst-Tierchen in die reale Welt ringsum eingeblendet, als ob es tatsächlich über dem Rasen des Frankfurter Westendplatzes schweben würde. Die Spieler agieren also in der realen Welt, und sie treffen sich draußen, um ihre Pokémon zum Wettkampf gegeneinander antreten zu lassen. So wundert kaum, dass überall nächtens Spieler durch dunkle Gassen und Parks rennen, auf der Suche nach Mini-Monstern und Sparringspartnern. Pokémon-Jäger sind plötzlich überall.

          Überlastung der Server

          Das Gratis-Spiel mit Kaufoptionen in der App vereint also gleich mehrere alte Spiele-Genres und spricht die Sammelleidenschaft ebenso an wie die Freunde von Mehrspieler-Duellen und Aufbauspielen. Dazu kommen die neuen Elemente der virtuellen Realität. Wegen des ungeahnten Andrangs und der Überlastung der Server hatte Nintendo den Start der internationalen Version zunächst verschoben, mittlerweile ist das Spiel auch in Deutschland angekommen.

          Wer gleich am Anfang Pokémon Go spielen wollte, musste sich auf Umwege einlassen, die in der Android-Welt gefährlich sein können: Die installierbaren APK-Dateien für Android, die jenseits des Google Play Store im Internet kursieren, sind häufig mit Schadsoftware verseucht. So auch in diesem Fall: Eine Version von Pokémon Go versteckte den Droidpack-Trojaner. Doch nicht nur das sogenannte Sideloading von Apps ist gefährlich. Schon der Aufruf der Internetseiten mit APK-Dateien kann böse Folgen haben, wenn man mit unübersichtlichen Werbebannern in eine Abo-Falle gelockt wird. Um Pokémon Go aufs iPhone zu holen, benötigte man einen amerikanischen iTunes-Account.

          Anmeldung mit einem Google-Konto

          Sicherheitsprobleme gibt es dann nicht, aber eines ist zu beachten: Die erste Version der App räumte sich, ohne den Nutzer darüber zu informieren, bei der unabdingbaren Anmeldung mit einem Google-Konto alle Zugriffsrechte ein. Der Hersteller der Software ist das Unternehmen Niantic, das von ehemaligen Google-Mitarbeitern im Oktober gegründet wurde. Neugierig wie Google will Niantic alle E-Mails lesen, selbst E-Mails im Namen des Nutzers verschicken, alle Dokumente in Google Drive einsehen, die Such- und Karten-Historie begutachten und vieles mehr. Man erhielt als Nutzer jedoch nicht den kleinsten Hinweis, was hier passiert.

          Am Dienstag äußerte sich Niantic und erklärte, dass der vollständige Zugriff auf das hinterlegte Google-Konto ein Versehen sei. Man hätte auch keine der verlangten Daten ausgelesen. Indes: Wir installierten Pokémon Go auf einem Androiden mit einer Rechteverwaltung, die es erlaubt, einzelne Zugriffe zu sehen und zu blockieren. Bei jedem einzelnen Start wollte die App auf unser Adressbuch zugreifen, und sie forderte das Zugriffsrecht selbst nach mehrfacher Ablehnung unsererseits immer wieder aufs Neue an. Glaubhaft ist die Beteuerung von Niantic also nicht.

          Und es ist natürlich evident, dass man für Pokémon Go in der neuen Digitalwährung schlechthin bezahlt, nämlich mit der Preisgabe seines Standorts und des Standortverlaufs, auf dass zusammen mit den Google-Daten detaillierte Bewegungsprofile erstellt werden können. Auch das Vorgänger-Spiel von Niantic, Ingress, basiert auf der Verknüpfung von Virtual Reality und einer Landkarteneinbindung der realen Welt. So wird hier wohl nicht nur ein Hype rund ums mobile Spielen entfacht, sondern auch ein einzigartiger Datenabgriff mit dem Trick der Gamification.

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