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Grünes Rechenzentrum : Von Megabytes und Mikroalgen

Hier wachsen die Algen in vertikalen Schläuchen, ihr Stoffwechsel bindet dabei CO2 und produziert Sauerstoff.
Hier wachsen die Algen in vertikalen Schläuchen, ihr Stoffwechsel bindet dabei CO2 und produziert Sauerstoff. : Bild: Storyfischer

Nicht alle haben den direkten Draht zum grünen Strom, trotzdem gibt es inzwischen kaum noch Rechenzentren, die nicht auf Ökostrom setzen, und sei es über Zertifikate. Am Ende zählt aber nicht nur, was hineinfließt, sondern auch, was herauskommt. Und ein Rechenzentrum sei eigentlich nichts anderes als eine gigantische Wärmequelle, erklärt Ritter. Von der elektrischen Leistung wandelten sich 95 Prozent in Wärmeenergie. „Es ist verrückt, wenn man sich anschaut, was ein Prozessor macht“, sagt der Energietechniker. „Physiologisch ist das kein sehr komplexer Prozess.“

Was aber mit der Wärme anstellen? Das Start-up Cloud & Heat nutzt die Abwärme seiner Anlage im Frankfurter Eurotheum, um Büros und Hotellerie im Hochhaus zu heizen. Stockholm will bis 2035 sogar zehn Prozent aller Haushalte mit der Abwärme aus Rechenzentren versorgen. Was es dazu braucht, ist allerdings ein gut ausgebautes Fernwärmenetz, an dem es in Deutschland vielerorts mangelt.

Wöchentlich wird das Wasser aus dem Becken abgelassen, die Mikroalgen werden filtriert.
Wöchentlich wird das Wasser aus dem Becken abgelassen, die Mikroalgen werden filtriert. : Bild: Storyfischer

In Nordfriesland hat sich Windcloud deshalb etwas anderes ausgedacht und sich mit dem Unternehmen Novagreen zusammengetan, dessen Geschäftsmodell nicht auf Megabytes, sondern auf Mikroalgen baut. Auf dem Dach des Rechenzentrums bietet ein Gewächshaus optimale Bedingungen, um die Algen zu züchten, die später in der Kosmetik-, Pharma- oder Lebensmittelindustrie ihre Abnehmer finden. Windcloud kühlt seine Serverräume mit Frischluft, die am Ende mit 34 Grad der bevorzugten Wassertemperatur der Organismen ziemlich nahe kommt. In der kühleren Jahreszeit wärmt die Abluft. Im Sommer, wenn sich das Gewächshaus auf 50 Grad aufheizen kann, kühlt der Luftdurchsatz die Mikroalgen.

Weil Windcloud alles als Pilotanlage betreibt, finden sich testweise zwei Systeme für die Algenzucht im Gewächshaus. Eines, mit durchsichtigen Schläuchen, die vertikal hängen, und ein zehn mal sechs Meter großes Becken. Einmal in der Woche ist Erntezeit, das Wasser wird abgepumpt, eine Membran filtriert die Algen, die anschließend auf Blechen trocken. Dem Trocknungsraum heizt ebenfalls die Abwärme der Server ein.

Geschäftsführer Wilfried Ritter begutachtet die Bleche, auf denen die Algen für die Pharma-, Kosmetik-, und Lebensmittelbranche trocknen.
Geschäftsführer Wilfried Ritter begutachtet die Bleche, auf denen die Algen für die Pharma-, Kosmetik-, und Lebensmittelbranche trocknen. : Bild: Storyfischer

Mikroalgen betreiben Photosynthese, sie leben von CO2, Wasser und Licht und produzieren dabei Sauerstoff – ein Stoffwechselvorgang, der die Atmosphäre seit Jahrmillionen versorgt. Theoretisch kann das Rechenzentrum damit nicht nur eine weitere Einnahmequelle verbuchen, sondern mehr Treibhausgas binden, als es produziert. Ob die Rechnung in der Praxis aufgeht, muss sich zeigen. Beispielsweise reicht die Lichteinstrahlung im Winter für die Mikroalgen nicht aus. Für drei Monate im Jahr wird nur gerechnet, nicht geerntet. „Für eine kleine, dezentrale Anlage funktioniert das“, erklärt Ritter.

Die Pilotanlage ist größer als die gewöhnlicher Mittelständler, erste Kunden, die Serverflächen oder die Cloudtechnik des jungen Unternehmens verwenden, sind eingezogen. Ritter sagt aber auch: „In einer industriellen Anlage würden wir es anders machen, Brennstoffzellen einsetzen, mit Wasser statt mit Luft kühlen, innovativer bauen.“ Erhalten bleiben soll hingegen der Standort. Vorreiter nachhaltiger Energieerzeugung ist Schleswig-Holstein schon, geht es nach Ritter, soll es bald auch das Zentrum nachhaltiger Digitalisierung sein.

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