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Google Latitude : Der nackte Wahnsinn

Wo bin ich? Bild: Google

Es ist nicht die erste Software dieser Art, die Google mit „Latitude“ anbietet. Aber die Anwendung, Personen per Handy zu orten, wird vermutlich schnell viele Freunde finden. Aber warum wollen die Menschen sich im Netz immer mehr ausziehen?

          Es war einmal vor vielen Jahren eine Bier-Werbung im Fernsehen. In der Szene standen drei Männer mit halbgefüllten Gläsern am Tresen und hatten sichtlich viel Spaß. Einer von ihnen versuchte seiner Frau am Handy vorzutäuschen, dass er noch auf dem Weg nach Hause sei. Er wollte sich nicht dafür rechtfertigen, dass er in Wirklichkeit mit seinen Kameraden ein Feierabendbier trank. Die Freunde halfen mit Geräuschen und verstellter Stimme die fiktive Heimfahrt zu simulieren. Doch es half nichts, die Frau fiel auf den Trick nicht herein.

          Der Werbespot lief zu einer Zeit, als Mobiltelefone noch nicht allzu verbreitet waren. Handylose Menschen sahen den Clip ernster als die Produzenten es vermutlich wollten. Was tun in Situationen, wenn man so ein Handy in seiner Tasche hat, jemand anruft und fragt, wo man gerade ist, und man aber es nicht sagen will? Handy vorher ausschalten? Keine gute Idee, weil der andere dann erst recht fragen wird. Handy auf stumm schalten? Auch keine gelungene Aktion. Der Anrufer wird wissen wollen, warum man es nicht gehört hat.

          „Ich nehm das Handy nicht mit“

          Als dann die Zeit kam, als jeder ein Handy besaß, hatte man sich darauf eingestellt, dass die Ortsabfrage jederzeit kommen kann und dass man in manchen Situationen - wenn man es wollte und musste - einfach gelogen hat. Wie frei war der Wille, als das Mobiltelefon zu Hause gelassen wurde. In dem gern geäußerten Satz „Ich nehm das Handy nicht mit“ schwang stets eine gewisse Unsicherheit und Trotzigkeit mit. Unterwegs stellte sich eine Erleichterung ein, da man nun eh nichts mehr daran ändern konnte. Unerreichbar zu sein ist zu einem Luxus geworden.

          Willst du oder willst du nicht?

          Doch diesen Luxus wollen sich offenbar nur wenige gönnen. Soziale Netzwerke wie Facebook und StudiVZ, Microblogging wie Twitter, Chat-Tools wie ICQ oder Skype oder auch Standardtechniken wie SMS sind die geeigneten Instrumente, um jederzeit und überall Präsenz zu zeigen. Es wird den „Followern“, Freunden, Empfängern und Nutzern möglichst häufig mitgeteilt, was man denkt, fühlt, liest oder tut. In diesem Riesennetzwerk fließen die Informationen ungehindert. Wer sich anmeldet, ist drin und schwimmt mit im Zeichenstrom. Trocken bleiben ist schwierig, weil man meist nicht nur lesen darf, sondern sich auch öffnet für die Informationsflut.

          Die Mega-Präsenz-Blase

          Mit Google Latitude kann man diese Mega-Präsenz-Blase nun noch weiter aufpumpen. Wer ein Google-Handy, iPhone, Blackberry oder Symbian-S60-Gerät besitzt und Google Maps darauf hat, kann sich Latitude installieren. Der Nutzer meldet sich bei Google zunächst an. Dann wählt er aus seinem Adressbuch Leute aus, die wissen dürfen, wo er sich befindet, und von denen er wissen will, wo sie sich befinden. Jeder Angefragte muss zustimmen.

          Google stellt sich die perfekte Anwendung so vor: Man sieht jederzeit auf dem Stadtplan alle seine Freunde, weil natürlich alle zugestimmt haben, dass sie sich rund um die Uhr orten lassen. Dann hat der Suchende etwa Lust auf einen Kaffee, schaut, wer in der Nähe ist und ruft, smst oder mailt diesen an.

          Die gleichen Ablenkungsmanöver

          Will man das? Vermutlich werden es viele wollen. Doch es wird die gleichen Ablenkungsmanöver geben wie in der Anfangszeit des Handys. Die Latitude-Nutzer können nämlich ihre Dauerortung auch unterbrechen. Dann wird der letzte Standort vor dem Ausschalten angezeigt. Ebenso können ausgewählte Kontakte wieder gesperrt werden. „Warum hast du mich gesperrt?“ wird eine beliebte Frage sein. „Warum war deine Ortung unterbrochen?“ eine andere. Die Nutzer ziehen sich immer weiter aus, stehen nackt im Internet, um sich hin und wieder etwas überzuziehen.

          Es war einmal viele Jahre nach der Wende, als es in zahlreichen Städten Ostdeutschlands zu wenige Festnetzanschlüsse gab und Handyverträge zu teuer waren. Telefoniert wurde - wenn überhaupt - in der Zelle. Wer seine Freunde sehen wollte, musste zu ihnen nach Hause fahren oder sich an Orte begeben, an denen man sich regelmäßig traf. Das waren die einzigen Möglichkeiten, um zu erfahren, wo sich der andere gerade befindet. Selten hatten die Menschen so viel Kontakt zu ihren Freunden.

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