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Gesichtserkennung iPhoto 09 : Die unbeschwerte Leichtigkeit ist dahin

Gesichtserkennung: Es fängt mit einem schlichten Rahmen an... Bild: Hersteller

Apples iPhoto 09 mit biometrischer Gesichtserkennung ändert den Umgang mit Digitalfotos grundlegend. Wir haben dem Apple-Programm mehr als 1000 Familienfotos aus den vergangenen 30 Jahren vorgesetzt. Die Ergebnisse waren interessant.

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          Dass Apple sein iLife-Paket mit hübschen Programmen für Foto, Video, Internet und Musik aufgepeppt hat und nun in einer „09“-Version vorlegt, ist gewiss nicht die Nachricht, die einen vom Hocker reißt. Aber ein Detail der neuen Version von iPhoto hat uns lange beschäftigt. Nicht, weil es hier zum ersten Mal zu sehen oder besonders gut umgesetzt wäre. Nein, die Faszination speist sich allein aus der Idee, es geht um die biometrische Gesichtserkennung von iPhoto 09, um die Möglichkeit, Digitalfotos nach Personen ordnen zu lassen und mit Namen zu verbinden.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Neu ist diese Technik ebenfalls nicht, sondern seit mehr als 40 Jahren Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung. Vor allem die Sicherheitsbehörden und die Forensik experimentieren damit. Eine bestimmte Person allein über Merkmale des Gesichts optisch zu identifizieren ist mit etlichen Problemen verbunden. Welchen Ausdruck hat jemand bei der Aufnahme, guckt er oder sie direkt in die Kamera, oder ist die Person von der Seite zu sehen? Die Lichtverhältnisse spielen eine Rolle, die Mimik, die Pose, das Alter und vieles andere mehr. Die besten Systeme bieten mittlerweile eine Erkennungsrate, die sogar über den Fähigkeiten der menschlichen Gesichtserkennung liegt. Und nun baut Apple so etwas in sein beliebtes Bildverwaltungsprogramm ein, die Technik wird damit ebenso wie in der amerikanischen Version von Googles Picasa für jedermann verfügbar.

          Was iPhoto als Gesicht identifiziert und was nicht, ist interessant

          Die biometrische Erkennung in iPhoto 09 arbeitet in mehreren Schritten. Der Erste prüft, ob sich überhaupt Gesichter auf einem Foto befinden. Ist dies der Fall, zeichnet die Software einen Rahmen darum und fordert dazu auf, der Person einen Namen zu geben oder einen aus der Liste der bereits erfassten auszuwählen. Auf diese Weise findet ein kontinuierlicher, interaktiver Lernvorgang statt: Aus den getätigten Eingaben verfeinert die Software das biometrische Profil einer Person. Wird auf einem Bild kein Gesicht erkannt, und das ist recht häufig der Fall, kann man den Rahmen per Hand aufziehen und dann die Erkennung starten.

          ...und am Ende identifiziert iPhoto 09 die Annette überall. Demnächst auch im Internet?

          Was iPhoto als Gesicht identifiziert und was nicht, ist interessant: Wenn die Porträtierten in die Kamera gucken, klappt es meist, aber schon eine leicht schräge Aufnahme erfordert manuelles Eingreifen. Gesichter auf alten Schwarzweißaufnahmen wurden fast nie markiert. Es werden auch nur Menschen erkannt, Hunde oder Katzen bleiben außen vor. Witzigerweise identifiziert iPhoto sogar Personen auf Fotos im Foto. Im zweiten Schritt erfolgt die Erkennung bereits „gelernter“ Gesichter mehr oder weniger automatisch. iPhoto blendet das Bild ein, hebt eine Person hervor und fragt, ob es sich um Otto Müller handelt.

          Mehr als 1000 Familienfotos aus den vergangenen 30 Jahren

          Wir haben dem Apple-Programm mehr als 1000 Familienfotos aus den vergangenen 30 Jahren vorgesetzt. Das alles durch die Gesichtserkennung laufen zu lassen dauert Stunden. Schnell zeigten sich die Grenzen der Software: Am besten arbeitet sie mit Fotos von Personen, die nicht miteinander verwandt sind und in zeitlicher Nähe fotografiert wurden. Bei Familienfotos werden oft Väter und Söhne, Mütter und Töchter verwechselt, vermutlich, weil sie sich nicht nur ähnlich sehen, sondern auch identische biometrische Merkmale aufweisen. Aber wenn man iPhoto-Aufnahmen vorsetzt, die über eine Generation hinweg den Wandel der Person dokumentieren, kommt die Software vollends aus dem Takt. Schon eine neue Brille alle drei, vier Jahre sorgt dafür, dass das schon dutzendfach „gelernte“ Gesicht wieder vergessen ist.

          Alles in allem ist die Gesichtserkennung in iPhoto 09 noch nicht so ausgereift, wie man es bei einem Apple-Produkt erwarten darf. Aber sie macht trotzdem Spaß und öffnet einen neuen Blick auf alte Bilder. Man entdeckt doch einiges, und dank der „intelligenten Alben“ lassen sich pfiffige Suchabfragen und Filter setzen (“Fotos anzeigen, auf denen alle Geschwister gleichzeitig zu sehen sind“).

          Aus dem Gesicht werden ein Name und eine Geschichte

          Die Brisanz der Gesichtserkennung liegt indes nicht im privaten Vergnügen, sondern darin, dass sie ein Anfang ist. Wenn es demnächst die biometrische Identifizierung in Verbindung mit einer Internetsuche gibt, kann man jemanden auf der Straße mit dem Handy fotografieren und in der Suchmaschine flink die Identität des Fremden ermitteln. Aus dem Gesicht werden ein Name und eine Geschichte. Der Aufschrei der Datenschützer kommt gewiss und laut. Aber es ist viel zu spät. Auch derjenige, der keine eigenen Fotos im Netz eingestellt hat, mag auf Dutzenden von Bildern seiner Freunde und Kollegen zu sehen sein, ist doch das Veröffentlichen privater Aufnahmen bei Studi VZ und in anderen sozialen Netzwerken ungemein beliebt.

          Und was ist mit jenen Fotos, auf denen man unwissentlich abgelichtet wurde? Etwa Aufnahmen vom Urlaub am Badestrand mit Hunderten von Menschen oder Fotos von der wilden Fete des Fußballvereins? Man ist sofort identifizierbar, und schon jetzt erkennt iPhoto bisweilen kleinste Ausschnitte des Gesichts einer Person, die auf einem Gruppenfoto gut versteckt steht. Wie auch immer sich die Biometrie entwickelt: Sie wird in den nächsten Jahren unseren Umgang mit Fotos verändern. Die unbeschwerte Leichtigkeit ist dahin, jeder Schnappschuss ist möglicherweise ein Schritt in die Öffentlichkeit.

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