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Fragwürdige Werbung : Ein Selbstmordanschlag, der keiner war

Gibt es den Sender wirklich? Bild: vpk-tv.com

Es begann mit einem Anruf in unserer Redaktion und endete mit einer Werbung für einen Film. Dazwischen lag noch ein Selbstmordanschlag von deutschen Rappern und viel Recherche. Jetzt ist das falsche Spiel vorbei. Stimmt das?

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          Es begann mit einem Anruf aus der Telefonzentrale der F.A.Z.. Ein Herr Petersen aus Amerika sei in der Leitung, er habe Informationen über einen Selbstmordanschlag im kalifornischen Bluewater. Er arbeite für den lokalen Fernsehsender VPK, der direkt vom Tatort berichte. Weder CNN, noch New York Times oder Los Angeles Times hatten auf ihren Webseiten eine Meldung zu einem Attentat in Bluewater. Dafür konnte Petersens kleiner Fernsehsender mit Breaking-News auftrumpfen: Reporter vor Ort, Polizeisprecher, Interviews mit Augenzeugen. Doch wer die Bilder sah, wurde misstrauisch. Sie wirkten amateurhaft, die Szene gestellt.

          Doch dann lief eine Agenturmeldung der Deutschen Presseagentur (DPA) über den Ticker: „In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein. Es habe in einem Restaurant zwei Explosionen gegeben, berichtete der Sender.“ Auch die DPA hatte die Informationen von Petersen, recherchierte dann aber nach. Die Nachrichtenquelle blieb also zunächst die gleiche: Petersen aus Bluewater. Hinzu kam allerdings wenig später eine weitere. Die DPA hatte mit einem Sprecher der Feuerwehr gesprochen, der zwei Explosionen in einem Restaurant bestätigte. Natürlich gab es mittlerweile auch Tweets zu dem Thema. Unter dem Schlagwort „#Bluewater“ leitete ein „JFKindling“ einen Eintrag von „KimmieBlue“ weiter, dass es einen Terroranschlag gegeben hätte. In einem nächsten Tweet verwies er auf VPK-TV, die darüber berichten. Es scheint etwas an der Geschichte dran zu sein, sie hat sich offenbar erst vor Kurzem ereignet.

          Petersen muss nach Downtown

          Doch das Misstrauen blieb. Das Restaurant sah in dem Bericht von K-VPK unzerstört aus. Woher hatte der Sender das Bildmaterial? Ein Anruf bei Petersen brachte keine Aufklärung. Er habe wenig Zeit, sagte der Deutsche, er „müsse jetzt nach Downtown“. Eigentlich ein unsinniger Begriff bei einer Kleinstadt, die auf Google Maps nur wenige Straßen aufweisen kann. Und Bluewater leistet sich einen Fernsehsender? Nun ja. Beim Telefongespräch mit Petersen hörte man im Hintergrund Polizeisirenen. Fakt ist, dass Petersen unter der Telefonnummer erreichbar ist, die auf der Homepage des Senders angegeben ist. Doch die Webseite selbst wirkt nicht echt. Die Adresse wurde erst Ende Juni eingerichtet, der Wikipedia-Eintrag über K-VPK stammt von dieser Woche.

          Die Stadt Bluewater hat gerade einmal etwas mehr als 700 Einwohner. Und ein Fernsehsender und ein Restaurant. Diese Informationen stammen von der Homepage bluewatercity.com, auf die von der Webseite des Fernsehsenders verwiesen wird. Skurril ist, dass sowohl die Homepage des Senders als auch die vermeintliche Seite der Stadt am gleichen Tag eingerichtet wurden: am 29. Juni 2009. Bluewater hat auch einen Eintrag bei Wikipedia. Dort hat Bluewater lediglich knapp 300 Einwohner. Als offizielle Webseite wird bluewatercity.com angegeben. Und jetzt kommt's: Der gleiche Wikipedianer, der den Eintrag zum Fernsehsender geschrieben hat, hat auch den externen Link (bluewatercity) im Eintrag zu der Stadt hinzugefügt. Derjenige tat dies unter dem Namen „Bluewaterca“. Und außerdem fällt auf, dass Bluewater „City“ genannt wird. Doch Bluewater ist eine „unincorporated area“, also keine Stadt. Es gibt keine Polizei vor Ort.

          War es ein Fake?

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