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Fitness mit VR-Brille : Der Flug des Icaros

  • -Aktualisiert am

Fliegen wie weiland Ikarus Bild: Hersteller

Ein raffiniertes Fitness-Gerät und eine VR-Brille verleihen dem Menschen Flügel. Schon nach kurzer Zeit spürt der Übende so ziemlich alle Muskeln, die er hat.

          3 Min.

          Die gemeine Bürokraft ist ein geplagtes Wesen: Da zwackt vom vielen Sitzen schon mal das Kreuz, da knarzt die Hüfte, da schwindet dem Schultergürtel die muskuläre Spannkraft. Wohl dem, der nach Feierabend passenden Ausgleichssport betreibt. Für alle anderen gibt es jetzt eine Alternative, die womöglich selbst Gymnastik-Muffeln Spaß macht: Fliegen wie weiland Ikarus heißt das Fitness-Programm. Nur mit Happy End natürlich, denn es geht auch ohne den finalen Absturz, den der leichtsinnige Jüngling aus der griechischen Mythologie erleiden musste.

          So sahen das jedenfalls die beiden Industriedesigner Johannes Scholl und Michael Schmidt, als sie anno 2015 ihr Start-up nach dem tragischen Helden der antiken Sagenwelt nannten: Icaros heißt ihr Unternehmen seither in modifizierter Schreibweise. Die Idee der beiden Jungunternehmer mündete in eine Kombination aus Fitness-Hardware, Software nach dem Vorbild von Flugsimulatoren und passender VR-Brille. All dies ist inzwischen in etlichen Varianten zu haben, aber vor den Details erklären wir zunächst einmal das prinzipielle Zusammenwirken von Mechanik, Elektronik und Mensch.

          Also: Der Proband besteigt zunächst eine Art Gestell, auf dem er sich, stets auf sein Gleichgewicht bedacht, wie ein Hund auf allen Vieren niederlässt. Zwei Fußrasten, zwei Schalen zum Abstützen von Unterschenkeln und Knien, zwei weitere für die Unterarme und zwei Griffe für die Hände stützen den Köper. Das Tückische an der Maschine: Leichtgängige kardanische Gelenke erlauben ihr, in alle Richtungen zu kippen – zur Seite ebenso wie nach vorn oder hinten. Der Übungseffekt besteht nun darin, den Apparat in der Balance zu halten – oder ihn durch Gewichtsverlagerungen immer wieder in eine stabile Position zu bringen.

          Immer schön den Ringen nach.

          Gelingt das einigermaßen, kommt Trainingsphase zwei, unterstützt durch die VR-Brille: Der Bildschirm zeigt dann zum Beispiel eine Alpenlandschaft, durch die der Proband zu segeln glaubt. Und mit seinem Körpereinsatz kann er nach Herzenslust navigieren – möglichst ohne in einen Sturzflug überzugehen, aus dem es kein rechtzeitiges Entrinnen mehr gibt. Übungsphase drei macht die Sache noch kniffliger: Die Software kann zum Beispiel konzentrische Ringe ins Bild einschweben lassen, und der Aeronaut ist gefordert, mit verschärften Navigationskünsten durch sie hindurchzufliegen. Dabei gilt: Je kleiner der durchraste Kringel, desto mehr Punkte gibt es in der Endabrechnung. Wir haben es ausprobiert – und uns schon nach wenigen Minuten ganz wacker geschlagen.

          Das Tolle ist: Schon nach kurzer Zeit spürt der Übende, wie selbst Muskeln, deren Existenz er bis dahin nur vom Hörensagen kannte, in die Balance-Prozesse einbezogen sind. Bauchmuskeln, Rückenmuskeln, Oberarm-Bizeps und Muskeln im Bereich des Schultergürtels werden besonders intensiv gefordert und folglich zur Kräftigung angeregt. Vor allem aber: Die Sache macht Spaß, fühlt sich nicht so sehr wie ein ehrgeiziges Workout-Programm an, sondern eher wie ein Ganzkörper-Videospiel.

          Das Trainingsgerät Icaros Home, vom TÜV Rheinland auf Sicherheit geprüft, ist für private Anwender gedacht. Es kostet 2380 Euro, ist in schwarzer oder weißer Lackierung zu haben und wird zusammen mit einem Controller und dem Flugprogramm Icaros Flight geliefert, das auf Windows-Rechnern läuft und zu den VR-Brillen Samsung Gear VR, Oculus Go, Oculus Rift und HTC Vive passt. Wer die Varianten des Flight-Programms, zu denen etliche Landschaften und auch Abschuss-Szenarien zählen, hinreichend erprobt hat, kann weitere Software-Pakete nachordern. Etwa das Programm Deep, das die Schwebe-Szenerie unter die Wasseroberfläche verlegt und den Trainierenden zum Beispiel mit den Walen schwimmen lässt. Auch Wettkämpfe sind möglich: Icaros Flight und Icaros Deep funktionieren mit zwei Spielern, die um die Wette schweben – im Himmel oder unter Wasser.

          Das Trainingsgerät Icaros Home, vom TÜV Rheinland auf Sicherheit geprüft, ist für private Anwender gedacht.

          Die Hardware gibt es ebenfalls in weiteren Varianten. Das Gerät Icaros Pro Fitness ist eher für Studios gedacht, entsprechend robuster ausgelegt und noch standfester konstruiert. Es bietet noch mehr Spielraum für Kipp- und Drehbewegungen in alle Richtungen, spielt aber auch preislich in der Profi-Liga: Auf der Rechnung stehen dann Beträge von 8400 Euro an. Ein anderer Apparat für den eher professionellen Einsatz heißt Icaros R. Er ist einem Motorrad nachempfunden, dient also dem virtuellem Rennbetrieb mit allem, was dazugehört: Gewichtsverlagerung zwingt das Gefährt in die Kurve, über den Controller gibt der Fahrer Gas. Die passende Software Icarace kann bis zu acht Motorrad-Piloten einbeziehen, die einander dann nach allen Regeln der Kunst über die Piste jagen.

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