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Europäisches Netz : Daten im Land halten bringt nicht viel

  • -Aktualisiert am

Datenpäckchen sollen nur noch über Internet-knoten bestimmter Länder geschickt werden Bild: dpa

Gegen das Ausspähen: E-Mail und Internet sollen im Lande bleiben. Diese naheliegende Idee, die von der Telekom vorangetrieben wird, hat jedoch ihre Tücken.

          Der Ruf nach einem nationalen Internet ist im Zeichen der Geheimdienstaffäre wieder laut geworden. Politiker fordern, den innerdeutschen Mailverkehr nur noch über Router und Netzknoten in Deutschland zu transportieren. Und die Deutsche Telekom hat jüngst Pläne für ein sogenanntes „Schengen-Routing“ vorgelegt. Dabei sollen die Datenpäckchen nur noch über Internet-knoten solcher Länder geschickt werden, die dem Schengen-Abkommen zur Erleichterung des Grenzübertritts beigetreten sind. Internetprovider und Sicherheitsexperten bewerten diese Pläne unterschiedlich. „Wir werden um eine Restrukturierung des Internet nicht herumkommen“, betont zum Beispiel der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Peter Schaar. Doch eine nationale Lösung hält er für wenig aussichtsreich. Bisher wird zum Beispiel eine E-Mail in verschiedene Datenpäckchen aufgeteilt, und für jedes dieser Datenpäckchen entscheidet Transportsoftware über die schnellste und kostengünstigste Route. So kann es vorkommen, dass eine Mail von Stuttgart nach Hamburg über Netzknoten in Frankfurt und Köln geschickt wird.

          Einige Datenpäckchen können aber auch über London oder Boston geroutet werden, weil dort freie Leitungskapazitäten sind und die dortigen Anlagen weniger ausgelastet werden. Zum Teil ist dieser Datenverkehr auch bewusst über britische und amerikanische Server umgeleitet worden, um den dortigen Geheimdiensten die Spionagetätigkeit zu erleichtern. Für die National Security Agency ist der Aufwand, den Datenverkehr auf einem amerikanischen Netzknoten zu überwachen, natürlich geringer als bei einem Knoten in Europa.

          Große Zustimmung

          Deshalb fanden die vor wenigen Wochen geäußerten Forderungen, den innerdeutschen Datenverkehr nur über Server in Deutschland laufen zu lassen, große Zustimmung. Allerdings müssten dafür die Server- und Leitungskapazitäten erheblich ausgebaut werden. Denn bisher kann die für das Datenrouting zuständige Software auf die weltweit verfügbaren Leitungs- und Serverkapazitäten zugreifen. Bei einem innerdeutschen Routing stünde nur noch ein Bruchteil dieser Kapazitäten zur Verfügung. Experten schätzen deshalb, dass für die Aufrüstung mindestens ein dreistelliger Millionenbetrag erforderlich wäre.

          Deshalb hat Telekom-Chef René Obermann das sogenannte Schengen-Routing mit der Abwicklung sämtlichen Datenverkehrs über die Netzknoten der Schengen-Staaten vorgeschlagen. Mit der sukzessiven Einführung des neuen Internetprotokolls Version 6 werden solche beschränkten Datenroutings auch in technischer Hinsicht immer einfacher. Denn die Transport- und Routingprotokolle von IP V6 sehen vor, dass nach wie vor ein dynamisches Routing möglich ist, also nach freien Leitungs- und Routerkapazitäten gesucht werden kann, auch wenn bestimmte Routen oder sogar ganze Routingbereiche ausgeschlossen werden sollen.

          Behinderung des innerdeutschen Routings

          Dennoch regt sich gegen die Pläne der Telekom heftiger Widerstand. Und das gleich von mehreren Seiten. So hat Harald Summa, oberster Chef des weltweit größten Internet-Austauschknotens in Frankfurt am Main, darauf hingewiesen, dass gerade die Deutsche Telekom das bisher schon mögliche innerdeutsche Routing von Datenpäckchen behindere. Die Telekom beteiligt sich nämlich als einziger Internetprovider auf der Liste der Top-Ten-Anbieter in Deutschland nicht am Datenaustausch via Frankfurter DE-CIX, über den ein großer Teil des Internetverkehrs in Deutschland abgewickelt wird. Die Telekom setzt statt dessen auf den Datenaustausch mit anderen europäischen und auch mit amerikanischen Providern. Und deren Routingpläne sehen nun einmal bevorzugt die Auslastung der eigenen Netzknoten und Internet-Server vor, so dass Umleitungen über amerikanische Server zum Betriebsalltag gehören.

          Dennoch würde die Telekom vom Schengen-Routing oder gar einem nationalen Internet erheblich profitieren. Ihr gehört nun einmal ein Großteil der Leitungsinfrastruktur in Deutschland, über die dann bei einem europäischen oder deutschen Routing die Datenpäckchen der rund 250 deutschen Internetprovider geschickt werden müssten. Mit einem nationalen oder teileuropäischen Routing würde sich die Telekom also in eine äußerst vorteilhafte Marktposition bringen, die sogar den Aufbau eines Internetmonopols erlaubte.

          Auch deshalb lehnen viele Kritiker die Pläne für ein Schengen-Routing oder gar ein nationales Internet ab. Sicherheitsexperte geben zudem zu bedenken, dass mit Blick auf den Datenschutz und bei der Verhinderung von Datenspionage nicht allzu viel mit solchen Routingplänen zu holen sei. „Die NSA kann dann nicht einfach den Datenverkehr von amerikanischen Servern ableiten“, urteilt der Sicherheitsexperte Hartmut Pohl und ergänzt: „Der Aufwand, dennoch den Datenverkehr auf diesen Internetknoten zu überwachen, ist für Geheimdienste nicht übermäßig hoch.“

          Allein Deutschland hat 19 Geheimdienste, drei davon sind in der Internetüberwachung aktiv, nämlich das Bundesamt für Verfassungsschutz, der Bundesnachrichtendienst und in Teilen der Militärische Abschirmdienst. Dass der Bundesnachrichtendienst Datenverkehr am Frankfurter DE-CIX-Knoten überwacht hat, gilt inzwischen als gesichert. Zwar verpflichtet das Gesetz die Betreiber von Internetknoten zum Stillschweigen. Dennoch meint Klaus Landefeld vom Internetverband Eco, dessen Tochtergesellschaft den Frankfurter DE-CIX betreibt: „Ich kann Presseberichte über entsprechende Überwachungsanordnungen nicht dementieren.“

          Ebenfalls gilt mittlerweile als gesicherte Erkenntnis, dass der BND Daten an andere Nachrichtendienste weitergegeben hat. Deshalb warnen Sicherheitsexperten auch davor, Pläne für ein Schengen-Routing oder für rein innerdeutschen Mailverkehr als wirksames Mittel gegen Datenspionage zu werten. Zum einen können deutsche Nachrichtendienste nach wie vor auf Server und Router in Deutschland zugreifen. Zum anderen ist die Datenweitergabe dieser Dienste an ausländische Partner kaum wirksam zu kontrollieren.

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