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Ein Jahr mit dem Fitness-Armband : 3,5 Millionen Schritte und kein Fortschritt

Ein Model präsentiert im Januar auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas Fitness-Armbänder Bild: dpa

Nach einem Jahr mit dem Fitness-Armband steht fest: Die Quantified-Self-Bewegung überschätzt maßlos die Wirkung. Und Smartphones zählen inzwischen auch.

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          Während sich manche erst jetzt mit Fitness-Trackern befassen, sind die Leser von „Technik und Motor“ besser informiert. Schon vor einem Jahr hatten wir hier ausführlich unter der Überschrift „Motivation am Plastikband“ die Technik dieser elektronischen Helfer beschrieben. Und schon damals war klar: Ein Gerät werden wir ein Jahr lang tragen und abermals berichten. Wir entschieden uns für den „Up“ von Jawbone. Dieser Armreif gefiel, weil er unauffällig zu tragen ist und damals seinem Rivalen von Fitbit in mancher Hinsicht voraus war. Mittlerweile ist das Angebot gewachsen, und viele Modelle liegen bereits als verbesserte zweite Version vor.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Allen Fitness-Trackern ist das Funktionsprinzip gemeinsam: Sie arbeiten mit dreiachsigen Beschleunigungssensoren, mit winzigen Mikroprozessoren, die bis zu 1500 Mal je Sekunde Beschleunigungsmessdaten erheben. Die Module sind ein günstiges Massenprodukt, sie kommen bei der Steuerung von Videospielen ebenso zum Einsatz wie im Airbag des Autos. Der Kniff ist allein das Herausrechnen valider Bewegungsinformationen aus der Fülle der Sensordaten. Wurde der Arm beim Tippen am Computer bewegt oder während des Joggens? Es kommt also auf die Algorithmen an.

          10.000 Schritte am Tag, der Gesundheit zuliebe

          Wichtig zu wissen: Die Armreife sind letztlich nur eine moderne Variante des klassischen Schrittzählers. Sie zeigen, etwa am Smartphone oder in einem Web-Interface, wie viele Schritte man in den vergangenen Stunden oder Tagen gelaufen ist, welche Strecke dabei zurückgelegt wurde und wie viele Kalorien verbrannt wurden. Nur das Gehen oder Laufen wird hinreichend präzise erfasst. Wer mit den Armreifen schwimmt, Rad fährt, Yoga-Übungen absolviert oder sich am Crosstrainer quält, kann zwar die entsprechenden Trainingseinheiten in der jeweiligen App nachtragen. Aber sie werden nicht automatisch erfasst, und man begibt sich in den Bereich der Schätzungen.

          Die erste Empfehlung der Fitness-Tracker bezieht sich also aufs Laufen: 10.000 Schritte soll man seiner Gesundheit zuliebe am Tag mindestens zurücklegen, und natürlich macht gerade zu Anfang die Beobachtung des eigenen Aktivitätsverhaltens ungemein viel Spaß. 10 .00 Schritte, rund acht Kilometer, haben wir von Beginn an häufig geschafft, das ist keine Herausforderung für einen Hundebesitzer.

          Mit dem Start des Programms nahmen wir uns vor, Strecken in der Stadt bis drei Kilometer so oft wie möglich zu Fuß zu absolvieren, und daran haben wir uns bis heute gehalten. Diese kleine Verhaltensänderung bewirkt einiges. Aber für die Erkenntnis, dass man mit dem Auto in der Stadt länger unterwegs ist als zu Fuß, benötigt man kein Fitness-Armband. Dass einem von den Herstellern der Geräte nahegelegt wird, auch Lebensmittel und Getränke aufzuzeichnen, haben wir schon vor einem Jahr als Unfug bezeichnet. Es ist zu kompliziert, zu langwierig und viel zu ungenau. Eine Erbsenzählerei.

          Den Armreif am Knöchel tragen

          Unsere Laufbilanz schwankt seither zwischen 250 und 300 Kilometer im Monat. Im Sommer mehr, im Winter weniger: Daran ändert sich absehbar nicht viel. Mitte März kam ein virtuelles Abzeichen: 3,5 Millionen Schritte hätten wir nun zurückgelegt. Weitere tiefschürfende Erkenntnisse hat das Armband nicht gebracht. Vieles ist ohnehin klar: Die journalistische Messeberichterstattung geht in die Beine, hier werden bis zu 20.000 Schritte am Tag erreicht. Radfahren, Schwimmen und andere Sportarten lassen sich mit dem Jawbone Up und seinen Kollegen nicht zuverlässig vermessen. Wer schweißtreibende Aktivitäten partout irgendwie protokolliert haben will, probiere, den Armreif am Knöchel zu tragen - mit der Gefahr, ihn zu verlieren.

          Im Laufe der Zeit macht sich das Fehlen neuer Anreize bemerkbar. Auch der Wettbewerb mit anderen Armbandträgern hat trotz aller spielerischen Elemente mit Ranglisten und virtuellen Medaillen seine Grenzen. Man kann ja die tägliche Laufleistung an Bürotagen nicht unbegrenzt in die Höhe schrauben. Nachts erfasst unser Fitness-Tracker auch das Schlafverhalten, nachdem man manuell den Beginn der Bettruhe erfasst hat. Morgens setzt man abermals die Stopp-Markierung, und nach der Synchronisierung ist nicht nur die nächtliche Schlafdauer abrufbar, sondern zudem die Zeit für Tiefschlaf und leichten Schlaf sowie die Zeiten des Wachliegens.

          Das Jahr am Handgelenk: Das Jawbone Up hat uns Tag und Nacht begleitet. Es gab virtuelle Medaillen, aber nun ist Schluss.
          Das Jahr am Handgelenk: Das Jawbone Up hat uns Tag und Nacht begleitet. Es gab virtuelle Medaillen, aber nun ist Schluss. : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Fragt man Nutzer nach den Ergebnissen ihrer Schlafauswertung, hört man unisono: „Ich schlafe zu wenig.“ Das ist schon alles. Was das Verhältnis von Tiefschlaf zu leichtem Schlaf besagt, ob beide Schlafarten hinreichend präzise gemessen wurden, das bleibt alles offen und ungeklärt. Dass sich mehr leichter oder mehr tiefer Schlaf auf das Wohlbefinden tagsüber signifikant auswirken würde, können wir nach einem Jahr fortwährenden Messens nicht bestätigen.

          Keine validen Fitness-Indikatoren

          Ist man „fitter“ geworden durch den Fitness-Tracker, und was hat nach der einjährigen Vermessung des Selbst noch Bestand? Letztlich bleibt nur die Zahl der zurückgelegten Schritte oder Kilometer. All die hochtrabenden Erwartungen, die mit der „Quantified Self“-Bewegung versprochen werden, können nicht eingelöst werden, solange das Messgerät ein simpler elektronischer Schrittzähler ist. Es gibt keine validen Fitness-Indikatoren. Um diesbezügliche Ansprüche zu erfüllen, müsste man ein Medizinlabor am Körper tragen, das fortwährend Puls, Blutdruck, Blutzucker und ein gutes Dutzend weiterer Körperwerte mäße.

          Die ersten dieser Geräte sollen nun den Alltag erobern. Optische Sensoren messen zum Beispiel Antioxidantien im Körperschweiß. Sie sollen ein Indikator für negative Einflüsse auf die Haut sein, wie etwa Rauchen, Alkoholkonsum oder UV-Strahlung. Der Sensor wird von Forschern an der Berliner Charité entwickelt.

          Der Beschleunigungssender im Smartphone

          Wie ein Fitness-Tracker sieht indes das Armband aus, mit dem Wissenschaftler der Oregon State University die Umweltbelastungen ihres Trägers ermitteln wollen. Das Band wird 30 Tage getragen und anschließend auf Spuren von 1200 Chemikalien hin untersucht. Bei den meisten Versuchspersonen fanden sich bislang Hinweise auf Kaffee, Nikotin, Kosmetika und Parfüm.

          In einem aktuellen Smartphone mit eingebautem Beschleunigungssensor ist die elektronische Trainingshilfe gleich eingebaut. Das erste Modell war das iPhone 5S mit seinem M7 genannten Koprozessor, der exakt jene Daten misst, die auch ein Fitbit, Jawbone oder Nike Fuelband erfasst. Nur muss man das iPhone dann jederzeit am Körper tragen - oder mit kleineren absoluten Zahlen rechnen. Wer die Fitbit-App auf dem iPhone 5S verwendet, kann sie so einstellen, dass der M7-Prozessor (und nicht die Fitbit-Hardware) zum Messinstrument wird. So lassen sich alle Bewegungsdaten langfristig in einem Fitbit-Account sammeln und der weiteren Auswertung zuführen. Im Grunde genommen sind damit die Fitness-Tracker der aktuellen ersten Generation überflüssig geworden. Und mit diesem letzten Satz legen wir nach einem Jahr den Up nun ab.

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