https://www.faz.net/-gy9-ah0bk

Serie „Digitale Bildung“ : Studium digitale

  • -Aktualisiert am

Auf Papier oder Digital lesen? Beides ist wichtig, doch der Weg zum richtigen Text führt fast nur noch übers Netz. Bild: Illustration Serge Bloch

Viele Unibibliotheken haben ihre Türen wieder geöffnet. Immer wichtiger wird aber vor allem, was sie Studenten digital zu bieten haben. Denn die suchen Lektüren und Fachaufsätze zunehmend im Netz.

          5 Min.

          Wenn junge Menschen heute von ihrem Studienalltag erzählen, braucht es nicht viel und ältere Absolventen aus dem Familienkreis, der Eltern- oder gar Großelterngeneration, beginnen halb mitleidig, halb nostalgisch davon zu berichten, wie anders es damals doch gewesen sei. Ein Universitätsstudium ohne Büchertürme auf dem Bibliothekstisch, Kaffeeflecken auf der Seminararbeit oder umkämpfte Kopiervorlagen? Das scheint für viele von ihnen kaum vorstellbar. Und wenn, dann als fader Aufguss ihrer eigenen Studienzeit.

          Doch das Digitale hat längst Spuren im Universitätsalltag hinterlassen, auch schon bevor der Präsenzbetrieb pandemiebedingt eingestellt wurde und damit auch die Universitätsbibliotheken vorerst schließen mussten. Seit Jahren veröffentlichen Dozenten ihre Vorlesungs- und Seminarpläne, Power-Point-Folien und Skripte wie auch die obligatorische Seminarlektüre fast ausschließlich digital auf Lernplattformen wie Moodle. Die Bestimmungen des 2018 in Kraft getretenen neuen Urheberrechtsgesetzes erlauben es, längere Werke in Auszügen von bis zu 15 Prozent und kürzere Arbeiten von bis zu 25 Seiten Text sowie einzelne Beiträge aus wissenschaftlichen Zeitschriften und vergriffene Werke vollständig bereitzustellen.

          Insbesondere für Bachelorstudenten, die eine hohe Zahl an Veranstaltungen und Prüfungsleistungen meistern müssen, sind diese digitalen Angebote auch schon vor der Pandemie die einzige Quelle gewesen, um an ihr Lehr- und Lernmaterial zu kommen. Zum Ende des Semesters wurden die Vorlesungsskripte und Notizen zusammengefasst, eingedampft und auswendig gelernt. Selten ist Zeit und Muße für weiter gehende Literaturrecherchen geblieben.

          Selbst Textdiskussionen und Gruppenarbeiten wandern ganz ins Digitale

          Als virtuelle Kursräume, in denen Studenten und Dozenten miteinander interagieren können, sind Moodle und Co. bisher indes wenig genutzt worden. Das hat die Pandemie geändert. Ergänzend zum synchronen Studium in regelmäßigen Videokonferenzen können Dozenten Formate des asynchronen Lernens in ihre Lehre integrieren, etwa durch Grammatik-Lückentexte im Sprachkurs oder Rechenaufgaben im Statistik-Tutorium. Auf diese Weise können Dozenten wöchentliche Abgaben bewerten und Abschlussklausuren online abhalten. So manche Lehrkraft erspart sich gar die wöchentliche Zoom-Konferenz und verlagert Textdiskussionen und Gruppenarbeiten vollständig auf kollaborative Texteditoren wie Etherpad.

          Überflüssig sind die Bestände der Bi­bliotheken damit keineswegs geworden. Ganz davon abgesehen, dass sie für viele Studenten soziale Fixpunkte im Unialltag sind. Die Bibliothek ist nicht zuletzt ein Ort mit stabiler Internetverbindung und jener Ruhe, die es braucht, um konzen­triert arbeiten zu können. Doch gerade in den lektüreintensiven Fächern müssen auch in Zeiten der digitalen Lehre Seminararbeiten verfasst werden. Und für die kommt es auf eine tiefer gehende Ausein­andersetzung mit wissenschaftlichen Quellen an.

          Die digitalisierten Bestände der Unibibliotheken sind oft der erste Anlaufpunkt

          Inzwischen ist es oft wieder möglich, Medien auszuleihen und Fernleihen abzuholen. Wer einen negativen Corona-Test oder einen Impfnachweis vorlegt, kann sich in den meisten Bibliotheken zudem einen der begrenzten Arbeitsplätze vor Ort buchen. In der Pandemie sind viele Studienanfänger aber gar nicht erst in ihre Unistädte gezogen oder möchten den Aufenthalt in geschlossenen Räumen nach wie vor vermeiden. Sie bleiben daher auf digitale Angebote im Internet angewiesen. Erste Anlaufstelle für eine systematische Literaturrecherche im Netz sind die digitalen Bestände der Universitätsbi­bliotheken. Deren Suchoberflächen sind grundsätzlich auch für jene zugänglich, die nicht immatrikuliert sind. Um vollen Zugriff auf lizenzierte Inhalte zu erhalten, bedarf es in der Regel aber eines Universitätszugangs. Viele Universitäten bieten ihren Studenten die Möglichkeit, sich mit einem Virtual Private Network (VPN) in das Bibliotheksnetz einzuwählen und so vom heimischen Schreibtisch aus auf Onlinebestände zuzugreifen. Einsehbar sind neben den physischen Bibliotheksbeständen auch E-Books und Artikel aus elektronischen Zeitschriften, über deren Nutzungsrechte die Bibliotheken verfügen. Sie können für die persönliche Verwendung heruntergeladen werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Militärübung Zapad: Alexandr Lukaschenko Mitte September auf dem Truppenübungsplatz Obuz-Lesnovsky

          Sorgen um die Ukraine : Lukaschenko droht für Putin

          Der Minsker Machthaber kündigt „Manöver“ mit Russland nahe der Ukraine an – und stellt sogar die Stationierung russischer Nuklearwaffen in Belarus in Aussicht.

          Zapfenstreich für Merkel : Abschied mit Fackeln und Schlagern

          Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedete sich die Bundeswehr von Angela Merkel nach 16 Jahren im Amt. Die Kanzlerin hält zwei Ratschläge bereit – und freut sich über Schlager aus Ost und West.
          Angela Merkel und Olaf Scholz am Donnerstag in Berlin

          Merkel und Scholz : Letzter gemeinsamer Schlag gegen das Virus

          Angela Merkels wohl letzte Corona-Ministerpräsidentenkonferenz ist eine Arbeitssitzung fast wie immer. Kleine Freundlichkeiten gibt es trotzdem für ihren wahrscheinlichen Nachfolger.
          Tritt von der politischen Bühne ab: Sebastian Kurz am Donnerstag in Wien

          Österreichs früherer Kanzler : Wie lange ist Kurz weg?

          Österreichs früherer Kanzler Sebastian Kurz legt seine politischen Ämter nieder und spricht davon, dass er seine Begeisterung verloren habe. Ob es ein Abschied für immer sein soll, bleibt offen.