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Die Notlandung bei Twitter : „Da ist ein Flugzeug im Hudson. Verrückt.“

Nahm einen kleinen Umweg mit der Fähre: Janis Krums Bild: AP

„Ich bin auf der Fähre, die gerade die Passagiere aufnimmt“, schrieb Janis Krums und schickte gleich noch ein Foto als Beweis mit - nicht an seine Freundin, sondern an seine „Follower“ bei Twitter. Damit war er schnell - und angenehm unaufgeregt.

          „Wunder in New York. Airbus stürzt in Fluss! Alle überleben“, titelten die einen. Andere Medien versuchten das Ereignis mit Worten wie „Dramatische Szenen vor den Hochhäusern Manhattans“ zu beschreiben. „Gott“ wird gedankt und der Pilot wird als „Held“ gefeiert, weil er die 155 Passagiere vor einer „Beinahe-Katastrophe“ rettete. Worte sollen etwas ausdrücken, was nur schwer zu beschreiben ist. Die Autoren benutzen die üblichen Superlative und plündern das bekannte Katastrophenvokabular. Das geht in Ordnung, weil es nicht um die Sprache, sondern um das Ereignis geht. Es ist okay, weil es schnell gehen muss.

          Dass eine Information dennoch schnell verbreitet und angenehm unaufgeregt formuliert sein kann, zeigt Janis Krums mit seinem Tweet. „There's a plane in the Hudson. I'm on the ferry going to pick up the people. Crazy.“ Auf dem Foto ist der Beweis: Das Flugzeug liegt wie ein müder Schwan im Wasser, der Bug ragt heraus, auf den Flügeln stehen die Passagiere, einige sitzen schon in einer Art Schlauchboot. Im Hintergrund stören wenige Wolken den blauen Himmel, vereinzelte Hochhäuser scheinen die einzigen Zeugen zu sein. Denn außer dem Airbus und den Flugzeugpassagieren schauen wohl nur die Passagiere der Fähre zu.

          Blickkontakt mit den frierenden Überlebenden

          Janis Krums war wohl in der Tat einer der ersten, der kurz nach der Notlandung Blickkontakt mit den frierenden Überlebenden hatte. Denn auf allen anderen Bildern sieht man Rettungskräfte, weitere Fähren und auch Hubschrauber. Es ist nicht klar, in welcher Form und mit welchen Worten die anderen Fährpassagiere ihren Freunden, Bekannten und Verwandten oder gar der Welt übermittelt haben, was gerade vor sich geht. Aber Janis Krums hat es definitiv auf coole und erfrischend unkonventionelle Weise getan: „Da ist ein Flugzeug im Hudson.“ Das ist korrekt. „Ich bin auf der Fähre, die gerade die Passagiere aufnimmt.“ Auch richtig. „Crazy.“ In der Tat! Wann sieht man schon einmal ein Flugzeug im Fluss, auf dessen Flügel die Passagiere stehen.

          „Immer am nächsten großen Ding“

          Ein Tweet, eine SMS oder eine Mail hätte auch ganz anders formuliert sein können. Nein, Krums bleibt locker. Er belässt es bei diesem einzigen Eintrag und Foto. Die Bildagenturen haben es schon längst kopiert und veröffentlicht. Allein die schmutzige Scheibe, hinter der das Foto gemacht wurde, deutet daraufhin, dass es eher ein Amateuraufnahme ist.

          Und was macht Krums sonst so? Er hat bereits vor den ersten Fernsehkameras erzählt, wie es zu dem Bild kam. Drei Stunden nachdem er das Foto ins Netz gestellt hatte, lief es in Dauerschleife im Fernsehen. Keine 16 Stunden nach dem Unglück wurde sein Foto bei Twitter schon mehr als 130.000 mal angeklickt. Viele Twitter-Nutzer haben ihm auch gleich gratuliert. Da heißt es dann „hell of a shot! Congratulations!“ oder „Great picture!“.

          Das passt zu seinem Lebensmotto. Auf seiner Homepage schreibt der ehemalige Athlet, dass er „immer am nächsten großen Ding“ arbeite. Seiner Meinung nach ist das „Currently-Nutrition for Elite Athletes“. Vielleicht sollte Bio-Manager Krums nach diesem Ereignis noch einmal über seine Homepage gehen und dort seine Sprache der seines Twitter-Eintrags anpassen. Die ist nämlich echt verrückt.

          Twitter

          Die Online-Gemeinde hat einen neuen Megatrend: Der heißt Twitter und besteht aus 140 Zeichen langen Kurzmitteilungen. Schreiben kann jeder; empfangen werden diese Mitteilungen, kurz „Tweets“ genannt, von den Menschen, die sie als sogenannte Follower zuvor abonniert haben. Das können mehr als 100 000 Menschen wie beim künftigen amerikanischen Präsidenten Barack Obama sein, der das Twittern in seinem Wahlkampf populär gemacht hat; oder gut 1000 Menschen, die nun dem SPD-Kandidaten Torsten Schäfer-Gümbel auf seiner Tour durch Hessen folgen; oder eben nur eine Handvoll Menschen, die immer genau wissen wollen, was ihre Freunde gerade tun. Auf jeden Fall bildet Twitter eine Infrastruktur für eine neuartige Kommunikation, die nicht nur zwischen zwei Menschen erfolgt wie bei der E-Mail, sondern sich direkt an ein Freundenetzwerk beliebiger Größe wendet. Die Web-Gemeinde hat natürlich auch gleich einen Namen dafür gefunden: Micro-Blogging steht für die Möglichkeit, sich mit nur 140 Zeichen auszudrücken.

          Zurzeit nutzen etwa sechs Millionen Menschen Twitter. Die Nutzerzahl des 2006 gegründeten amerikanischen Unternehmens wächst aber mit einer Rate von 600 Prozent im Jahr; jeden Tag kommen zwischen 5000 und 10.000 Twitterer hinzu, hat das Marktforschungsunternehmen Hubspot in seinem ersten „State of the Twittersphere“ ermittelt.

          Twitter ist zuerst von den internetaffinen Bloggern als schnelles Kommunikationsinstrument entdeckt worden. Per Twitter lassen sich nämlich nicht nur Mitteilungen, sondern auch elektronische Verweise (Links) auf andere Quellen im Internet versenden. Seit einigen Monaten hat sich Twitter aber aus der Blogosphäre herausentwickelt und viele Anhänger außerhalb der Netzgemeinde gewonnen. Projektteams in Unternehmen nutzen Twitter für die schnelle interne Kommunikation. Inzwischen twittern auch viele Medien, um Nachrichten entweder sehr schnell zu verbreiten oder um auf ihre neuen Online-Artikel aufmerksam zu machen. Seitdem Twitterer vor den Nachrichtenagenturen über Ereignisse wie die Anschläge in Bombay berichteten, gibt es sogar eine Diskussion, ob diese Augenzeugenberichte eine eigene Nachrichtenquelle sind. Sie sind oft sehr schnell, müssen aber nicht richtig sein. ht.

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