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Die neuen Alleskönner : Der Fernseher als Riesen-Smartphone

  • -Aktualisiert am

Nach dem Willen der Gerätehersteller sollen sich Fernsehen und Internet künftig einen Bildschirm teilen Bild: dapd

Ein halbes Jahr vor dem Start der Elektronikmesse IFA versprüht die Branche Optimismus. Für die ganze Welt wird Wachstum prognostiziert. Und der Toptrend lautet: Alles wächst zusammen.

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          Die Erdbebenkatastrophe in Japan macht der Elektronikbranche nicht nur wegen fehlender Zulieferteile zu schaffen. Auch der Kauflaune dürfte sie einen massiven Dämpfer versetzen - allerdings nur im Unglücksland selbst. Hier soll nach Schätzungen der Marktforschungsgesellschaft GfK der Markt 2011 um 18 Prozent einbrechen, teils als Reaktion auf die starken Zuwächse des Vorjahres, teils katastrophenbedingt. In der übrigen Welt dagegen ist Optimismus angesagt.

          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn global betrachtet, geht es der Konsumelektronikindustrie besser denn je, und die Berliner Messe IFA als größte Branchenveranstaltung der Welt wird 2011 aus allen Nähten platzen. Dieses Resümee zogen Branchenvertreter und Veranstalter im Rahmen einer Messevorschau im spanischen Benidorm. Nach einem kurzen Abschwung angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise hätten sich die Märkte wieder erholt, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende des Branchenverbandes GfU, Rainer Hecker. Messemanager Christian Göke sekundierte: „Dieses Jahr müssen wir für die IFA wieder eine provisorische Halle einrichten, um alle Aussteller unterzubringen.“

          China wächst viel langsamer

          Den Prognosen der GfK zufolge werden heuer mit Konsumelektronikprodukten - von Computern über Smartphones bis hin zu Digitalkameras - auf der ganzen Welt fast 670 Milliarden Euro umgesetzt. Damit fällt das Wachstum zwar deutlich gedämpfter aus als 2010. Damals hatten die Konsumenten offenbar einen massiven Nachholbedarf verspürt und das Krisenminus von 5 Prozent im Jahr 2009 mit 19 Prozent mehr als ausgeglichen.

          Doch die 6 Prozent Zuwachs in diesem Jahr sind durchaus beachtlich, wenn man sie auf einzelne Regionen herunterbricht. Vor allem Südamerika zeigt sich abermals als Wachstumslokomotive. Hier soll nach dem Zuwachs um 39 Prozent im Jahr 2010 das Wachstum in diesem Jahr immerhin noch 27 Prozent betragen. Das ist insofern bemerkenswert, als der Kontinent alles andere als eine kleine Nummer im weltweiten Vergleich ist: Mit 12 Prozent Quote kommen die Elektronikkäufe der Südamerikaner in diesem Jahr fast schon an die der Chinesen heran (13 Prozent). Nur: China wächst inzwischen viel langsamer.

          Nach einem Standard sucht man noch vergebens

          Wer nach generellen Gründen für das Wachstum der Branche forscht, wird auf Veranstaltungen wie der IFA-Pressekonferenz schnell fündig. Die Industrie hält ihre Kunden mit vermeintlichen oder tatsächlichen Innovationen ständig bei Laune; Kritiker sagen: setzt sie unter Kaufdruck. Besonders zeigt sich dies bei Fernsehern. Hier sind es auch Ereignisse wie die Fußball-WM oder -EM, die den Konsum anfachen, aber bei weitem nicht nur. Flachbildschirm und HD waren die Stichworte in der Vergangenheit, abgelöst haben sie heute 3D und Internet-TV. In diesem Jahr soll der Umsatz mit Geräten, die die dritte Dimension beherrschen, um den Faktor fünf steigen: in Deutschland von 200.000 auf eine Million, in Europa von 900.000 auf 4,5 Millionen. Kaum ein Hersteller, der zudem nicht auf Online-Anbindung setzt. „Angebote aus dem Internet teilen sich jetzt den Bildschirm mit klassischen Fernsehprogrammen“, konstatiert die Messe Berlin. Realisiert wird das Ganze häufig nicht wie mit dem Computerbrowser, sondern über App-Icons, wie sie schon von Smartphones bekannt sind.

          Nach einem Standard sucht man noch vergebens. Einzig HBB-TV (Hybrid Broad Band TV) scheint sich durchzusetzen. Diese Technologie erlaubt eine direkte Verknüpfung von Fernsehsendungen und Internet-Inhalten. Wer die rote Taste auf seiner Fernbedienung drückt, erhält programmbegleitende Informationen aus dem Internet. In der zunehmenden Verschmelzung von Fernseher und Internet sieht die Branche nicht nur einen Technologietrend, sondern einen Paradigmenwechsel im eigenen Geschäftsmodell: „Die erfolgreiche Verknüpfung von Endgeräte-Ausstattungen mit Inhalte-Angeboten sowie branchenübergreifende Kooperationen der Hardware- und der Content-Industrie werden künftig den geschäftlichen Erfolg maßgeblich mitbestimmen“, heißt es im IFA-Trendbericht der Berliner Messegesellschaft.

          Selbst kleine Fernsehhersteller wie Loewe wollen mitmischen

          Was das bedeutet, haben die Handyhersteller vorgemacht. Ein großes Angebot an Zusatzprogrammen in sogenannten App-Stores gilt heute als ein Hauptverkaufsargument. Für Apples iPhone und die Geräte mit Googles Betriebssystem Android stehen in den jeweiligen Online-Läden jeweils ein paar hunderttausend Apps zur Verfügung. Wer - wie bislang Nokia - hier im Angebot hinterherhinkt, wird vom Markt gnadenlos abgestraft. Wenn die Entwicklung auch nur ansatzweise so verläuft wie bei Smartphones, ist es verständlich, dass selbst kleine Fernsehhersteller wie Loewe nicht auf das Internet verzichten wollen.

          Auf Tablets, eines der aussichtsreichsten Wachstumssegmente im Computerbereich schlechthin, könnte dabei eine ganz neue Aufgabe zukommen. Sie dürften künftig als Verbindungsglied zwischen Computer und Unterhaltungselektronik fungieren, hofft die Branche. Wie eine allumfassende Fernbedienung, die einen komplett vernetzten Haushalt steuert: von Musik über Fernseher und Video bis zu Heizung, Strom und Haushaltsgeräten.

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