https://www.faz.net/-gy9-16gss

Designer Dieter Rams im Gespräch : „Braun hat Apple angeregt - ein Kompliment“

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Dieter Rams war Chefdesigner des Elektrogeräteherstellers Braun und gilt manchen als Großvater des Apple-Designs. Rams selbst sieht die Ähnlichkeit in der grundsätzlichen Philosophie: der selbsterklärenden Schlichtheit des Designs.

          4 Min.

          Herr Rams, Apple-Chefdesigner Jonathan Ive ist der Vater von iPhone und iPad. Sie gelten als Großvater des Apple-Designs. Sind Sie stolz auf den Titel?

          Wissen Sie, ich halte nicht viel von solchen Worten, die mal irgendjemand in die Welt gesetzt hat.

          Aber Ive höchstpersönlich hat Sie als Vorbild genannt.

          Er hat mir mal einen iPod Touch geschickt - mit einem sehr lieben Brief.

          Zwei Mal Taschenrechner: Einmal von Apple als iPhone-Anwendung und einmal von Braun als Hardware

          Was stand drin?

          Dass er schon während seines Studium durch seine Eltern Braun-Geräte gehabt habe, dass er ein großer Bewunderer meiner Arbeit gewesen sei und sie ihn sehr stark beeinflusst habe.

          Sie waren vier Jahrzehnte Chefdesigner von Braun. Manche meinen, Apple habe sein Design von Braun gestohlen.

          Ja, dieser Ansicht ist unter anderen der französische Kollege Philippe Starck, der mich mal ganz aufgeregt darauf hingewiesen hat. Ich habe aber von vornherein gesagt, dass ich das nicht so empfinde.

          Das Minimalistische und Funktionalistische bei Apple kommen doch Ihren Braun-Entwürfen schon sehr nahe. Und Ive hat in einer ersten Version des iPhone-Betriebssystems sogar die virtuellen Taschenrechner-Tasten nach den berühmten runden Tasten von Braun-Taschenrechnern gestaltet.

          Das ist richtig, aber für mich ist das ein Kompliment. Das ist was ganz anderes als eine plumpe Nachahmung. Apple ist angeregt von Braun, wie viele andere auch. Hier geht es um die grundsätzliche Auffassung. Design ist ganz wesentlich davon bestimmt, dass es Dinge erklärt, ohne dass man lange eine Gebrauchsanleitung lesen muss.

          Genau das, was viele Apple-Jünger an den Produkten loben.

          Das war immer unsere Vorgabe bei Braun: Dinge so zu gestalten, dass sie besser begreifbar waren. Wir haben von Anfang an viel Wert auf Produktgrafik gelegt, auf Skalen und Beschriftungen am Gerät. Das ist auch bei Apple ganz wesentlich - nicht das vordergründige Aufpolieren eines Gerätes, sondern, es gebrauchstauglich zu machen. Das ist eher selten zu finden: Die Firmen, die Design wirklich ernst nehmen, können Sie an zehn Fingern abzählen. Apple gehört dazu.

          Jetzt sind Sie aber hart in Ihrem Urteil.

          Es gibt natürlich kleine und mittlere Unternehmen, die gut sind, unter anderem in der Möbel- oder Beleuchtungsbranche. Aber im großen Maßstab? Solche Unternehmerpersönlichkeiten sind selten. Früher war das zum Beispiel Adriano Olivetti, heute ist es Steve Jobs.

          Woran liegt das?

          Es liegt an unseren Strukturen, die zu beliebig geworden sind, und an den Medien, die häufig nur das Spektakuläre in den Vordergrund stellen. Das ist für die Gebraucher - ich sage lieber Gebraucher als Verbraucher - nicht sehr lehrreich. Guten Geschmack aber muss man lernen, der ist nicht angeboren.

          Soll ein Designer nicht das designen, was den Menschen gefällt?

          Bei Braun wäre all das nicht gelungen, wenn es die Unternehmerpersönlichkeiten, also Artur und Erwin Braun, nicht gewollt hätten. Im heutigen globalen Wettbewerb ist das Marketing verantwortlich für den return on investment. Die sichern sich dann lieber ab, wollen unbedingt herausfinden, was die Leute wollen. Dem Volk aufs Maul zu schauen heißt aber, es kommt am Ende nicht das Beste heraus.

          Muss ein Designer aber nicht mit seinem Design auch verkaufen wollen?

          Wir haben durchaus dazu beigetragen, dass Braun über Jahrzehnte erfolgreich war. Bis zur Mitte der 1950-er Jahre war das Unternehmen ja nur als Radio-Braun im Frankfurter Raum bekannt. In Hamburg kannte keiner Braun, und in München kannte keiner Braun. Erst mit dem Design ist Braun bekannt geworden auf der ganzen Welt, die Umsätze sind von Jahr zu Jahr gestiegen, und der Exportanteil lag zuletzt bei 75 Prozent. Ein ausgesprochenes Beispiel, dass man mit gutem Design durchaus erfolgreich sein kann.

          Woran erkennt man gutes Design?

          (holt eine Zahnbürste) Sehen Sie, bei Braun war ich in den 80-er Jahren für die neue Oral-B-Linie verantwortlich. Das hier ist eine ältere Zahnbürste. Da ist der Verlauf relativ einfach. Ein runder Zylinder geht über in den Bürstenkopf, der Abtrieb kommt zentrisch heraus. Wenn der Abtrieb asymmetrisch rauskommen soll, erfordert das einen ganz anderen Übergang ... Solche Dinge sind oft sehr wesentlich. Wenn die verkorkst sind, sieht das ganze Ding verkorkst aus. Der Teufel steckt wie so oft im Detail: Die Summe gut gelöster Details an einem Produkt macht letztlich die Gesamterscheinungsform gut.

          Kauft irgendjemand eine Zahnbürste wegen ihrer Optik?

          Nein. Einen Rasierer kauft niemand, weil er gut aussieht, sondern weil er schonend rasiert. Und auch eine Zahnbürste kauft man nicht wegen des Designs, auch wenn das manche gerne glauben. Es gab Designer, die haben Zahnbürsten entworfen, die man als Mordinstrument hätte verwenden können. Bei der Oral-B ging es um bessere Benutzbarkeit. Wir brachten damals zum ersten Mal in einer Bürste zwei Materialien zusammen: weich und hart. Sinn dieser Kombination: eine flexible Bürste, die bei der Handhabung nicht wegrutschte. So sehen Zahnbürsten im Prinzip heute noch aus.

          Form follows function - die Form muss der Funktion folgen. Ihr Credo?

          Ich lege Wert auf Qualitätsarbeit am Produkt. Da geht es um Radienverläufe, da geht es um Übergänge. Alles Sachen, die man als Designer im Studium lernt, wenn man's nicht vergisst oder fehlgeleitet wird. Und wir waren bei Braun überzeugt: Unsere Produkte sind Dinge, die die Leute brauchen und die die Lebensqualität verbessern. Wenn ich dieses Ziel vor Augen habe, schließt das doch aus, dass ich Mätzchen mache.

          Mätzchen?

          Dinge, die nicht umweltgerecht sind und die nicht in die Zeit passen. Und in die Zeit passen nicht mehr Produkte, die wir morgen wieder wegwerfen. Wir brauchen nicht viel, wir brauchen Besseres.

          Das sagen Sie. Ein Unternehmer sagt: Wenn ich Waren herstelle, die 30 Jahre halten, ist das zwar schön, aber übermorgen bin ich pleite.

          Es gibt doch Gegenbeispiele. Nehmen Sie Braun, oder nehmen Sie Miele. Die sind bekannt für gute Qualität. Die machen keine Mätzchen, die brauchen das nicht. Es muss nicht sein, dass ich ständig eine neue Waschmaschine verkaufen muss. Man kann auch vom Service leben, wenn man den richtig gut macht.

          Was sind die schlimmsten Design-Sünden?

          Wenn es nur noch um Styling geht - wie mit wenigen Ausnahmen überall in der Autoindustrie.

          Was gefällt Ihnen da nicht?

          Das ist mir alles zu gewollt, eben zu gestylt. Der Begriff kam Anfang der 1960-er Jahre von den Amerikanern, mit den Flossen hinten und den Grills vorne. Mit solchen stilistischen Elementen will man neugierig machen, Kaufbereitschaft wecken. Solche Moden halten aber nicht lange, und dann muss etwas Neues her.

          Gibt es ein Auto, das Ihnen gefällt?

          Ich mochte sehr gerne den Citroën 2CV ...

          ... die Ente ...

          ... sie war sehr geländegängig, die Federung war gut, das ganze Fahrgestell-Design hervorragend. Dass das Auto geklappert hat, gehörte halt dazu. Bei der Technik musste man ein paar Abstriche machen. Aber das Auto hatte auch nicht den Anspruch, schnell unterwegs zu sein. Das kann man heute sowieso nicht mehr. Insofern war es seiner Zeit voraus. Ich weiß gar nicht, warum man das aufgegeben hat. Ich fand die Konzeption recht beachtlich, schon für die damalige Zeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.