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Deep Packet Inspection : Verlockender Blick ins Datenpaket

Wer Filme gratis sehen will, meidet Tauschbörsen im Internet und weicht auf Streamingdienste wie etwa kino.to aus Bild: Kino.to

Soll eine Datei übers Internet verschickt werden, muss sie in Datenpakete verschnürt werden. Grundsätzlich werden diese erst beim Empfänger geöffnet. Mit dem Einsatz der „Deep Packet Inspection“ (DPI) könnte sich das ändern.

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          Ob E-Mail, Video oder Musik - soll eine Datei über die Internetleitungen verschickt werden, muss sie zunächst in mehrere Datenpakete verschnürt werden. Grundsätzlich werden sie erst beim Empfänger geöffnet, so dass eigentlich niemand weiß, welche Dateien durch die Leitungen sausen. Mit dem Einsatz der „Deep Packet Inspection“ (DPI) könnte dieser Grundsatz ins Wanken geraten. Die Juristen sind alarmiert; für die Wirtschaft birgt DPI in vielerlei Hinsicht jedoch Potential.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Die Technologie der Tiefeninspektion gibt es bereits seit einem knappen Jahrzehnt. Inzwischen wird sie offensiv eingesetzt: Die britische Werbefirma Phorm etwa sorgte für Aufsehen, als sie zusammen mit Zugangsanbietern unter anderem in Großbritannien Datenpakete der Kunden durchsuchte und ihnen passende Werbung einflocht - bis die EU-Kommission im April wegen Verletzung von Datenschutzstandards ein Verfahren gegen die Briten eröffnete. Das Geschäftsmodell funktioniert ähnlich wie Reklame in Suchmaschinen, die inhaltlich auf Anfragen angepasst ist. Auguren verglichen Phorm daher mit Google.

          Eine Paketkontrolle direkt am Internetanschluss könnte helfen

          Für die Kreativindustrie böte sie möglicherweise einen neuen Weg im zunehmend schwierigen Kampf gegen Piraterie. Wer heute Filme gratis sehen will, meidet zunehmend Tauschbörsen im Internet und weicht auf kontinuierliche Datenströme (Streamingdienste wie etwa kino.to) aus, beklagte die deutsche Filmwirtschaft in ihrem Jahresrückblick. Wer „streamt“, vermeidet verräterische Kopien von Filmen und Musikstücken. Eine Paketkontrolle direkt am Internetanschluss könnte helfen.

          In Frankreich gilt seit dem Jahreswechsel ein entsprechendes Gesetz: Nutzern, die sich allzu intensiv am Gratissortiment im Internet bedienen, drehen die Zugangsanbieter den Zugang ab. Die deutsche Bundesregierung weist derartige Ansinnen indes zurück. „Wir hätten uns durchaus mehr Unterstützung aus der Politik gewünscht“, sagte Matthias Leonardy. Der Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen baut jetzt auf eine freiwillige Kooperation zwischen Kreativindustrie und Zugangsanbietern.

          „Da wollte niemand der Erste sein“

          In den Verbänden rückt das Thema DPI allmählich in die Agenden, wenn auch nur zögerlich. „Da wollte niemand der Erste sein“, meint Klaus Mochalski, Geschäftsführer des nach eigenen Angaben einzigen deutschen DPI-Anbieters Ipoque. Denn auf dem umkämpften deutschen Markt der Internetanbieter ging es „erst mal nur um reine Nutzerzahlen“. Auch Piraten waren da willkommen, die durch DPI-Maßnahmen allerdings schnell verscheucht würden. In Deutschland hat Ipoque daher bislang nur einige kleine Zugangsanbieter als Kunden gewinnen können.

          Kritiker der DPI bangen zudem um den Grundsatz der Netzneutralität: Danach soll jedes Datenpaket inhaltsunabhängig gleich behandelt werden. Zugangsanbieter dürfen Daten zudem nur dann verändern, wenn der Kunde eingewilligt hat. Zu diesem Schluss kommt eine kürzlich veröffentlichte juristische Studie der Universität Kassel. Würden die Anbieter Daten verändern, gäben sie demnach ihre komfortable Position als rechtlich neutrale Mittler auf und könnten künftig für rechtswidrige Inhalte haftbar gemacht werden. Netzaktivisten fürchten die Technologie wiederum als Wegbereiter für staatliche Zensur.

          Früher konnten Anwendungen „von außen“ identifiziert werden

          Den Vergleich mit einem stieläugigen Postboten, der Briefe öffnet und dann je nach Inhalt schnell, langsam oder gar nicht transportiert, weist Mochalski zurück. „Diese Analogien sind immer ungenau. DPI ist nur eine Basistechnologie für verschiedene Anwendungen“, beschwichtigt er. Gefunden werde nur genau das, wonach jemand aktiv sucht: etwa das Wort Bombe in einer E-Mail - oder Skype, um einen Anruf über Internettelefonie als solchen zu erkennen. So könnten Internetanbieter etwa ihre Leitungen effizienter nutzen. Anrufe über das Netz etwa sind auf einen kleinen, aber beständigen Datenstrom angewiesen, der Transport großer Dateien verlangt hingegen nach hoher Bandbreite, verzeiht aber gelegentliches Stocken.

          Früher konnten Anwendungen „von außen“ identifiziert werden, erinnert sich Mochalski. Inzwischen geben sich manche aber als etwas anderes aus - gerade piraterielastige Tauschbörsen hätten sich damit hervorgetan. Über die Hälfte des Datenverkehrs wird laut Ipoque-Untersuchung durch den Dateientausch verursacht.

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