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Datenverschlüsselung : Der Spion, der mich liest

Bild: Illustration André Laame

Die deutsche Politik will ein Mittel gegen die Spähaktionen der Geheimdienste gefunden haben: Kryptographie soll es richten. Doch so einfach ist das nicht - und auch keine Lösung des politischen Problems.

          Wenn der „edle Zweck“ es rechtfertigt, dann ist die Demokratie in Gefahr. Die flächendeckende Abschöpfung unserer Kommunikation, unser E-Mails, Chat-Protokolle, SMS-Nachrichten und Telefonate ist weder mit edlen Zwecken noch mit abwiegelnden Hinweisen, „man habe ja ohnehin nichts zu verbergen“ oder „das war doch ohnehin jedem klar“, zu legitimieren. Geheimdienste belauschen unsere Kommunikation. Und zwar in aller Welt und ohne besonderen Anlass. Sie betreiben eine gigantische Vorratsdatenspeicherung. Indes darf das Internet kein rechtsfreier Raum werden. Auch nicht aus Gründen der Terrorabwehr.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Wie kann man in Zeiten von „Prism“ privat bleiben? Welche Maßnahmen gegen die Lauschangriffe gibt es? Verschlüsselung und Anonymisierung gelten für Netzaktive und Politiker als Mittel der Wahl, um den Geheimdiensten ein Schnippchen zu schlagen. Die Grünen und die Piraten veranstalten sogenannte Cryptopartys, auf denen man feiert und zugleich lernt, wie E-Mails und Dateien verschlüsselt werden, wie man anonym im Internet surft. Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen wollen 25 Prozent der Internetznutzer die eigenen Daten künftig besser schützen, weitere 13 Prozent geben an, bereits mit Verschlüsselungssystemen zu arbeiten. „Sicher im Netz bewegen“, das ist die angesagte Überschrift, unter der man derzeit nahezu alles verkaufen kann: Informationen, Ratschläge, Windows-Programme und Smartphone-Apps.

          Abhörschnittstellen in aller Welt

          Doch welche Möglichkeiten bietet die Technik, wie gut können Anwendungen und Dienste, die in der Netzwelt empfohlen werden, die staatliche Spionage in Schranken weisen? Geht es um die herkömmliche Sprachtelefonie im Festnetz oder Mobilfunk, verabschiede man sich sofort vom Gedanken der Privatheit. Nach Auskunft des Whistleblowers Edward Snowden hört der amerikanische Nachrichtendienst „an normalen Tagen“ bis zu 20 Millionen Telefonverbindungen ab. In Deutschland, wohlgemerkt. An Spitzentagen seien es rund 60 Millionen. Permanent gespeichert werden die Verbindungs- oder Metadaten, wer mit wem wann und wie lange gesprochen hat. Um die Inhalte geht es also zunächst nicht, die Metadaten allein sind ergiebig genug. Auch die deutschen Behörden nutzen gern ein ähnliches Instrumentarium, nämlich die Funkzellenabfrage, bei der sämtliche Verkehrs- und Verbindungsdaten von allen vier Netzbetreibern angefordert werden, um zum Beispiel nachträglich zu ermitteln, wer sich wann und wo aufgehalten hat. Obwohl das Bundesverfassungsgericht im März 2010 die bis dahin bestehenden Vorschriften zur Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig und damit für nichtig erklärt hat, speichern alle Netzbetreiber wie gehabt Metadaten und Standorte, Vodafone beispielsweise für 210 Tage.

          Die Abhörschnittstellen sind seit den neunziger Jahren ein fester und verpflichtender Bestandteil aller Telefonnetze der westlichen Welt. In den Vereinigten Staaten wurde beispielsweise der Communications Assistance for Law Enforcement Act (Calea) im Jahr 1994 erlassen und 2005 dahin gehend ergänzt, dass er auch für Anbieter von Internettelefonie gilt. Skype zierte sich zunächst, die Abhörschnittstelle zu implementieren. Seitdem gilt es als vermeintlich abhörsicher, obwohl Skype mittlerweile ebenso abhörbar ist wie alle anderen Internettelefonie-Anbieter. Wer der Telefonüberwachung trotzen will, verwende Prepaid-Telefonkarten, registriere sie auf den Namen dritter, real existierender Personen. Ferner wechsle man regelmäßig die Karte, weil nämlich bereits die Korrelation von Gesprächsdaten mit wenigen Geo-Koordinaten (zu Hause, Büro) für eine verlässliche Identifikation ausreicht.

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