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Daten im Internet : Auf der Suche nach dem Radiergummi

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Viele wünschen sich den großen Radiergummi, der Daten wieder aus dem Internet löscht Bild: Marcus Kaufhold

Das Gedächtnis kann's, das Internet nicht: Vergessen. Es speichert peinliche Fotos, geheime Bankdaten und Meinungen, für die wir uns längst schämen. Wir müssen es den Rechnern beibringen. Um uns nicht in Daten von gestern zu verzetteln.

          Solomon Schereschewski wusste, wie es sich anfühlt, wenn man ein perfektes Gedächtnis hat. Wie es ist, wenn das Gehirn dazu verdammt ist, sich alle Details eines Lebens zu merken. Mit dieser Abnormität ging der Russe in den dreißiger Jahren in die Wissenschaftsgeschichte ein. Er konnte Hunderttausende Listen mit Zahlen, sinnlosen Silben und Fremdsprachen aufsagen. Nur eines konnte er nicht: eine Technik finden, um all das wenigstens eine Minute aus dem Gedächtnis zu löschen. Das trieb ihn in den Wahnsinn.

          Es klingt paradox, aber eine der größten Leistungen unseres Gehirns ist gerade die, Dinge wieder zu vergessen. Nur das Vergessen hilft uns dabei, Informationen nicht einfach wild abzuspeichern, sondern erst zu filtern. Es hilft, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, damit wir uns nur das Relevante merken. Das Schicksal von Solomon Schereschewski hat daher zum Glück nur sehr wenige Menschen ereilt. Es könnte aber sein, dass bald viele von uns mit einer wahren Flut von Details aus ihrem Leben kämpfen. Denn unser Hirn vergisst zwar vieles - aber das Internet, unser digitales Gedächtnis, merkt sich alles.

          Seltsamste Daten und skurrilste Details

          Es speichert seit Jahren die seltsamsten Daten und skurrilsten Details von jedem von uns. Es weiß, dass wir mal bei einer Online-Auktion auf eine Volksmusik-CD oder einen arabischen Krummdolch geboten haben. Dass sie nur Geschenke für andere waren, weiß das Netz nicht. Gelegentlich gibt es solche Fakten aber allen preis und verrät außerdem, dass wir uns das Buch „Glücklich mit Schokolade“ wünschen oder „Auswandern ans Ende der Welt“. Es weiß, ob die letzte Party feucht oder nur fröhlich war, denn Freunde haben garantiert Fotos bei Facebook eingestellt. Und welche politische Meinung wir mal im Online-Forum verfochten haben, hat es auch protokolliert. Suchmaschinen wie Google oder Yasni speichern sowas über Jahre - direkt unter unserem Namen.

          Es sind stets nur ein paar Daten. Aber fast alle Websites sammeln ein paar davon. Wenn unser Computer Cookies akzeptiert, gibt er bereitwillig sogar noch viele weitere Einzelheiten preis: Er plaudert aus, welche Seiten wir wann angesurft haben, gibt den Inhalt virtueller Einkaufskörbe weiter und jedes Wort, nach dem wir selbst einmal gesucht haben. Das alles ist zwar auf vielen Servern abgelegt, und nicht alle davon sind öffentlich. Was aber, wenn jemand all das an einer Stelle zusammenfügt, weil er die Daten erspäht oder zugespielt bekommen hat, weil jemand anders sie erbeutet und in Umlauf gebracht hat? Wenn vielleicht unser Arbeitgeber, die Krankenversicherung oder ein Regierungsserver all das bündelte - dann kämen die skurrilsten Eindrücke von Personen dabei heraus. Unter Umständen stempelt uns das Netz gar als Risikofaktor für die Allgemeinheit ab.

          Doch im Netz wird uns all das noch für Jahre begleiten

          Wir selbst neigen dazu, viele Details nach einer Weile zu vergessen, sie als Jugendsünden, Geschmacksverirrungen oder Vorstadium der politischen Willensbildung abzutun. Doch im Netz wird uns all das noch für Jahre begleiten. Das digitale Zeitalter ermöglicht das perfekte Erinnern.

          Genau das halten Psychologen, Datenschützer und Politikprofessoren wie Viktor Mayer-Schönberger für das große Problem: „Das Vergessen spielt schließlich eine zentrale Rolle in der menschlichen Entwicklung.“ Unser Gehirn bewertet zuerst Dinge und vergisst sie prompt, wenn es sie als unwichtig eingestuft hat. Wenn aber Suchmaschinen und Personenarchive jede getippte Aussage und jedes freigegebene Detail auf ewig speichern, wie sollen wir uns dann jemals davon di-stanzieren? Wie sollen wir uns entwickeln? Neustarts waren im Leben möglich, solange man wegziehen und woanders als unbeschriebenes Blatt neu anfangen konnte. Heute wird fast jeder Bewerber von Personalchefs ge-googelt, jeder Zugezogene von Nachbarn gescannt, und Clubreisende durchleuchten Mitfahrer vor der Reise digital. Die Kontrolle über unsere Daten - und darüber, wer sie lesen darf - haben wir längst verloren. Sie ist von uns auf die übergegangen, die danach suchen.

          Was das Internet trotz der Informationen, die es behält, nicht sagt: welche der gehorteten Daten wirklich typisch sind - und welche nur unbedeutende Randnotiz. „Das ist genau die Aufgabe, die unser Gedächtnis übernimmt“, erklärt Werner Stangl, Professor für Psychologie an der Universität Linz, „und weswegen es unwichtige alte Informationen mit neu einströmende überschreibt. So lagert nur das Wichtige im Langzeitgedächtnis.“

          Der menschliche Datenspeicher hätte sonst Kapazitätsprobleme

          Das Löschen passiert nicht, weil der menschliche Datenspeicher sonst Kapazitätsprobleme hätte. „Es sind strukturelle Gründe, aus denen unser Gedächtnis Dinge vergisst“, erklärt Stangl. Es will bündeln, was zueinanderpasst. Will langfristig konsistente Bilder herausmeißeln. Wenn ihm Details fehlen, ergänzt es von allein, was ihm plausibel erscheint. „Das Gedächtnis sichert nicht nur unsere Identität“, sagt Stangl, es schützt sie auch. Deshalb merken wir uns eher die guten Dinge als Niederlagen und böse Worte. Anders als das Internet.

          Nun machen sich Informationsexperten wie Mayer-Schönberger Gedanken: Ein Verfallsdatum für digitale Daten müsste es geben, damit sie unleserlich werden. „Den großen Radiergummi fürs Internet müsste es geben“, sagt Dietmar Müller vom Büro des Bundesdatenschutzbeauftragten, „aber obwohl ihn sich viele wünschen, hat ihn noch niemand erfunden.“

          Wie wir unsere Daten im Netz löschen

          Soziale Netzwerke

          Plattformen wie Xing, Facebook und Co. sammeln riesige Datenmengen von uns. Man kann die Profile wieder löschen - wenn man den Preis zahlen will, hier nicht mehr präsent zu sein. Aber: Aus einem Netzwerk auszutreten heißt nicht, dass die Daten tatsächlich getilgt sind. Oft werden Profile nur gesperrt, die Daten aber sind auf dem Server der Plattformbetreiber noch vorhanden. Das gilt etwa für Facebook, hier muss man das Löschen sogar ausdrücklich erbitten. Xing speichert alle Daten zahlender Mitglieder, bis sämtliche Rechnungen beglichen sind. StudiVZ verspricht zumindest, dass mit Ende der Mitgliedschaft alle persönlichen Daten gelöscht werden.

          Mit dem Profil verschwinden aber noch nicht die Einträge in Gästebüchern, Fotogalerien und Foren. Um die auszuradieren, muss man den Administrator kontaktieren, der dann den Namen aus Foren löschen muss. Oder die Mitglieder direkt anschreiben, die das Gästebuch betreiben.

          Wer peinliche Zitate oder Fotos aus den Seiten und Blogs anderer Mitglieder löschen will, stößt oft auf Widerstand. „Nach dem Datenschutzrecht darf man die Löschung von Daten verlangen, die man selbst auf die Seiten gestellt hat“, sagt Thilo Weichert, Landesdatenschutzbeauftragter in Schleswig-Holstein. Aber viel schwieriger sei es, Einträge von Dritten löschen zu lassen. Dann sticht die Meinungs- oder Pressefreiheit oft den Datenschutz - wie beim Lehrerbewertungsforum Spickmich, das ausdrücklich Lehrer bewerten darf. Weichert empfiehlt, eine schriftliche Aufforderung - keine Mail - an den Betreiber zu senden und ihm eine Frist von zwei Wochen zu setzen. Streikt er, kann man die Löschung gerichtlich erzwingen - vorausgesetzt, der Betreiber hat seinen Sitz in Deutschland und das Gericht stellt fest, dass es hier wirklich um den Schutz der Privatsphäre geht.

          Oft geht der Ärger aber noch weiter: Gelöschte Daten tauchen noch lange in Personensuchmaschinen auf. Um sie ganz zu tilgen, kann man sein Glück über die Hotlines versuchen. Google bietet auch ein Lösch-Tool. Das können aber nur Betreiber von Internetseiten nutzen, keine Mitglieder oder Gastautoren. Die können wiederum nur die Administratoren von sozialen Netzwerken bitten, das Tool zu benutzen.

          Es gibt aber auch Internetdienste, die sämtliche Spuren löschen. Sie heißen „Dein guter Ruf“, „weiße Weste“ oder „Reputation Defender“ und verlangen rund zehn Euro dafür, dass sie das Netz nach Einträgen durchkämmen, und 25 bis 30 Euro dafür, dass sie das Löschen veranlassen. Mehr Rechte als Privatleute haben diese Firmen nicht, aber sie wissen oft, wie man sich gegen Site-Betreiber durchsetzt.

          Online-Einkauf

          Vor Jahren mal ein Ego-Shooter-Spiel auf die Amazon-Wunschliste gesetzt? Dann können das alle anderen Nutzer einsehen, jedenfalls wenn man nicht extra angeklickt hat, dass die Wunschliste nicht für andere zugänglich ist. Beim Einkaufen in Internetshops und Auktionen hinterlassen wir mindestens Namen und Anschrift, oft Telefonnummern, E-Mail, Konto- oder Kreditkartennummer. Diese Daten darf die Firma speichern, „zur Vertragserfüllung“. Oft aber speichern die Plattformen selbst IP-Adressen von Rechnern, Daten über das Computermodell, Browser, sämtliche Bestellungen und Abwicklungsmails oder persönliche Vorlieben. Verbraucher können Auskunft verlangen, welche Daten von ihnen gespeichert sind, und deren Löschung verlangen. Sofern alle Käufe final abgewickelt sind, lassen sich dann auch Konto- und Adressdaten wieder löschen.

          Ob die Shops das wirklich tun - oder nur per Mail bestätigen -, ist jedoch nicht nachzuprüfen. „Das ist ein juristisches Problem: Wenn Sie Ihr Kundenkonto löschen, sind die Daten dann gelöscht, oder hebt der Händler sie auf?“, fragt Matthias Gärtner vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Was Nutzer auch nicht verhindern können: Dass Händler die Daten in sogenannten Blacklists speichern - in Listen, auf denen sie Kunden aufführen, die keinen weiteren Kontakt wünschen. Formblätter für die Löschaufforderung gibt es auf der Website des Verbraucherzentralen-Bundesverbands.

          Und es gibt noch die Robinson-Liste: Wer sich hier einträgt, der soll angeblich keine Werbepost mehr bekommen. Denn viele Händler oder Gewinnspielbetreiber verkaufen die Adressen an andere weiter. Doch ein wirklicher Schutz ist auch das nicht. Nur Firmen, die sich freiwillig an der Robinsonliste orientieren, werden vom Gebrauch der Adresse absehen.

          Bank und Finanzen

          Sofern man nicht vorhat, sein Konto aufzulösen oder die Kreditkarte zurückzugeben, wird man seine Bank kaum bitten, die eigenen Konto- oder Adressdaten zu löschen. Inwieweit sie es tut, wenn man sein Konto auflöst und die Bank wechselt, können auch Experten nicht beantworten. Zumindest aber eine Stelle erfährt in der Regel von jedem Kontowechsel und sammelt unsere sämtlichen Finanzdaten: die Schufa. Sie tut das aber längst nicht immer korrekt, wie etliche Tests zeigen. Per Selbstauskunft können Bürger bei der Schufa einsehen, welche Daten von ihnen gespeichert sind. Und sie können das Löschen falscher Daten verlangen. Sind dort etwa Kredite aufgeführt oder offenstehende Rechnungen vom Stromversorger, die längst gezahlt sind, kann man die Löschung beantragen. Doch getilgt wird erst, wenn die Schufa die Bestätigung bei der Gegenseite eingeholt hat, dass das auch stimmt.

          Ansonsten gilt leider: Kontodaten, die einmal im Internet kursieren oder durch Pannen in Umlauf geraten, wie jetzt beim Finanzdienstleister AWD, lassen sich kaum wieder löschen. Denn Angreifer, die es auf diese Daten abgesehen haben, haben sie fast zeitgleich mit ihrem Bekanntwerden schon zigfach kopiert und verteilt.

          Telefonbuch und Handyortung

          Wer ins Internet-Telefonbuch geraten ist, aber wieder heraus möchte, muss die Telefongesellschaft kontaktieren. Die Löschung erfolgt normalerweise nach einigen Tagen, sagen Verbraucherschützer. Wurde die Nummer aber auch auf CD gepresst oder gedruckt, bleibt sie im Umlauf.

          Ein eingeschaltetes Handy gibt besonders private Details preis: wo sich sein Besitzer gerade aufhält. Es gibt Dienstleister, die Handys orten. Das ist jedoch verboten, wenn der Handybesitzer nicht ausdrücklich und schriftlich zustimmt. Aber: Sämtliche Verbindungs- und Standortdaten müssen Telefongesellschaften von Amts wegen für die Vorratsdatenspeicherung aufheben. Das soll die Aufdeckung von Straftaten erleichtern. Die Daten werden sechs Monate gespeichert. Anschließend sind die Telefonfirmen innerhalb von vier Wochen zum Löschen verpflichtet. Das klappt wohl auch, sonst würden ihre Server im Datenmüll ersticken.

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