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Chat-Software : So lösen wir das Whatsapp-Problem – oder auch nicht

Bild: F.A.S.

Die Kritik an der populären Chat-Software wird immer lauter. Aber so einfach ist die Trennung von Whatsapp nicht. Was man jetzt wissen muss.

          5 Min.

          Whatsapp aktualisiert seine Nutzungsbedingungen, und schon entsteht ein Sturm der Entrüstung. Alternativen des marktführenden Messengers, der mehr als zwei Milliarden Menschen in aller Welt miteinander verbindet, erleben einen noch nie gekannten Aufschwung. Die Server der rivalisierenden kleinen Messengerdienste Signal und Threema können den Ansturm neuer Nutzer kaum bewältigen. Obwohl die angekündigte Weitergabe von Whatsapp-Nutzerdaten an den Mutterkonzern Facebook die Europäer derzeit nicht betrifft, dies ist der Datenschutzgrundverordnung zu verdanken, suchen die Menschen nach Alternativen. Schließlich muss Whatsapp das Inkrafttreten seiner neuen Datenweitergaberegeln auf Mitte Mai verschieben.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Das Problem ist damit keineswegs gelöst: Plattformen wie Whatsapp, Facebook, Google oder Twitter sammeln unfassbare Mengen an Daten und lassen einem nur die Alternative, dem zuzustimmen oder das gratis angebotene Produkt nicht zu verwenden. Man zahlt mit seinen Daten. Und Whatsapp steht besonders in der Kritik. Zum einen, weil seine Konzernmutter Facebook auf Hasskommentare, Propaganda und Fake News nicht angemessen reagiert, und zum anderen, weil Whatsapp deutlich mehr Nutzerdaten auf seinen Servern sammelt als erforderlich und als andere Messenger.

          Während man als Einzelner auf Google, Facebook oder Twitter gut und gern verzichten kann, ist das bei den Messengern zur Plauderei mit Familie und Freunden, Kollegen, anderen Eltern oder Hausbewohnern nur schwer möglich. Dafür gibt es zwei Gründe. Der Netzwerkeffekt bedeutet, dass ein Ökosystem für Nutzer umso attraktiver wird, je mehr Menschen darin aktiv sind. Wenn so gut wie jeder Whatsapp verwendet und man nur dann chatten kann, wenn beide Partner auf derselben Plattform anzutreffen sind, nimmt man folglich diejenige App, die am weitesten verbreitet ist, nämlich Whatsapp. Größe ist alles. Je mehr Mitglieder ein Netzwerk hat, umso größer ist der Nutzen jedes einzelnen.

          The winner takes it all

          Der zweite Grund sind die Lock-in-Mechanismen. Was das bedeutet, hört man in jedem Gespräch über einen Messenger-Wechsel als Erstes: „Ich bin doch in so vielen Whatsapp-Gruppen, ich kann die Plattform deshalb nicht verlassen.“ Während der Eintritt in eine Plattform unentgeltlich ist, sind die Kosten für einen Wechsel sehr hoch. Alle Mitglieder der Whatsapp-Gruppe müssen sich für einen anderen Anbieter entscheiden, sonst scheitert das Vorhaben. Wer Whatsapp verlässt, bekommt vieles nicht mehr mit.

          So bleibt am Ende nur die bittere Erkenntnis: The winner takes it all. Ein Produkt hat sich als eine Art Standard entwickelt. Mitbewerber haben keine faire Chance, das Quasimonopol nutzt seine Macht aus, langfristig schwinden Innovation und Fortschritt.

          Im Fall Whatsapp reicht der Appell, sich nach Alternativen umzusehen, deshalb nicht aus. Auch die regelmäßigen Wechselwellen nach Whatsapp-Datenschutzskandalen bringen das System nicht zu Fall. Doch einige Überlegungen, wie man das Whatsapp-Problem lösen kann, sollte man diskutieren.

          „Klassisches Monopolverhalten“

          Der erste Vorschlag besteht darin, Whatsapp wieder von Facebook abzutrennen. Das Unternehmen wurde 2014 für 19 Milliarden Dollar von Facebook gekauft. Die beiden Gründer Jan Koum und Brian Acton haben den Konzern mittlerweile verlassen. Letzterer unterstützt mit seinem Geld die Entwicklung von Signal. Einer Rückabwicklung des Kaufs würde die beiden wohl kaum zustimmen.

          Jedoch haben im Dezember die amerikanische Verbraucherschutzbehörde ITC und 48 Generalstaatsanwälte Klagen gegen Facebook eingereicht und verlangen die Veräußerung von Whatsapp und des Fotodienstes Instagram. Facebook bedrohe die Privatsphäre und blockiere den Wettbewerb. Der amerikanische Kongressabgeordnete David Cicilline leitet die Untersuchung, und er sieht in der Übernahme von Instagram und Whatsapp „klassisches Monopolverhalten“, Facebook müsse zerschlagen werden.

          Doch selbst wenn aus kartellrechtlichen Gründen eine Abtrennung angeordnet und juristisch durchgesetzt wird, bleibt die Frage, wer Whatsapp aus welchen Gründen übernehmen und üppig finanzieren würde. Da die App weitgehend werbefrei ist, kann man mit dem Messenger in der derzeitigen Version kein Geld verdienen. Im Gegenteil, Whatsapp war und ist für Facebook eine teure Wette auf die Zukunft, aber kein Geschäftsmodell.

          160 Zeichen Text als Alternative

          Der zweite Vorschlag besteht darin, eine Messaging-Funktion direkt in die Mobilfunknetze einzubauen. Man bräuchte keine zusätzliche Software, keinen Betreiber, der Einfluss nehmen und Daten abziehen könnte. Jedes Smartphone wäre von Hause aus mit dem entsprechenden Standard ausgerüstet, und was quasi fest verdrahtet ist, kann auch nicht von Hackern angegriffen werden.

          Was sich ungemein überzeugend anhört, gibt es zudem bereits. Es ist die SMS, die als Short Message Service seit Anfang der 1990er Jahre Teil der Netze ist, allerdings beschränkt auf 160 Zeichen Text und nicht für Multimediales geeignet. Die SMS erlebte bis zum Beginn der Messenger einen Höhenflug ohnegleichen, allein in Deutschland wurden 2012 fast 60 Milliarden Nachrichten verschickt. Danach brach die Nutzung abrupt ein, und die Gründe zeigen, warum ein fest implementierter Messenger keine gute Idee ist. Als die SMS alternativlos war, nutzten die Mobilfunker das SMS-Monopol, um die Preise ins Unverschämte zu treiben. 19 bis 39 Cent für ein, zwei Sätze. Mit jeder einzelnen Kurznachricht wurde man zur Kasse gebeten, obwohl die Gestehungskosten für die Betreiber bei nahezu null lagen. Dass jahrzehntelang erfolglos um einen Nachfolger der SMS gerungen wurde, zeigt, dass ein normierter Messenger, der in die Netzinfrastruktur integriert wird, in Zeiten raschen technischen Fortschritts chancenlos bleiben muss.

          Dergleichen gibt es schon

          Aus diesem Grund scheitert auch die dritte Idee, wonach eine unabhängige internationale Organisation die Entwicklung eines Messenger-Protokolls vorantreiben könnte, das als frei verfügbare Software schnell aktualisierbar wäre. Wenn damit keine Gewinnerzielungsabsichten verbunden wären, könnte ein solches Gemeinschaftsprojekt ein vertrauenswürdiger Standard werden. Auch hier gilt indes: Dergleichen gibt es schon, etwa XMPP, das Extensible Messaging and Presence Protocol, ein offener Standard eines Kommunikationsprotokolls, das von der Internet Engineering Task Force schon vor mehr als 20 Jahren veröffentlicht wurde. Es gibt zwar noch einige tausend XMPP-Server ohne kommerzielle Absicht. Aber aus der schönen Idee wurde eine enge Nische für Bastelbegeisterte.

          Erfolgversprechender ist der Vorstoß der damaligen Bundesjustizministerin Katarina Barley, dass die Betreiber von Messenger-Diensten gesetzlich gezwungen werden, ihre Schnittstellen zu öffnen. Sie forderte 2018, es solle sichergestellt werden, dass Whatsapp-Nutzer auch mit den Kunden anderer Anbieter kommunizieren können. Auf diese Weise könne man zu Angeboten mit besseren Datenschutzstandards wechseln und trotzdem in seinen Whatsapp-Gruppen bleiben. Das Zauberwort laute Interoperabilität. Man müsse zwischen Signal, Threema und Whatsapp barrierefrei kommunizieren können. Der Digital Services Act der EU soll die gesetzlichen Vorschriften schaffen.

          Gegen Interoperabilität ausgesprochen

          Was sich zunächst gut anhört, stört jedoch die drei wichtigsten Parameter für sichere Kommunikation: Verschlüsselung, Anonymität und Metadaten. Interoperabilität mit einem verpflichtenden Standard auf den kleinsten gemeinsamen Nenner führt zu Datenschutzproblemen und blockiert schnelle und sinnvolle Updates. Wie soll ein Anbieter wie Threema, der die Anmeldung allein mit einem Pseudonym erlaubt, Daten an Whatsapp weitergeben, wo sich jeder Nutzer mit seiner Telefonnummer identifizieren muss? Wenn Interoperabilität bedeutet, dass auch in umgekehrter Blickrichtung Whatsapp auf alle Threema-Konten zugreifen kann, wäre das ein Debakel für den Datenschutz. Dienste mit einem schlechten Datenschutzstandard könnten Daten über Nutzer erhalten, die sich bewusst für sichere Lösungen entschieden haben.

          Der Signal-Gründer Moxie Marlinspike hat sich schon 2016 gegen Interoperabilität ausgesprochen. Auch fehlt es noch an Ideen, wie die sichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in einem interoperablen Protokoll aufgehoben wäre. Eine Arbeitsgruppe von Google, Mozilla, Twitter und anderen Unternehmen arbeitet dazu an einem Messaging-Layer-Security-Protokoll (MLS), das über Anbietergrenzen hinweg die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gewährleisten soll. Die grundlegenden Arbeiten sind in diesen Wochen beendet.

          Millionen Menschen fliehen derzeit aus Whatsapp, nicht etwa weil sich jetzt viel ändern würde, sondern weil das Verhalten der Konzernmutter Facebook aufstößt. „Das Unternehmen nutzte seinen Datenvorteil für die Gewinnung überlegener Marktinformationen, um damit aufkommende Wettbewerbsgefahren zu erkennen und diese Unternehmen dann zu erwerben, zu kopieren oder zu zerstören“, heißt es in einem 450 Seiten umfassenden Bericht des amerikanischen Repräsentantenhauses vom Oktober vergangenen Jahres.

          Jenseits der diskutierten Maßnahmen von Politik und Kartellbehörden stimmen die Menschen mit den Füßen ab. Der Autor dieser Zeilen hat sein Whatsapp-Konto Mitte Januar gekündigt und ist zu Signal gewechselt. Das ist kein großer Aufwand, und wer jetzt nicht mehr mit Whatsapp erreichbar ist, bekommt eine SMS, iMessage oder E-Mail. Etliche der zuvor auf Whatsapp angeschriebenen Freunde sind mitgegangen.

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