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Bloggerkonferenz Re:publica : „Was ist los mit dem Internet?“

„Wir brauchen euch!“ rief Neelie Kroes den Re:publicanern zu. Warum eigentlich? Bild: Gregor Fischer I re:publica 2012

Was ist Privatsphäre im Internet? Und vor allem: Wie spricht man darüber? An Fachleuten mangelt es auf der Blogger-Konferenz Re:publica nicht, eher an den richtigen Kategorien. Die Folge: Die Debatte verläuft mitunter wenig zielgerichtet.

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          Die Gesellschaft hat es nicht leicht mit dem Internet. Das liegt vor allem daran, dass es offenbar schwerfällt, über dieses Phänomen adäquat zu reden. Nun haben sich auf der re:publica, der größten Konferenz in Deutschland zum Thema Internet und digitale Gesellschaft, 270 Redner redlich bemüht, genau darüber etwas Gewinnbringendes zu sagen. Der Versuch ist häufig gescheitert. Es war nicht die fehlende inhaltliche Kompetenz der Experten, die aus den „Sessions“ allzu oft nur nette Plauderstunden machte. Es waren falsch formulierte Themen, der fehlende Wille, Definitionen zu finden, und der unbestimmte Gebrauch des Wortes „Internet“.

          So war es auf der Podiumsdiskussion „Recht auf Vergessen und Erinnerungskultur“ Moderator Paul Kristian Klimpel selbst, der darauf hinwies, dass es doch ein Kategorienfehler sei, überhaupt nach einem Recht auf Vergessen zu fragen. Schließlich gebe es ja auch kein Recht auf Liebe oder Aufmerksamkeit. Trotz dieses korrekten Einwandes tauchte die Frage während der Diskussion immer wieder auf. Ebenfalls kritisierte Klimpel völlig zu Recht ein in diesem Kontext häufig genanntes Beispiel: Ein Schüler wird fotografiert, während er völlig betrunken ist. Das Bild landet bei Facebook, Flickr oder wo auch immer. Ein paar Jahre später wird er von einem potentiellen Arbeitgeber abgelehnt, weil dieser das Bild gesehen hat und glaubt, dass der Kandidat ein Alkoholproblem hat. Leider wurde in der Runde selten erörtert, woher das Bedürfnis mancher Nutzer kommen könnte, ihre Daten für immer zu löschen. Stattdessen wurde Nutzern ein „Löschungsanspruch“ abgesprochen. Daten, die man im Internet hinterlässt, seien kein Eigentum, da dieser Anspruch nicht der menschlichen Kommunikation entspreche.

          Neben solchen Kategoriefehlern führte die Lust zur Begriffspaarbildung ebenfalls dazu, dass die Redner zwanghaft Unterscheidungen trafen, die nicht unbedingt nötig gewesen wären. Beliebte Gegensatzpaare waren analog/digital, online/offline, Freiheit/Sicherheit oder Freund/Feind des Internet. In der Runde „Der digitale Dorfplatz: Privat oder öffentlich?“ konnte man manchen Teilnehmern bei besonders wilden Gedankenspielen zuhören. Über Regeln des Internet, die sich an einer Art Völkerrecht orientieren sollen, wurde ebenso laut nachgedacht wie über die Verstaatlichung des Internet, damit dieses nicht abgeschaltet werden könne. Eine besonders absurde Forderung, wenn man bedenkt, dass vor knapp drei Jahren in Iran das Internet in der Tat nahezu komplett unterbunden werden konnte, eben weil die Internetprovider staatlich waren.

          Wie darf Facebook in Debatten eingreifen?

          Christoph Kappes’ völlig berechtigter Appell, „Macht endlich Vorschläge für eine Definition von Öffentlichkeit“, wurde nicht erhört. Wer als Zuhörer am Ende dieser Diskussion den einen oder anderen Argumentationsstrang noch selbst weiterentwickelte, konnte wenigstens dann verstehen, warum Facebook so gefährlich werden könnte – auch wenn die Teilnahme an dem sozialen Netzwerk nach wie vor freiwillig ist. Wenn die weltweit populäre Plattform eines Privatunternehmens ein derartiges Gewicht bekommt, dass auf ihr öffentliche Debatten geführt werden und zunehmend ein sozialer Druck entsteht, sich auf Facebook zu beteiligen, muss schnell geregelt werden, unter welchen Umständen das Unternehmen mit welchen Mitteln in diese Debatten eingreifen darf. Sascha Lobo sprach von einem Grundkonflikt: „Gilt das Grundgesetz oder die AGB von Facebook?“

          Trotz des schrecklichen Titels „Let’s streit: Wer darf mich wie tracken?“ verlief dieses „Streitgespräch“ für die Besucher recht geradlinig und war zudem informativ. Das lag unter anderem an Stephan Noller von Nugg.ad, einer Firma, die ihr Geld mit „Cookies“ verdient. Cookies sind kleine digitale Texthäppchen, die sich auf Computern einnisten, sobald der Nutzer mit dem Browser eine Webseite besucht. Sie speichern Informationen über das Surfverhalten des Nutzers, die Werbeunternehmen nutzen, um auf Webseiten zielgerichtet Werbung zu schalten. Es wurde endlich einmal wieder konkret in einer Veranstaltung. „Das Internet“ war in diesem Fall der Browser und das Problem schnell auf den Punkt gebracht: Dürfen Noller und seine Firma etwas auf Computern installieren, um Informationen zu sammeln und zu verwerten, ohne dass der Nutzer davon weiß? Ja, meinte Noller. Die Cookies zeichneten nur auf, was sich jemand beim Surfen anschaue, ohne dabei personenbezogene Daten zu sammeln. Das Internet – jetzt wurde es wieder etwas schwammiger – brauche solche Methoden der Werbeindustrie, weil sie viel Geld einbrächten. Nur dadurch könnten Webseiten ihre Angebote kostenlos ins Netz stellen. Zudem sei die Auswertung solcher Daten eine „riesige Innovationsquelle“ für die Forschung. Googles autonom fahrende Autos oder die bald kommende Übersetzungsmaschine seien durch die statistische Auswertung von Cookie-Daten entstanden. Die Gegenposition zu Nollers Position war zunächst eine ablehnende Haltung: Was interessiert uns das, wir wollen keine Cookies auf unseren Rechnern! Wie man diese verhindert oder im Nachhinein löscht, dürfte den meisten Leuten in diesem Saal bekannt gewesen sein.

          Informationen sammeln ohne Grenzen

          Selbst wenn man akzeptiert, dass Cookies auf dem Rechner Daten sammeln, zeigt dieser Fall eine gefährliche Entwicklung in der Vorgehensweise von Unternehmen. Auch Google, Facebook und Apple sammeln Daten, ohne dass wir es wissen. Und diese Informationen beinhalten zudem persönliche Daten. Nutzer stimmen zwar den AGB zu, wenn eines der Unternehmen ein neues Update einer Software anbietet. Aber wer liest diese wirklich durch? Und falls man etwas dagegen hätte: Was mache ich mit meiner Musiksammlung in iTunes, die ich bereits bei Apple gekauft habe? Was mache ich mit all den Bildern und Texten, die ich bei Google und in Facebook liegen habe? Auch das war ein Topos der Re:publica: Google, Facebook und Apple sind das Internet. In nahezu jedem Vortrag wurden diese Unternehmen kritisiert für ihre Monopolstellung, ihren Umgang mit den AGB und das Sammeln von persönlichen Daten. Schon am ersten Tag der Konferenz sah der amerikanische Historiker Eben Moglen die demokratische Freiheit in Gefahr, weil gerade Unternehmen wie Apple das Recht auf offene Software unterdrücken.

          Überraschenderweise war es gerade eine Politikerin, die bei Re:publica auf das paradoxe Verhalten vieler Kritiker der großen drei hinwies. Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die digitale Agenda, hörte nach ihrem Vortrag aus dem Publikum immer wieder den Vorwurf, dass Google und die anderen eine Monopolstellung besäßen und die Politik einschreiten müsse. Doch zur gleichen Zeit, antwortete Kroes, sehe sie überall Leute mit iPhones und iPads, die fleißig Google und Facebook benutzten. Dennoch beobachte auch sie diese Unternehmen, versicherte sie und machte unmissverständlich deutlich: „Sie müssen den Regeln folgen!“ Nebenbei erwähnte die EU-Kommissarin, dass man sich um Acta keine Sorgen mehr machen müsse. Das sei vom Tisch in Brüssel. (Was es noch nicht ist.)

          Auch wenn der Vortrag von Neelie Kroes den meisten Re:publicanern gefallen haben dürfte, weil sie Netzaktivisten lobte („Hört nicht auf, wir brauchen euch!“) und für ein offenes Internet eintrat („Das Internet sollte frei und offen sein“), mahnte sie zugleich, dass es keine „Freiheit ohne Sicherheit“ gebe und eben auch Kriminelle im Netz unterwegs seien, die man stoppen müsse. Beim Thema Urheberrecht war Kroes hingegen wenig kompromissbereit. Künstler brauchten für ihre Werke ein „Copyright“. Daran dürfe man nichts ändern, man könne höchstens darüber nachdenken, wie mit den neuen Verbreitungswegen umzugehen sei. Auch der Vortrag von Neelie Kroes zeichnete sich dann leider doch wieder dadurch aus, dass sehr viele große Worte wie „Freiheit“, „Sicherheit“, „Kontrolle“ oder „Offenheit“ gebraucht wurden, um sich dem Phänomen Internet zu nähern. Konkret wurde es selten.

          Eine statistische Erkenntnis holte das Thema dieser Rede und letztlich der ganzen Konferenz wieder zurück in die Realität jenseits des Digitalen. Die EU-Kommissarin sagte, 41 Prozent der Italiener seien noch nie im Internet gewesen. Damit entstand gewissermaßen eine Brücke zu dem Blogger, Autoren und Entertainer Sascha Lobo, der in seinem sehr amüsanten und selbstironischen Vortrag „Was ist los mit dem Internet?“ schon am Ende des ersten Tages „3,5“ Thesen aufgeworfen hatte. Eine davon war: „Wir müssen einen Weg finden, dauerhaft mit 30 Millionen Netznichtnutzern klarzukommen.“ Wie die meisten Worte in seinem Vortrag waren auch diese wohl nicht wirklich ernst gemeint. Doch indem er immer wieder unterschied zwischen „uns“ und „denen“, „Internetpeople“ und „Internotpeople“, sprach er indirekt ein wichtiges Problem an, das er selbst vielleicht gar nicht lösen will. Wählt man auf solchen Konferenzen und in öffentlichen Diskussionen Begriffspaare wie analog/digital, online/offline, Freiheit/Sicherheit oder Freund/Feind des Internet, tritt man auf der Stelle. Denn das Internet ist längst im Alltag angekommen und wird von sehr vielen Menschen genutzt und geschätzt. Außer vielleicht von den Italienern.

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