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Bloggerkonferenz Re:publica : „Was ist los mit dem Internet?“

Überraschenderweise war es gerade eine Politikerin, die bei Re:publica auf das paradoxe Verhalten vieler Kritiker der großen drei hinwies. Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die digitale Agenda, hörte nach ihrem Vortrag aus dem Publikum immer wieder den Vorwurf, dass Google und die anderen eine Monopolstellung besäßen und die Politik einschreiten müsse. Doch zur gleichen Zeit, antwortete Kroes, sehe sie überall Leute mit iPhones und iPads, die fleißig Google und Facebook benutzten. Dennoch beobachte auch sie diese Unternehmen, versicherte sie und machte unmissverständlich deutlich: „Sie müssen den Regeln folgen!“ Nebenbei erwähnte die EU-Kommissarin, dass man sich um Acta keine Sorgen mehr machen müsse. Das sei vom Tisch in Brüssel. (Was es noch nicht ist.)

Auch wenn der Vortrag von Neelie Kroes den meisten Re:publicanern gefallen haben dürfte, weil sie Netzaktivisten lobte („Hört nicht auf, wir brauchen euch!“) und für ein offenes Internet eintrat („Das Internet sollte frei und offen sein“), mahnte sie zugleich, dass es keine „Freiheit ohne Sicherheit“ gebe und eben auch Kriminelle im Netz unterwegs seien, die man stoppen müsse. Beim Thema Urheberrecht war Kroes hingegen wenig kompromissbereit. Künstler brauchten für ihre Werke ein „Copyright“. Daran dürfe man nichts ändern, man könne höchstens darüber nachdenken, wie mit den neuen Verbreitungswegen umzugehen sei. Auch der Vortrag von Neelie Kroes zeichnete sich dann leider doch wieder dadurch aus, dass sehr viele große Worte wie „Freiheit“, „Sicherheit“, „Kontrolle“ oder „Offenheit“ gebraucht wurden, um sich dem Phänomen Internet zu nähern. Konkret wurde es selten.

Eine statistische Erkenntnis holte das Thema dieser Rede und letztlich der ganzen Konferenz wieder zurück in die Realität jenseits des Digitalen. Die EU-Kommissarin sagte, 41 Prozent der Italiener seien noch nie im Internet gewesen. Damit entstand gewissermaßen eine Brücke zu dem Blogger, Autoren und Entertainer Sascha Lobo, der in seinem sehr amüsanten und selbstironischen Vortrag „Was ist los mit dem Internet?“ schon am Ende des ersten Tages „3,5“ Thesen aufgeworfen hatte. Eine davon war: „Wir müssen einen Weg finden, dauerhaft mit 30 Millionen Netznichtnutzern klarzukommen.“ Wie die meisten Worte in seinem Vortrag waren auch diese wohl nicht wirklich ernst gemeint. Doch indem er immer wieder unterschied zwischen „uns“ und „denen“, „Internetpeople“ und „Internotpeople“, sprach er indirekt ein wichtiges Problem an, das er selbst vielleicht gar nicht lösen will. Wählt man auf solchen Konferenzen und in öffentlichen Diskussionen Begriffspaare wie analog/digital, online/offline, Freiheit/Sicherheit oder Freund/Feind des Internet, tritt man auf der Stelle. Denn das Internet ist längst im Alltag angekommen und wird von sehr vielen Menschen genutzt und geschätzt. Außer vielleicht von den Italienern.

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