https://www.faz.net/-gy9-yuox

Betriebssystem Chrome OS : Googles Zukunft liegt in den Wolken

Noch eine Zeichnung, in einem Jahr ein Betriebssystem: Google Chrome OS Bild: Google

Wenn ein Unternehmen wie Google Einzelheiten zu einem neuen Projekt ankündigt, zittert die Konkurrenz. Dieses Mal sind Apple und Microsoft dran. Denn Google hat erklärt, wie sein Betriebssystem Chrome OS aussehen wird.

          3 Min.

          Eines muss man Google lassen. Jedes Projekt, das das Unternehmen aus Mountain View vorstellt, ist Teil eines einzigen konsequenten Gedankens: 'Internet forever'. Das gilt in wirtschaftlicher und innovativer Hinsicht. Das Internet ist für Google das einzige Medium der Zukunft. Dort sollen Bücher, Musik, Fotos, Texte und Filme zu finden sein. Auch beim neuen Projekt „Chrome OS“ bleibt Google konsequent: „Es dreht sich alles um das Web“, schreibt Google in seinem Blog. Um was geht es genau?

          Marco Dettweiler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Google hatte im Juli dieses Jahres ein neues Betriebssystem angekündigt. In dieser Woche hat der Internet-Gigant Einzelheiten vorgestellt, „ein Jahr bevor Google Chrome OS für die Nutzer zur Verfügung steht“. Das Betriebssystem basiert auf dem gleichnamigen Browser. Es ist daher kein Zufall, dass der Name „Chrome“ ebenso für das neue Betriebsystem steht wie für den bereits entwickelten Browser. Eine Einschränkung gibt es: Chrome OS soll zunächst nur auf Netbooks laufen. Die Idee des Betriebsystems ist hier ebenso schnell erklärt wie in dem dreiminütigen Beispiel-Video.

          Nur noch in the cloud

          Vom Browser aus greift der Nutzer ausschließlich auf Programme zu, die „in the cloud“ auf Servern liegen. Solche Anwendungen gibt es zwar schon längst - gerade Google bietet sie an -, aber in diesem Fall sollen alle Programme im Internet bedient werden. Das Betriebsystem ist somit sehr klein und verbraucht kaum Ressourcen. Ebenso muss der Nutzer keine Programme mehr installieren, verwalten und updaten. Damit Chrome OS noch schneller startet, wird es nur auf Netbooks installiert, die eine sogenannte Solid-State-Disc eingebaut haben. Das sind Flash-Speicher-Festplatten, die etwa in MP3-Playern wie dem iPod Nano integriert sind. Diese Hardware ist schnell und robust - und war bis vor einigen Monaten noch relativ teuer. Etwa das MacBook Air kann zurzeit für einen Aufpreis von 300 Euro mit einer SSD-Festplatte bestellt werden. Als das ehemals „dünnste Notebook der Welt“ vorgestellt wurde, betrug der Preisunterschied zwischen einer Sata- und Solid-State-Festplatte noch über 1000 Euro.

          Google stellte seine Details zu Chrome auf Youtube vor
          Google stellte seine Details zu Chrome auf Youtube vor : Bild: Google

          Googles Vize-Präsident für Produkt-Management, Sundar Pichai, verspricht den Nutzern, dass Computer mit dem neuen Betriebssystem in wenigen Sekunden hochfahren oder sich neu starten lassen. Damit würde sich sicherlich das Frustpotenzial vieler Computernutzer reduzieren. Auch Microsoft hat darauf geachtet, dass Windows 7 schlanker wird und sich die Zeit des Hochfahrens verkürzt. Apple-Besitzer schwärmen häufig davon, dass Mac OS schnell hochfährt. Von wenigen Sekunden sind allerdings die gängigen Betriebssystem wie Windows, Mac Os und Linux weit entfernt.

          Daten sind im Netz sicherer

          Chrome OS ist kostenlos, der Open-Source-Code bereits freigegeben. Google hat noch keinen möglichen Preis für ein „Google-Netbook“ bekannt gegeben, aber man gehe davon aus, dass die potenziellen Partner die wegfallenden Kosten für das Betriebssystem „an die Kunden weitergegeben werden“, sagt Pressesprecher Stefan Keuchel. Kunden können also Ende des nächsten Jahres ein Netbook kaufen, dessen kostenloses Betriebsystem aus einem erweiterten Chrome-Browser besteht und dessen Programme alle komplett auf Servern liegen. Der Nutzer ist somit vollständig auf Google angewiesen, denn das Unternehmen entscheidet dann über alternative Programme für Mail, Text- und Bildverarbeitung - sofern diese überhaupt angeboten werden. Die Daten liegen übrigens auch bei Google. Ob Bilder, Texte, Filme oder Mails, alles bleibt „in der Wolke“.

          „Wenn ihr Netbook gestohlen wird oder kaputt geht, sind ihre Daten nicht verloren“, sagt Keuchel und spricht mit diesem Vorteil gleichzeitig auch ein Thema an, das für viele ein vermeintlicher Nachteil ist. Denn der Nutzer gibt seine Daten aus der Hand und speichert sie auf Servern im Internet, die von Hackern jederzeit attackiert werden können. „Der Glaube, dass Daten auf dem heimischen Computer sicherer sind als auf Servern im Internet, ist ein Irrglaube“, sagt Keuchel und verweist auf Googles Sicherheitskonzept. „Da alle Programme in Google Chrome OS online laufen, arbeitet jedes Fenster in einem Sicherheitsbereich, der es Viren und Malware erschwert, den Computer zu schädigen“. Hinzu kommen noch weitere Sicherheitsmaßnahmen.

          Die Daten bleiben im Netz

          Notwendige Voraussetzung für die Nutzung von Chrome OS ist das Internet. Auch wenn Google darauf hinweist, dass es „Offline-Anwendungen“ gebe, macht sich der Nutzer mit dem neuen Betriebssystem online abhängig. Doch das sind die meisten Nutzer sowieso. Anwendungen wie E-Mail, Twitter, Facebook,Youtube oder iTunes funktionieren nicht ohne Internet. Kaum jemand nutzt seinen Rechner nur zum Texte schreiben oder Bilder bearbeiten. Dennoch verfügt in Deutschland nicht jeder über einen Internetanschluss, weil es immer noch „weiße Flecken“ bei der DSL-Abdeckung gibt. Doch die Alternative in Form von UMTS-Modems und die zahlreichen Angebote für Daten-Flatrates bieten nahezu jedem die Möglichkeit, stets online zu sein. Die notwendige Voraussetzung, mit dem Internet verbunden sein zu müssen, werden die meisten Nutzer also sicherlich akzeptieren.

          Letztlich war es schon Apple-Chef Steve Jobs, der vor knapp zwei Jahren bei der Vorstellung des MacBook Air diesen Weg einschlug. Das Notebook hat kein optisches Laufwerk mehr. Daten verlassen und erreichen die Festplatte am einfachsten über eine Internet-Verbindung, die Lan- oder USB-Schnittstelle dient wohl eher als Ersatztransfermethode. Schon damals musste Jobs davon ausgehen, dass Notebook-Besitzer in der Regel online sind. Google geht noch einen Schritt weiter und verzichtet bei seinem Betriebssystem auf die Möglichkeit, Daten lokal zu speichern. Die Daten bleiben komplett im Netz. Für Google-Kritiker eine Horrorvorstellung: Der „Daten-Krake“ kann noch weiter seine Arme ausstrecken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
          Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

          Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

          Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

          Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

          Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.