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Blutdruckkontrolle : Messen ohne Manschette

Die App zeigt die Messergebnisse. Bild: Hersteller

Das Schweizer Start-up Aktiia will die Kontrolle des Blutdrucks einfacher machen. Ein Armband misst optisch, das Produkt ist teuer.

          2 Min.

          Ein Drittel der erwachsenen Deutschen hat Bluthochdruck, also Messwerte über 140/90 Millimeter Quecksilbersäule. Zudem liegen 60 Prozent der blutdruckgesunden Menschen viel zu nahe am Limit. Dabei ist Bluthochdruck ein wesentlicher Risikofaktor für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Aber Bluthochdruck verläuft meist lange Zeit sym­ptomlos, bleibt also unbemerkt, und ein Großteil der diagnostizierten Patienten hat die Krankheit nicht unter Kontrolle.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Dazu trägt auch die umständliche Messung mit der Manschette bei. Es wird zu selten gemessen, sei es bei unregelmäßigen Besuchen in der Arztpraxis oder hin und wieder zu Hause. Jetzt wird das alles einfacher, weil Smartwatches und andere Produkte ohne Manschette fortwährend und bequem den Blutdruck messen. Eines der ersten Geräte mit optischer Blutdrucküberwachung ist das Aktiia-Armband des gleichnamigen Schweizer Start-ups. Es beleuchtet die Haut mit grünem Licht, um zu analysieren, wie die Arterien unter der Hautoberfläche pulsieren – wie bei der Herzfrequenzmessung. Doch statt nur die Herzschläge zu zählen, wird die Form der Schläge analysiert. Die Pulsformung der Hautarterien gibt Aufschluss über den Blutdruck.

          Auf diese Weise kann man rund um die Uhr den Blutdruck erfassen, unmerklich, ohne Aufblasen einer Manschette und nach Angaben des Start-ups in der Genauigkeit durch klinische Studien belegt. Wir haben das Ganze ausprobiert.

          Der Blutdruck-Sensor von Aktiia am Plastikband.
          Der Blutdruck-Sensor von Aktiia am Plastikband. : Bild: Hersteller

          Man erhält zwei Kartons. In einem befindet sich ein traditionelles Manschetten-Messgerät mit einem Plastikaufsatz. Ein Display fehlt. Vielmehr beginnt die Einrichtung damit, diese Manschette mit der Smartphone-App zu koppeln. Das funktioniert nicht, wenn jene am Ladegerät hängt, ein diesbezüglicher Hinweis im Handbuch fehlt.

          Im zweiten Karton befindet sich das Armband selbst. Es besteht aus einem sehr billig wirkenden Plastik, an dessen Unterseite der optische Sensor hängt. Er hat die Größe eines Fingerglieds und wird mit einem Adapter geladen. Auch dieser Sensor ist mit der App zu koppeln. Anschließend erfolgt eine Kalibrierung am Handgelenk, die Prozedur gelang bei uns erst nach vielen Anläufen. Im nächsten Schritt wird mit der Manschette eine Referenzmessung des Blutdrucks vorgenommen. Hier zeigt sich dann, dass man die Manschette kaum allein mit der richtigen Positionierung des Plastikaufsatzes anlegen kann. Es ist eine Strapaze. Man benötigt im Grunde einen Helfer, das Ganze ist eine Fehlkonstruktion. Zum Glück wird man nur einmal im Monat mit der Referenzmessung geplagt. Fortan misst allein der Sensor und zeigt die Werte in der App an.

          Das sieht allerdings etwas anders als erwartet aus. Wie wir schnell feststellten, misst Aktiia nicht während des Sports und nicht in Phasen der Bewegung. Vielmehr ermittelt ein Beschleunigungssensor die Ruhephasen und misst dann. Gemessen wird kontinuierlich, aber man bekommt nur die Durchschnittswerte von Zwei-Stunden-Intervallen angezeigt. Ausreißer nach oben und unten sind damit nicht zu erkennen. Wer sehr aktiv ist, sieht nicht zwölf Durchschnittswerte für einen Tag, sondern deutlich weniger. Unsere Messungen zeigten einen nahezu konstanten Blutdruck. Wir maßen des Öfteren mit einem konventionellen Messgerät nach und stellten fest, dass die von Aktiia ermittelten Werte fast immer um fünf bis zehn Millimeter zu hoch lagen.

          Die Messwerte lassen sich ärgerlicherweise nicht exportieren, um sie in andere Gesundheits-Apps einzuspielen. Man kann allerdings einen Bericht als PDF erstellen und mit den Möglichkeiten des jeweiligen Betriebssystems teilen.

          Insgesamt ist das Ergebnis durchwachsen: Gewiss, mit diesem Armband wird öfter gemessen, die Datenbasis gewinnt an Breite und ist valider. Das Armband kostet entweder 100 Euro plus monatlich neun Euro für die Nutzung oder wird gratis abgegeben, wenn man ein Abonnement für 200 Euro im Jahr abschließt. Ein herkömmliches, zertifiziertes Messgerät kostet von 30 Euro an. Zwei Samsung-Smartwatches bieten ebenfalls eine Blutdruckmessung – ohne Abonnement und Aufpreis. Auch hier muss eine Kalibrierungsmessung vorgenommen werden. Das Aktiia-Armband zeigt, in welche Richtung das Ganze geht. Künftig werden Smartwatches den Blutdruck messen. Ein Spezialist wie dieses Nischenprodukt weist den Weg, verliert damit aber auch seine Existenzberechtigung.

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