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Apples Betriebssystem „Lion“ : Der Löwe brüllt nur leise

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          Schon klar, da musste das Marketing von Apple mal wieder eine Weltsensation inszenieren: Gleich am ersten Tag wurde das neue Mac-Betriebssystem OS X 10.7 mit dem Codenamen „Lion“ mehr als eine Million Mal verkauft. Inszeniert wurde diese Schlagzeile auf mehrfache Weise. Der erste Erfolgsfaktor ist der günstige Preis. Nur 24 Euro kostet das Update, das ohne Zwangsaktivierung oder Seriennummern auskommt und sich für die private Nutzung auf jedem Rechner im Haushalt installieren lässt, eine einheitliche Apple-ID vorausgesetzt.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Zweitens ist der Löwe derzeit nur als Download über den Mac App Store erhältlich. Dass sich ein digitales Produkt ohne physikalischen Datenträger und Lieferzeiten schneller verbreitet als eine Software auf DVD, ergibt sich nahezu von selbst.

          Mehr als eine Million Kunden haben also am vorletzten Juliwochenende einige Stunden vor ihrem Mac verbracht und die fast vier Gigabyte große Datei geladen. Wir waren vorsichtig. Die Idee, ein neues Betriebssystem unmittelbar nach dem Marktstart auf seine Arbeitsrechner aufzuspielen, setzt eine gewisse Risikobereitschaft voraus. Gleich in den ersten Tagen hagelte es Kritik. „Lion durchstreift die Straßen und ihr mutigen Mac-IT-Admins werdet vom gesamten Publikum für Löwendompteure gehalten“, schrieb ein Adobe-Manager und veröffentlichte eine Liste von Schwierigkeiten, die mit Adobe-Produkten (unter anderem Acrobat, Flash, Lightroom, Photoshop) auftreten. Auch die ellenlange Besprechung von OS X 10.7 auf „Ars Technica“ mahnt zur Geduld: Man solle sich einige Tage - oder sogar Wochen - Zeit nehmen, um die eigenen Programme zu testen und herauszufinden, ob sie auch unter Lion laufen.

          Bild: Michael Spehr

          Wer vom Vorgänger kommt, muss nur wenig neu lernen

          Wir ließen also den Löwen nicht auf unsere Arbeitsmaschine los, sondern probierten das Betriebssystem auf einem ebenfalls neuen PC, dem Macbook Air in der zweiten Generation. Der erste kritische Blick zeigt die gewohnte Optik und bekannte Menüstrukturen. Wer vom Vorgänger OS X 10.6 kommt, muss nur wenig neu lernen. Es geht hier nicht um eine radikale Zäsur, sondern um einen behutsamen Fortschritt.

          Die Bedienungsoberfläche tritt bei Lion einen Schritt zurück, sie wirkt weniger aufdringlich. Farben werden sparsamer eingesetzt, und besonders deutlich wird die Fokussierung auf den Inhalt bei der Fenstersteuerung: Die Rollbalken in der Horizontalen und Vertikalen sind schmaler geworden und grau, zudem nur dann sichtbar, wenn man sich im Fenster bewegt. Der „Anfasser“ unten rechts ist ganz verschwunden. Man schiebt den Cursor grob über die Ecke und skaliert das Fenster wie gehabt. Auch lassen sich jetzt Fenster an allen Seiten in Größe und Position ändern. Noch radikaler gibt sich der Vollbildmodus vieler Apple-Programme, wenn die gesamte obere Menüleiste vollständig ausgeblendet wird.

          Allen gewohnten PC-Konventionen zuwider

          Das ist zum Glück abschaltbar, wie eine zweite Idiotie: die Änderung der Rollrichtung der Bildschirminhalte im Einsatz von Trackpad und Mausrädchen. Hier geht es Apple ums Prinzip. PC und iPhone sollen sich einander angleichen. Schiebt man zwei Finger auf dem Touchpad nach oben, rollt der Bildschirm analog der Ein-Finger-Geste des Smartphones nach unten. Nur läuft die Idee allen gewohnten PC-Konventionen zuwider. Zusammenwachsen sollen iPhone und Mac OS X ferner mit dem Launchpad, einem Schnellstart-Menü für die installierten Programme, das sofort an die Anordnung der Apps auf dem iPhone oder iPad erinnert. Auch das Eingruppieren von Apps in Ordner und die Verteilung auf verschiedene Bildschirmseiten erfolgt wie bei iOS. Die Ähnlichkeiten sind verblüffend - und ganz nebenbei ist damit Lion schon auf künftige berührungsempfindliche Monitore vorbereitet, die Apple indes derzeit noch nicht anbietet. Auch sind neue Mehrfinger-Gesten für das Touchpad hinzugekommen.

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