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Apple iPhone 5s im Test : Der Finger soll in die Zukunft zeigen

Das Scannen eines Fingerabdrucks ist schneller und einfacher als die Eingabe eines Kennworts Bild: Hersteller

Das iPhone wird nur behutsam modernisiert. Das 5s ist ein optimiertes Gerät, für die Freunde des Hauses Apple die Referenz schlechthin. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, in welche Richtung Apple künftig gehen will.

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          Von Freitag an sind das iPhone 5s und das iPhone 5c im Handel. Wir konnten vorab beide Geräte einige Zeit ausprobieren und haben uns ganz überwiegend auf das 5s konzentriert, das neue Smartphone-Flaggschiff von Apple. Wie wir bereits während der Vorstellung geschrieben hatten, gibt es bei der Bauform, der Displaygröße und der Bildschirmauflösung keine Überraschungen. Das 5s ist von seinem Vorgänger kaum zu unterscheiden, man muss die Details bemühen, sie sind Wechsel auf die Zukunft, sie bilden den Unterbau für künftige Entwicklungen. Das zeigt beispielsweise der in den Home-Button eingebaute Fingerabdruckscanner. Es geht in gleich mehrfacher Hinsicht um Sicherheit, um Biometrie zur Identifizierung des Nutzers, um den Schutz der eigenen Daten vor Neugierigen und um einen effektiven Diebstahlschutz. Mit dem neuen iOS 7 können Langfinger ein gestohlenes Gerät nicht mehr auf den Auslieferungszustand zurücksetzen, denn für die Aktivierung oder das Zurücksetzen sind die Apple ID und das Kennwort des Besitzers erforderlich.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Das Scannen eines Fingerabdrucks ist schneller und einfacher als die Eingabe eines Kennworts. Die biometrische Technik an sich ist nicht neu, aber nun ganz anders umgesetzt als etwa in älteren Notebooks. Muss man am Rechner den Finger mit einer definierten Geschwindigkeit über den Sensor ziehen, wird er beim iPhone 5s auf die hochauflösende Sensorfläche gelegt, die 500 Punkte pro Zoll erfasst. Wenn Apple das Verfahren der 2012 erworbenen Firma Authentec verwendet, funktioniert das Ganze so: Es werden nicht die äußeren Rillen und Hügel der Fingeroberfläche erfasst, die aus abgestorbenen Zellen besteht, sondern der Sensor misst mit einem elektrischen Feld die darunter liegende Hautschicht. Dank dieser Lebenderkennung scheitert auch die altbekannte Überlistung mit einer Fingerattrappe plus Gelatine-Mixtur und aufgedrucktem Fingerabdruck.

          Mathematische 1-Weg-Funktion

          Beim Umgang mit den Fingerabdruck-Daten verspricht Apple außergewöhnliche Sicherheit. Das erfasste Muster wird nicht als physikalisches Abbild gespeichert, sondern als Hash, als mathematische 1-Weg-Funktion: Aus dem Fingerabdruck wird eine Zeichenkette generiert, die allein garantiert, dass sie mit ihm erstellt wurde, aber nicht auf den Fingerabdruck zurückführt. Denn es geht, im Unterschied zum polizeilichen Einsatz, nicht darum, den Fingerabdruck zu speichern oder weiterzugeben, sondern nur um die Bestätigung, dass es sich um den „richtigen“ Finger handelt. Zudem werden die Daten in einem separierten Bereich des iPhone 5s gespeichert („Secure Enclave“), nicht auf Servern von Apple, nicht in der Cloud, sie werden nicht in eine iTunes-Synchronisation einbezogen, sie sind nicht auslesbar, und Anbieter von Apps erhalten keinen Zugriff. Wer also sein iPhone 5s gegen ein neues tauscht, muss mit der Erfassung der Fingerabdrücke von vorn beginnen.

          Die Nutzung des Fingerabdrucksensors ist optional, keine Pflicht. Er erspart einem zunächst die Eingabe des Sicherungscodes beim Entsperren des Geräts. Allerdings wird der Code nicht überflüssig. Er ist einzugeben nach jedem Neustart und spätestens nach 48 Stunden. Weiterhin auch bei der Erfassung neuer Fingerabdrücke, so dass kein Unbefugter das Gerät beiseite nehmen und seinen eigenen Abdruck erfassen kann. Maximal fünf Abdrücke sind erlaubt, man kann auch weiteren Personen den Zugriff aufs Gerät ermöglichen.

          Die erstmalige Registrierung der Abdrücke ist aufwendig. Man muss mit dem Finger mehrfach auf das Sensorfeld tippen, ihn kurz anheben und wieder neu ansetzen. Möglichst die gesamte Fläche ist zu erfassen, es gibt dazu Hinweise auf dem Bildschirm, aber nicht immer gelingt die Prozedur im ersten Anlauf.

          Drückt man zu lange, startet Siri

          Mit „angelerntem“ Finger ist die nächste Hürde beim Entsperren des Geräts das richtige Timing: Drückt man zu lange, startet Siri. Schneller gelingt anfangs die Entriegelung in zwei Schritten: Mit der oberen Ein-Aus-Taste das iPhone aus dem Tiefschlaf wecken und anschließend sich mit „Fingerauflegung“ authentifizieren. Die Erkennungsgenauigkeit ist spektakulär. Wir schätzen, dass nur einer von rund 200 Anmeldevorgängen ein zweites Mal zu wiederholen war. Mit einem „falschen“ Finger kamen wir nie ins System. Würde dergleichen auch nur einmal passieren, wäre das gesamte Sicherheitskonzept diskreditiert.

          Der Fingerabdruck kann weiterhin auch für den Einkauf in iTunes und dem App Store genutzt werden, ebenfalls optional, es wird dann vom Gerät ein OK-Hinweis gesendet, und nicht etwa der Hashcode des Fingerabdrucks. Im Unterschied zur Gesichtserkennung anderer Smartphones funktioniert die Technik, und sie macht im Dauereinsatz Spaß. Die Option auf die Zukunft könnte darin bestehen, dass die Authentifizierung per Fingerabdruck und iPhone in weiteren Apps oder auf anderen Plattformen verwendet wird. Nicht dadurch, dass die persönlichen biometrischen Daten an Dritte weitergegeben werden, wie Datenschützer befürchten, sondern, dass das Smartphone zum Sicherheitsschlüssel wird. Wer eins und eins zusammenzählt, wird zu dem Ergebnis kommen, dass Apple hier die Grundpfeiler eines sicheren mobilen Bezahlsystems gesetzt hat. Zunächst muss sich in den nächsten Wochen allerdings das Konzept beweisen. Schon gibt es eine juristische Diskussion, ob die Biometrie zu einer Beweislastumkehr in Strafverfahren führe, wie Rechtsanwalt Udo Vetter meint. Biometrische Systeme hätten einen ganz anderen Stellenwert als die herkömmlichen vierstellige Zahlencodes, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, ob und von wem Illegales mit dem Gerät veranstaltet wurde.

          Doppelte Rechenleistung, auch in der Grafikabteilung

          Der neue A7-Prozessor des iPhone 5s soll mehr Tempo denn je bieten, Apple spricht von doppelter Rechenleistung, auch in der Grafikabteilung. Nach unseren ersten Eindrücken merkt man davon jenseits des Spieleeinsatzes wenig. Das ältere iPhone 5 war ja nicht langsam. Für iOS 7 ist zusätzliche Rechenleistung erforderlich, die hier nun geliefert wird. Der Übergang vom 32-Bit-Betriebssystem auf 64 Bit ist nicht per se ein Fortschritt, sondern ebenso wie der neue Coprozessor M7 abermals eine Option für die Zukunft. 64 Bit bedeutet, dass mehr Speicher adressiert werden kann, wichtig ist das wohl eher für ein künftiges iPad als aktuelle Smartphones. Der M7 wiederum dient der kontinuierlichen Erfassung von Bewegungen, die vom Beschleunigungssensor, Kompass und Gyroskop gemeldet werden. Hier ist Hardware eingebaut, die im Zusammenspiel mit ebenfalls neuen Programmierschnittstellen (APIs) die Möglichkeit bietet, Fitness-Apps und Anwendungen für „Quantified Self“ zu erstellen, die den Akku nicht belasten – und ein Fitbit, Jawbone oder Nike Fuelband überflüssig machen.

          Mit der fortwährenden Ermittlung von Bewegungsdaten, zum Beispiel: ob der Nutzer mit dem iPhone geht, joggt oder im Auto fährt, lassen sich weitere interessante Szenarien entwickeln. Etwa eine App, die bemerkt, dass der Nutzer sein Fahrzeug geparkt hat und nun automatisch den Standort speichert, um ihn später dorthin zurück leiten zu können. Das alles und Quantified Self haben viel mit (Selbst-) Überwachung zu tun.

          Kamera kann mit Nokia nicht mithalten

          Schließlich die Kamera: Die Details der Verbesserungen hatten wir beschrieben, wie macht sie sich in der Praxis? Im Vergleich mit dem iPhone 5 sieht man Unterschiede und Fortschritte, aber sie bleiben eher klein. Den Doppelblitz des iPhone 5s, der 1000 verschiedene Farbtöne unterstützt, werden wir in Zukunft öfter aktivieren, beim iPhone 5 blieb der Standardblitz stets ausgeschaltet. Der Autofokus bereitet gelegentlich Probleme, die Aussage „auf dem Niveau einer Spiegelreflexkamera“ können wir nicht teilen. Bei der Empfindlichkeit, die mit größeren Pixeln und größerer aktiver Sensorfläche gesteigert sein soll, ist ein Fortschritt durchaus zu sehen. Fotos unter schlechten Lichtbedingungen sind etwas rauschärmer. Aber mit den aktuellen Nokia Lumias kann die Kameraabteilung nicht mithalten.

          Die neue Kamera-App in iOS 7 mit mehr Spezialeffekten passt sich dem Zeitgeist an, spektakulär sind Slow-Motion-Videos mit 120 Aufnahmen pro Sekunde. Der Übergang zu iOS 7, das nun auch für die älteren Geräte zur Verfügung gestellt wird), läuft verblüffend gut. Bereits nach ein, zwei Tagen hat man sich an das neue Design gewöhnt – und wird viele Verbesserungen sofort schätzen. Die Sprachassistentin Siri versteht einen gut wie nie, sie ist und bleibt ein einzigartiges Alleinstellungsmerkmal. Gründlich misslungen ist jedoch der neue Kalender, der zu wenig Übersicht bietet. Das 5s unterstützt jetzt den Datenturbo LTE auch im Netz von Vodafone, und O2 gibt ebenfalls grünes Licht für die LTE-Kompatibilität. Die Akkulaufzeit des 5s entspricht in etwa der des Vorgängers. Bei intensiver Beschäftigung ist der Kraftspender abends leer, wer es etwas lockerer angehen lässt, kommt auf anderthalb Tage.

          Insgesamt ist das Neue ein optimiertes Gerät und für die Freunde des Hauses Apple die Referenz schlechthin. Es punktet mit seinen durchgängig sehr guten Leistungen, der hohen Verarbeitungsqualität, den besten Apps und einem reichhaltigen Ökosystem rund um Zubehör, Fahrzeug-Anbindung und Musik. Wie bei den Vorgängermodellen gilt auch hier: Man macht nichts verkehrt und kann getrost zugreifen. Das iPhone 5s ist jedoch keine Revolution, und die Fans anderer Betriebssysteme werden mit Recht darauf verweisen, dass zum Beispiel ein Nokia Lumia die bessere Kamera und die bessere Fahrzeugnavigation hat. Im Android-Bereich gibt es mehr Auswahl bei der Hardware, größere Anzeigen, Stiftbedienung und nahezu unendliche Optionen der Individualisierung. Das iPhone ist und bleibt teuer, die Preise ohne Kartenvertrag liegen zwischen 700 und 900 Euro je nach Speicher.

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