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Beckenbodentraining : Auf Schmetterlingsjagd

  • -Aktualisiert am

Perifit wird eingeführt, dann kann der Spaß beginnen. Bild: Hersteller

Beckenbodentraining ist gesund – aber wie so vieles, das gesund ist, auch schnell langweilig. Mit App und digitalem Trainingshelfer soll es angeblich mehr Spaß machen.

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          Der Schmetterling muss hochfliegen, damit er die Lotusblüten am oberen Displayrand erreicht. Nur um dann wieder nach unten zu sinken, wo er die nächsten Blüten einsammelt. Was wie ein Computerspiel für das Kindergartenalter aussieht, richtet sich an Erwachsene und hat einen besonderen Zweck.

          Gamification soll motivieren und langweilige Abläufe attraktiver machen, indem spielerische Elemente eingebaut werden. Das kann der Fortschrittsbalken sein, den Käufer bei Bestellabläufen sehen, oder die unterschiedliche Farbe, die illustriert, ob ein Passwort stark genug ist oder nicht. Apps zum Erlernen von Sprachen sorgen mit Punkten und Rankings dafür, dass man nicht nur heute Vokabeln übt, sondern seinen Platz auf der Bestenliste morgen verteidigt. Gamification wird vor allem bemüht, wenn Nutzer trotz vieler Wiederholungen bei der Stange bleiben sollen, auch wenn es mal lästig ist.

          Der Blüten sammelnde Schmetterling flattert fürs Beckenbodentraining. Frauen sollen die Übungen nach Schwangerschaften machen, älteren Menschen werden sie als Inkontinenztherapie empfohlen. Doch das Training ist mitunter etwas langweilig und undurchsichtig: Werden wirklich die richtigen Muskeln angespannt, während man sich vorstellt, mit dem Becken ein Taschentuch aufzuheben, oder an eine schwimmende Qualle denkt? Die Konsequenz ist, dass viele nicht dauerhaft dabeibleiben. Kaum ist der Kurs vorbei, werden die Übungen nicht mehr gemacht.

          Von 120 bis 200 Euro

          Um das zu ändern, verbinden nun Trainingsgeräte die drögen Übungen mit Videospielen: Aus Frankreich kommt beispielsweise der Perifit des Unternehmens X6 Innovations, das englische Unternehmen Elvie bietet den Elvie Trainer an, vom chinesischen Hersteller Chun Shui Tang gibt es das Gerät iBall. Die Produkte sind im Internet zu Preisen von 120 bis 200 Euro zu haben. Die passenden Apps gibt es im Google Play Store und im Apple App Store.

          Perifit kommt in einer weißen Schachtel, geschmückt von einer rosafarbenen Lotusblüte. Das Gerät selbst ist ein etwas über zehn Zentimeter langer und knapp drei Zentimeter dicker Joystick, der zwei kugelförmige Ausbuchtungen hat, die Drucksensoren enthalten. Er ist mit medizinischem Silikon in Pink oder Mintgrün umhüllt und läuft mit einer Batterie, die derzeit von der Anwenderin weder aufgeladen noch ausgewechselt werden kann. Laut Hersteller hält die Batterie bei der empfohlenen wöchentlichen Betriebsdauer von 30 Minuten zehn Jahre. Sollte sie unter fünf Jahre halten, wird sie auf Herstellerkosten ersetzt, danach muss der Batteriewechsel selbst bezahlt werden.

          Besserer Sex durch einen trainierten Beckenboden

          Indem die Nutzerin nun ihre Muskulatur an- und wieder entspannt, steuert sie sich durch Videospiele auf dem Smartphone. Sowohl die stereotyp weibliche Aufmachung des Geräts als auch der Spiele scheint die Zielgruppe gerade auf jüngere Frauen zu verengen. Dabei soll das Training je nach zuvor gewähltem Programm unterschiedlichen Zwecken dienen. Es will einen durch die Schwangerschaft geschwächten Beckenboden stärken, bei Stressinkontinenz helfen und dieser vorbeugen. Oder eben für das „intime Wohlempfinden“ sorgen. Das Werbeversprechen im Klartext: besserer Sex durch einen trainierten Beckenboden.

          Das Gerät koppelt sich über Bluetooth mit der zugehörigen App, die einem die Funktionen kurz erklärt. Statt einer Anleitung lernen Nutzerinnen das Produkt durch Ausprobieren kennen. Die zwei kugelförmigen Ausbuchtungen werden vaginal eingeführt, die Antenne bleibt außerhalb des Körpers. Vor Spielbeginn muss der Perifit zunächst kalibriert werden, indem man den Beckenboden hintereinander mehrfach kurz anspannt und entspannt, und schon kann besagter Schmetterling losflattern. Die ersten Spiele sind Side-Scroller mit Retrooptik, die Spielerin schaut also von der Seite auf den Schmetterling. Höhe oder Tiefe wird muskulär kontrolliert, während er geradeaus fliegt. Weitere Level eröffnen den Zugang zu anderen Spielfiguren und Perspektiven.

          Üben ohne Spiel

          Im Anschluss dokumentiert die App verschiedene Leistungsparameter, deren Veränderung von Training zu Training verfolgt werden kann, beispielsweise die Stärke und Ausdauer des Beckenbodens oder die Reaktionsgenauigkeit. Dabei wird unterschieden in äußere und tiefer liegende Beckenbodenmuskulatur. Außerdem gibt es einen Modus, der das Üben ohne Spiel erlaubt.

          Perifit gibt es seit 2017, das französische Unternehmen X6 Innovations hatte es mit einer Crowdfunding-Kampagne gestartet, die binnen kürzester Zeit mehr als 200.000 Euro gesammelt hat. Auch die Idee, körperliches Training mit Spielelementen zu verbinden, kursiert unter dem Namen mHealth (mobile Health) seit geraumer Zeit. Dass die Nachfrage nach mHealth-Lösungen zurzeit groß ist, hängt auch mit der Corona-Pandemie zusammen: Kurse finden nur mit reduzierten Plätzen statt, wenn überhaupt.

          Dabei stellt sich allerdings die Frage, wie effektiv die spielerischen mHealth-Angebote und ob sie tatsächlich motivierender sind. Denkbar ist, dass auch mit einem Videospiel auf dem Smartphone die Motivation nachlässt, sobald sich der Neuigkeitseffekt abgenutzt und sich eine Gewöhnung eingestellt hat. Oder sobald das Gerät nicht mehr ständig eine Verbesserung der Leistungsparameter bescheinigt.

          Ein anderer Beckenbodentrainer, der iBall, der sowohl in seiner Form als auch in der Unterstützung durch Videospiele dem Perifit stark ähnelt, wurde hinsichtlich seiner Wirksamkeit untersucht. In einer Studie, die Sinéad Dufour und Qiyin Fang an der McMaster-Universität im kanadischen Hamilton durchgeführt und 2019 veröffentlicht haben, gaben die meisten Teilnehmerinnen an, dass ihnen die körperliche Untersuchung zu Beginn der Studie mit Hinweisen zum Training mehr geholfen habe als das Training mit dem Gerät selbst. Viele Teilnehmerinnen hatten zudem technische Schwierigkeiten mit dem iBall. Das Training selbst wirkte aufwendiger als die regulären Übungen und deshalb schwieriger umsetzbar. Manche Probandinnen merkten an, dass es zu viel Vorbereitung und eine mit kleinen Kindern seltene Privatsphäre benötigte.

          Der Trainingseffekt und die Verbesserung der Muskulatur war währenddessen ebenso groß wie bei einer Vergleichsgruppe, die ohne Gerät Beckenbodenübungen machte. Das medizinische Fazit in dieser Untersuchung lautete: Der iBall ersetze keineswegs die Untersuchung und Beratung durch ärztliche Spezialisten.

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