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Google und die glorreichen Sieben

Von MARCO DETTWEILER und MICHAEL SPEHR

07.07.2016 · Android beherrscht den Smartphone-Markt. Das hat auch Vorteile: Noch nie war die Auswahl an attraktiven Geräten so groß wie heute. Wir haben sieben schicke Kandidaten der Google-Welt ausprobiert.

Fast die gesamte Smartphone-Welt ist von Google besetzt. Der Marktanteil seines Android-Betriebssystems in aller Welt betrug im ersten Quartal 2016 nach den Angaben von Statista 84 Prozent. Die rivalisierenden Betriebssysteme von Microsoft und Blackberry sind so gut wie tot. Im Wettbewerb bleiben also nur die iPhones von Apple. Blickt man nach Deutschland, ist die Übermacht von Google nicht ganz so groß. Hierzulande laufen drei von vier Smartphones mit Android, und in Amerika sind es noch weniger, Google kommt dort auf 55 Prozent.

Indes: Android ist das Betriebssystem für den globalen Massenmarkt, und dafür gibt es etliche Gründe. Die Vielfalt der Geräte ist einzigartig. Es gibt günstige von 100 Euro an und High-End-Modelle für mehr als 800 Euro. Kleine, kompakte mit einer Bildschirmdiagonale von 4 Zoll (10,2 Zentimeter) werden ebenso angeboten wie sogenannte Phablets mit üppigen 6 Zoll. Geht es um die bunte Vielfalt unterschiedlicher Bauformen, verwendeter Materialien und technischer Details, öffnet Android einen Supermarkt mit quasi unbeschränkter Auswahl. Jeder Käufer kann seinen eigenen Schwerpunkt setzen: lange Akkulaufzeit, hohe Displayqualität oder bestmögliche Kamera. Man kann sogar seiner Marke treu bleiben, weil Hersteller wie Samsung, Sony, LG, Huawei oder HTC ihr Portfolio breit aufgefächert haben.

Android ist zudem in weiten Teilen anpassbar und ideal für Bastler. Aber auch die Hardware-Hersteller nutzen die Möglichkeit, das reine Android (das sich auf den Nexus-Geräten von Google befindet) individuell anzupassen. Sie stülpen ihre eigene Oberfläche über den Kern. Ein Touchwiz-Aufsatz von Samsung setzt sich dann deutlich ab von Huaweis Emui, und die Xperia-Oberfläche von Sony hat eine andere Anmutung und Funktionalität als Sense von HTC. Das alles kann man als Vorteil sehen - oder als Nachteil. Denn nur Android pur erhält regelmäßig die neuesten Updates für mehr Stabilität und Sicherheit. Wenn Google eine verbesserte Android-Version veröffentlicht, müssen die Hersteller diese erst anpassen. So kommen die Aktualisierungen spät oder für viele Geräte gar nicht. Das neue Android 6 ist auf zehn Prozent derjenigen Smartphones angekommen, die im Juni auf den Google Play Store zugegriffen haben, also aktiv im Einsatz sind. Android 5 kommt auf 35 Prozent, und alle anderen Geräte laufen mit den Uralt-Versionen 2 bis 4.

© Frank Röth Sieben Sieger: In unterschiedlicher Größe mit vielen Talenten präsentieren sich die interessantesten Androiden für den Sommer. Das LG G5, Motorola G4 Plus, Huawei P9 Plus, Blackberry Priv, HTC 10, Samsung Galaxy S7 Edge und Sony Xperia X.

Nicht nur aufgrund dieser Fragmentierung ist Android das unsicherste Smartphone-Betriebssystem. So gut wie alle Angriffe von Schadsoftware richten sich auf die Google-Produkte. Eine Sicherheitslücke wie Stagefright, die es erlaubt, das Smartphone eines Fremden via MMS zu übernehmen, betraf in aller Welt gleich eine Milliarde Geräte. Auch das fortwährende Ausspähen durch Google und App-Hersteller macht Android zu schaffen. Die Fachzeitschrift „c’t“ brachte es auf den Punkt: Egal, ob bewusste Weitergabe, unnötige Sammelei oder sorgloses Hantieren mit persönlichen Daten - Schnüffeln sei bei Android kein Einzelfall, sondern die Regel. Es werde alles mitgeschnitten, was man abgreifen könne, Google kenne die Schwächen seines Betriebssystems, die das Datensammeln im Verborgenen erlaube, und tue nichts dagegen.

Das günstige Android-Gerät wird also auch mit der Preisgabe privater Daten bezahlt. Das merkt man indes zunächst nicht. Allerdings wird schon bei der Inbetriebnahme klar, dass man um Google nicht herumkommt. Wer kein Google-Konto auf dem neuen Gerät einrichten will, muss auf die Apps im Play Store und viele andere Dienste wie Maps, Drive oder Chrome verzichten. Und umgekehrt: Die entsprechenden Google-Apps sind fest installiert und lassen sich nicht löschen. Wer der Datensammelwut wenigstens ein bisschen die Stirn bieten will, kann in Android 6 einige App-Berechtigungen anpassen und beispielsweise dem Taschenrechner den Zugriff auf das eingebaute Mikrofon entziehen.

  • © Frank Röth Samsung Galaxy S7 Edge
  • © Frank Röth Samsung Galaxy S7 Edge

Samsung Galaxy S7 Edge Wir haben sieben junge Androiden erprobt, die jeweils unterschiedliche Akzente setzen und beispielhaft die Vielfalt des Markts zeigen. Ein Gerät steht klar an der Spitze, an ihm führt derzeit kein Weg vorbei. Das Galaxy S7 Edge von Samsung liegt in nahezu allen Disziplinen im Vergleich mit der Konkurrenz vorn, darunter sind die unserer Meinung nach wichtigsten: Bildschirm und Kamera. Es macht viel Spaß, auf dem QHD-Display (2560 × 1440 Pixel) zu navigieren, zu lesen und Bilder zu betrachten. Das liegt auch an dessen Form, denn beim Edge ist das Glas am Rand gebogen. Die Kamera zeigt keine Schwäche. Wir haben in den letzten Monaten stets die Bilder unserer Test-Smartphones mit denen des S7 verglichen. Keines machte konsequent so gute Aufnahmen in verschiedenen Umgebungen. Seither ist die Kamera des S7 unsere Referenz. Auch bezüglich Design, Verarbeitung und technischer Ausstattung setzt Samsung Maßstäbe. Wenn es etwas zu meckern gibt, dann ist es der Preis. Als das S7 Edge frisch auf den Markt kam, kostete es knapp 800 Euro. Mittlerweile ist es für weniger als 700 Euro zu finden.

  • © Frank Röth Huawei P9 Plus
  • © Frank Röth Huawei P9 Plus

Huawei P9 Plus In der gleichen Preisliga spielt das Huawei P9 Plus. Es ist der große Bruder des P9 mit Leica-Optik, die hier abermals eingebaut ist. Den Unterschied macht zunächst die Größe. Das Display des Plus trumpft mit 5,5 statt 5,2 Zoll in der Diagonale auf, die Auflösung der Anzeige bleibt indes bei Full HD (1920 × 1080 Pixel). Jedoch kommt beim teureren Modell die Amoled-Technik zum Einsatz, es sind zudem üppige vier Gigabyte Speicher eingebaut, und der Bildschirm ist druckempfindlich. Ein kräftiger Druck öffnet in ausgewählten Apps (wie beim iPhone 6S und 6S Plus) ein zusätzliches Menü. Die Kamera folgt weitgehend dem P9, sie liefert bei gutem Licht hervorragende Aufnahmen, zeigt jedoch unter dämmrigen Bedingungen kleine Schwächen. Emui als Bediensystem kann einem gefallen, es orientiert sich an Apples iOS.

  • © Frank Röth Sony Xperia X
  • © Frank Röth Sony Xperia X

Sony Xperia X Am unteren Ende der Oberklasse spielt Sony. Die Japaner machen Schluss mit den Z-Modellen ihrer Xperia-Reihe und versuchen einen Neustart: Auf das Z5 folgt das X. Das neue Gerät ist keineswegs eine große Unbekannte. Sony hat gegenüber dem Vorgänger nur Details geändert. Die Kante rund um den Bildschirm ist nahezu verschwunden, Stichwort: neue Rundlichkeit. Der Auftritt wirkt nicht mehr so hart, es hält sich angenehmer in der Hand. Das Design bleibt stark, die Proportionen der einzelnen Elemente wirken stimmig. Leider legt Sony in seiner Marketing-Strategie zu sehr den Fokus auf die Kamera. Diese kann noch immer keinen Referenzstatus erlangen, weil die Bilder zu häufig in sehr hellen Bereichen aufreißen. Sonst macht das Xperia X gute Fotos. Weil die Japaner in der technischen Ausstattung nicht aus dem Vollen geschöpft haben, bleibt der Preis von 600 Euro moderat.

© Marco Dettweiler Auch das Sony Xperia X (rechte Spalte) haben wir mit unserem Referenzgerät, dem Samsung S7 Edge, verglichen und drei Bilder exemplarisch nebeneinander gestellt. Die Kamera des Sony ist gut, zeigt aber Schwächen. Eine davon ist die Abbildung von Motive mit sehr hellen Bereichen. Dort reißen die Bilder zu stark auf, zeigen kaum noch Zeichnungen. Deutlich zu sehen bei den weißen Blumen und der Hauswand in der Mitte des oberen Bildes. Dagegen gefallen die Farben des Mini bei der Sony-Kamera fast besser.
  • © Frank Röth Blackberry Priv
  • © Frank Röth Blackberry Priv

Blackberry Priv In der gleichen Klasse meldet sich ein Exot: der erste und bislang einzige Blackberry mit Android-Betriebssystem. Der Priv ist ein Experiment, das von den Verkaufszahlen her gescheitert ist, aber die Zukunft von Blackberry sein soll. Das hauseigene Betriebssystem Blackberry 10, gerade mal drei Jahre alt, wird künftig ersetzt durch Google. Um den IT- und Sicherheitsabteilungen der Großunternehmen die Angst vor Android zu nehmen, ergänzt der kanadische Hersteller mit eigenen Apps, darunter dem Blackberry Hub, wie man ihn aus der alten Blackberry-Welt kennt. Er ist neben der ausziehbaren Minitastatur der zweite Pluspunkt dieses sehr großen und schweren Geräts mit hoher Bildschirmauflösung (2560 × 1440 Pixel) und sehr ordentlicher 18-Megapixel-Kamera.

  • © Frank Röth LG G5
  • © Frank Röth LG G5

LG G5 Auch das G5 des koreanischen Herstellers LG hat eine Besonderheit: seine modulare Bauweise. Der untere Teil des Geräts lässt sich mitsamt Akku abziehen und durch ein anderes Modul ersetzen. Steckt man etwa Cam Plus auf, verlängert sich das Smartphone und bekommt einen dicken Knubbel am Ende. Dadurch soll das G5 beim Fotografieren besser in der Hand liegen. Außerdem ist ein Rädchen fürs Zoomen, ein Knopf fürs Anschalten und Auslösen der Kamera integriert. Weder die Idee noch die Umsetzung überzeugen. Die Entscheidung, ob man nun das Kamera-Modul als Standardausstattung dabei hat oder es für Fotosessions mitnimmt, dürfte den Nutzer eher quälen als ihm helfen. Das Zoom-Rädchen hat zu wenig Widerstand, so dass die Feinjustierung schwierig ist. Die Form von Cam Plus unterstützt - wenn überhaupt - nur beim Fotografieren im Querformat. Hält man das Gerät in der Vertikalen, stört das Modul eher. Die Problematik ist beim zweiten Modul ähnlich. Bang & Olufsen hat einen Digital-Analog-Wandler mitsamt Verstärker in dem schmalen Aufsatz untergebracht. Setzt man ihn auf, wenn man mal stundenlang Musik hört? Oder lässt man ihn fortwährend auf dem G5? Der Preis des G5 ist innerhalb weniger Wochen von 700 auf deutlich unter 500 Euro gefallen.

© Marco Dettweiler Der nächste Kameravergleich: Referenzgerät Samsung S7 Edge (linke Spalte) gegen das G5 von LG. Am auffälligsten bei dieser Kamera ist die enorme Weitwinkeligkeit. Schon bei der Aufnahme des Hausflurs verzerrt die Perspektive zu stark. Bei den schiefen Hauswänden und der gebogenen Straßenlaterne wirkt es geradezu komisch. Die Lowlight-Funktionalität kann mit dem S7 fast mithalten.
  • © Frank Röth HTC 10
  • © Frank Röth HTC 10

HTC 10 HTC steckt ebenfalls tief in der Krise. Betrachtet man nur die Verkaufszahlen, spielen die Smartphones der Taiwaner keine Rolle mehr. Schaut man sich das momentane Flaggschiff HTC 10 genauer an, ist der geringe Marktanteil kaum zu erklären. Vom sehr schnellen Qualcomm-Prozessor über vier Gigabyte Arbeitsspeicher bis hin zum USB-Typ-C-Anschluss ist das HTC 10 bestens ausgerüstet. Auch die Verarbeitung gefällt: Das aus Aluminium gefräste Gehäuse macht einen hochwertigen Eindruck. Die Sense-Oberfläche des Android-Betriebssystems ist angenehm reduziert und sieht schick aus. Auch die Sprachqualität beim Telefonieren ist uns positiv aufgefallen. Wer auf seinem Smartphone laut Musik hören will, ist mit dem Gerät besser dran als mit den meisten Konkurrenzprodukten. Doch auf dem Weg zum Referenzgerät geht HTC die Luft aus. Die Kamera macht ordentliche Bilder, behält aber nicht immer die Kontraste optimal im Blick. Ähnliches gilt für den Bildschirm. Er ist sehr gut, aber nicht brillant: Für 700 Euro ist das HTC 10 zu teuer.

© Marco Dettweiler Die größte Konkurrenz bekommt das Samsung S7 Edge durch das HTC 10. Die Kamera zeigte wenige Schwächen, viele Vergleichsbilder waren ebenbürtig. Wir haben bei der Fotosession an einem sonnigen Tag dann leider doch ein Motiv gefunden, dass dem HTC ein Problem bereitet. Das Bild in der Mitte (rechte Spalte) zeigt einen unwirklichen Weichzeichnereffekt, was wohl auf den Umgang mit dem grellen Licht im Hintergrund in Kontrast zu dem Schatten im Wald zu tun hat. Ansonsten waren wir mit dem HTC 10 sehr zufrieden.
  • © Frank Röth Motorola Moto G4
  • © Frank Röth Motorola Moto G4

Motorola Moto G4 Dann lieber ein Moto G4 von Motorola, die nun zu Lenovo gehören? Das große Gerät mit 5,5-Zoll-Display und Full-HD-Auflösung besteht nahezu ausschließlich aus Plastik, kostet aber nur 250 Euro, hat ein kaum modifiziertes Android und (in der etwas teureren Plus-Variante) einen biometrischen Fingerabdruckscanner im Home-Button eingebaut. Zugegeben, zwei Gigabyte Arbeitsspeicher sind knapp, und den Fotos der 13-Megapixel-Kamera fehlt das letzte Quentchen Struktur und Schärfe. Aber insgesamt ist man verblüfft, wie viel feine Technik man in der Android-Welt für einen moderaten Preis erhält.

© Frank Röth Immer wichtiger wird die Qualität der Kamera, und ein Dauerthema ist die Aktualität des Betriebssystems.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 07.07.2016 10:27 Uhr