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Android : Eiscreme für alle

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Bunt und knallig: So liebt es der Zeitschriftenkäufer, und nur so kann im Dschungel der Special-Interest-Medien offenbar eine Weile überlebt werden Bild: Hoang Le, Kien

Vieles an Android, der Plattform für Smartphones und Tablets, erinnert an die Frühzeit des privaten Computers - nicht zuletzt die bunten Fachzeitschriften.

          Nicht alle fangen es so frech und protzig an wie die April-Nummer des Magazin „Androiduser“ auf dem Titel: „Umstieg vom iPhone: Hallo Android! Tipps für Ex-iPhone-Nutzer. Must-have-Apps für iPhoner: Diese Android-Apps brauchen Sie.“

          Noch sieht die Welt bei Saturn, Media Markt und Konsorten etwas anders aus: Große markengebundene Areale von Apple, laufende Regalmeter von Zubehör, Hüllen, Headsets, Lade-und-Lautsprecher-Docks, alles und in allen Farben für iPhone, iPod und iPad. Die Androiden fallen nicht so formatfüllend ins Auge: Samsung in dezentem Dunkelblau und Weiß, sehr schick, und speziell beim Zubehör saftige Preise, aber einfach nicht so viel. Und dann und daneben kommen alle anderen, ob HTC, ob Asus, Acer oder Motorola. Oder gar Sony, die sich am liebsten gar nicht ins Getümmel stürzen, sondern gern dort bleiben, wo groß Sony drüber steht und wo man die Android-Geräte zwischen den Vaios suchen gehen muss. Dem Gefühl nach, das die reale Präsentation erzeugt, beherrscht Apple die Szene. Und ähnlich ist der Eindruck, den die Internetsuche ergibt, beim Stichwort Tablet genauso wie bei der Suche nach einem Smartphone: erst mal Apple und dann lange gar nichts.

          Tausende verschiedene Geräte

          Dabei sprechen die Zahlen eine andere Sprache: Schon im ersten Vierteljahr 2010 wurden in den Vereinigten Staaten mehr Android-Handys verkauft als iPhones. Zwei Jahre später, im Februar 2012, meldete Google, dass täglich 850.000 unter Android laufende Smartphones aktiviert würden. Im ersten Quartal dieses Jahres bezifferten Marktforscher den Anteil der Verkäufe von Android-basierter Hardware auf über 56 Prozent, gefolgt von Apple mit knapp 23 Prozent. Es gibt Tausende von verschiedenen Android-Geräten von Hunderten von Herstellern. Im Juli 2010 gab es allerdings lediglich rund 90.000 Apps im damals Android Market heißenden Download-Bereich. Der heißt heute nicht von ungefähr Google Play, und sein Angebot umfasst 620.000 Apps, 40.000 kommen Monat für Monat hinzu.

          Trotzdem ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass Android im Zeitschriftenregal so gut plaziert ist - und das nicht nur am Bahnhof, sondern auch im Supermarkt, wo sich die iTunes-Guthaben und andere Aufladekarten an der Kasse finden. Kann man denn das alles nicht bequem im Internet haben? Sicher, gar kein Problem: www.android-hilfe.de, da gibt es nicht nur für den Besitzer eines Samsung Note guten Rat, wenn er feststellt, dass sein Schlachtschiff von Handy dank Aktualisierung auf Android 4.03 oder ICS wie Ice Cream Sandwich nun den Akku des Note über die USB-Schnittstelle des PCs leer saugt, statt ihn von dort zu laden. In den helfenden Foren ist man auch mit einem Motorola Defy und Android 2.2 alias Froyo daheim. Wozu also die Zeitschriften, sind die nicht vollkommen überflüssig?

          Android für Einsteiger

          Selbstverständlich nicht, sonst würde es sie ja nicht geben in dieser großen Zahl und mit der verschwenderischen Fülle von Sonderheften wie „Android für Einsteiger“ oder „Mega-Guide - Die besten Apps für Android - Test: 555 Apps + Spiele“. Lassen wir mal die eher schwer missionierbaren Apple-Hörigen ganz außen vor. Die erste Zielgruppe der knalligen, grafisch viel mit der Farbe Hellgrün des Android-Logos arbeitenden Publikumszeitschriften sind natürlich die tatsächlich noch mit Froyo behafteten Android-Nutzer. Irgendwer muss denen doch den Mund wässern und die Börse öffnen, denn wenn sie keine Probleme haben, kommen sie natürlich auch nicht ins Internetforum. Und so könnten sie zufrieden an allen Neuerungen vorbeileben. Das darf nicht sein.

          Zielgruppe Nummer zwei sind die Erst-, Neu- und Nachkäufer: Sie sind in enormer Gefahr, sich ein Smartphone zuzulegen, das nicht gut in der Smartphone-Bestenliste von Chip plaziert ist: beispielsweise das mit Gesamtnote 86,7% bewertete Sony Ericsson Xperia Arc S statt des Motorola Razr mit der besseren Note 86,9% - ein geradezu entsetzlicher Gedanke. Durch ihre Preisangaben haben diese so genau wertenden Übersichten den schönen Nebeneffekt, dass dem weniger Informierten übliche Straßenpreise als besondere Schnäppchen erscheinen.

          Schneller, schöner, besser

          Wer sich nun ein neues Smartphone wo und wie auch immer zugelegt hat, merkt meist, dass es jenseits einiger Grundfunktionen bedienungstechnische Feinheiten bietet, zu denen sich nichts Erklärendes in der Verpackung finden lässt. Die aus dem Internet heruntergeladene Bedienungsanleitung sagt aus gutem Grund zu manchem Aufgeschnappten wie etwa dem „Modding“, den in der Android-Benutzer-Szene prestigeträchtigen Systemmodifikationen wie etwa Hochtakten des Prozessors, auch nichts. Und in den Internetforen äußern sich zu Themen wie dem mit Garantieverlust verbundenen „Rooten“ Autoren, die geradezu genial ihre Rechtschreibschwäche mit einem drolligen Abkürzungsfimmel tarnen. Hier greifen die Magazine helfend ein und erklären Schritt für Schritt, wie man es macht - bei jedem Smartphone-Modell ein bisschen anders.

          Der Anschluss eines USB-Sticks an den Androiden oder die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich sein Akku leert, was sich dagegen tun lässt, wie man überflüssige System-Apps loswird und „Schnüffel-Apps“ stoppt, wie Custom-ROMs („Schneller, schöner, besser“) installiert werden, geheime Tricks, versteckte Apps und schnelle Hacks - alles dies bis hin zu den überflüssigsten Apps walzen die bei aller Vielfalt monomanen Magazine aus. Und sprechen damit nicht zuletzt die an, die sich ihr Smartphone als ein so ganz und gar zur Verfügung stehendes Werkzeug wünschen, wie es der Personalcomputer vor langer Zeit einmal war.

          Das hatten wir doch alles schon einmal

          Sternenzeit: Anfang der 1980er Jahre. Die unendlichen Weiten des Konsum-Universums werden allmählich von Computern in privater Hand besiedelt. Heroische Zeiten. Das Internet als Informationsmedium für alle existiert noch nicht; seine Vorläufer lassen nicht erahnen, was heute selbstverständlich ist. Kommunikationstechnisch zur Speerspitze des Fortschritts zählt, wer an seinem Bildschirm-Arbeitsplatz Botschaften versenden und empfangen kann. Daheim läuft womöglich auf einem über Post-Telefon und Akustikkoppler erreichbaren Rechner mit einem MOS 6510 als Prozessor (Taktfrequenz: 0,9 Megahertz, Arbeitsspeicher: 64 Kilobyte, davon knapp 39 Kilobyte frei) ein in Basic selbstgestricktes BBS, ein Bulletin Board System. Diese nach Art eines Schwarzen Bretts verbreiteten Botschaften werden, wenn alles klappte, mit 300 Baud übertragen: Wer kein Legastheniker ist, kann die Übertragung in Echtzeit wie eine Laufschrift mitlesen. Wenn einer in der Festnetz-Leitung ist, tutet das BBS für alle anderen besetzt.

          Das Wort „handy“ bedeutet noch „handlich“, und der Bundeskanzler hat ein Funktelefon in der Größe von Lufthansa-Handgepäck. In dieser Umgebung gedeihen Zeitschriften wie 64’er oder „Happy Computer“, zu denen sich praktisch mit jedem Erscheinen eines neuen Homecomputers weitere hinzugesellen, die sich dann nach dem Atari ST oder dem Commodore Amiga oder einem Prozessor wie dem Motorola 68.000 benennen.

          Die Zeitschriften erfüllen wichtige Funktionen: Marktöffnend werben sie, für die Sache an sich wie für die Hardware und alles mögliche Zubehör. Die Redaktionen haben immer das Allerneueste und begeistern sich dafür, was offiziell Testen genannt wird. Sie verbreiten Ideen, was man überhaupt mit einem eigenen Computer daheim anfangen könnte. Sehr beliebt: Schallplattensammlungen verwalten. Die Zeitschriften zeigen, wie so etwas geht, und sie liefern Programme: „Listings“ zum Abtippen oder Bestellen, später auf Datenträgern. Sie trösten, wenn - wie so oft im Homecomputerdschungel - etwas nicht zusammengeht, und sind schlicht unverzichtbar: für den, der schon einen Computer hat, wie für den, der noch für seinen spart.

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