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Adrian Holovaty im Interview : „Journalisten sollten programmieren können“

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Er reiste aus Chicago an und hatte den deutschen Journalisten viel zu erzählen: Adrian Holovaty Bild: Faktor3

Adrian Holovaty ist Programmierer und Journalist. Seine Projekte wie „chicagocrime“ oder „everyblock“ sind preisgekrönt und begehrt. Für ihn sind Zeitungsartikel meist nur ein unstrukturierter Datenwust, moderner Journalismus sieht für ihn ganz anders aus. Marco Dettweiler wollte wissen wie.

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          Adrian Holovaty ist Programmierer und Journalist. Er arbeitet in Chicago und hat Webseiten wie lawrence.com, ljworld.com und washingtonpost.com mit entwickelt. Seine Arbeit bezeichnet er als „journalism via computer programming“. Im Interview sagt er, dass er sich schon immer für Computer interessiert habe. Sein Vater ist Programmierer. „Ich habe schon als Junge mit dem Computer gespielt. Im College war ich Online-Redakteur der Studentenzeitung. Ich habe früh erkannt, dass auf einer Homepage journalistisch triviale Arbeiten automatisiert werden können. Deswegen war mir klar, dass ich Programmieren und Journalismus miteinander verbinden muss.“ Was auch geklappt hat: Mit chicagocrime.org gewann er 2005 den Knight-Batten-Award für „Innovations in Journalism“. Sein aktuelles Projekt everyblock.com wurde von MSNBC aufgekauft. Auf dem Scoopcamp in Hamburg hat er gezeigt, wie die Zukunft des Journalismus aussehen könnte.

          Herr Holovaty, sie sind ausgebildeter Journalist und können zudem programmieren. Das hat sie dazu gebracht, journalistische Arbeit neu zu interpretieren. Was hat der Leser davon?

          Journalistische Artikel sind unübersichtliche Blobs. [Das Wort lässt sich direkt nicht übersetzen. In diesem Kontext wären sinnvolle Übersetzungen: unstrukturierte Zeichenmenge oder „Datenwust“. Mögliche Anspielungen: BLOB ist die Abkürzung für „Binary Large Objects“, also große binäre Objekte, die Datenbanken nicht strukturieren können. Zudem ist „The Blob“ der Titel eines Films.] Sie werden von Menschen verstanden, weil sie für diesen Zweck verfasst wurden. Aber sie können nicht von Computerprogrammen verstanden werden. Diese können mit Artikeln in traditionellen Formaten wenig anfangen. Wenn aber diese Informationen in strukturierter Form in einem Excel-Sheet, einer Datenbank oder als Computercode hinterlegt sind, kann ein Computer damit viele interessante Sachen machen: Der Rechner kann sie auswerten, der Leser kann sie gezielt durchsuchen.

          „Ich habe nicht mehr viel Leidenschaft, längere Artikel zu lesen”

          Produziert der Journalist von morgen also nur noch Tabellen und schreibt Einträge in Tabellen?

          Nein, Informationen als Tabelle sind nicht genug. Es ist eine Ergänzung für einen Blob. Aber ein Blob allein ist auch nicht genug. Man sollte beides zusammen als Paket verstehen. Ein Foto allein reicht für eine Nachricht nicht aus, ebenso wenig eine alleinstehende Infografik. Information eine geordnete Struktur zu geben ist eben ein weiteres Werkzeug, das man zusätzlich benutzen kann. Im Journalismus sollte Programmieren eine Teildisziplin sein wie Fotografieren, Schreiben, Redigieren, Layouten oder Video produzieren. Webentwickler und -programmierer können neue Präsentationsformen von Informationen wie etwa interaktive Datenbanken schaffen. Das wäre eine alternative Darstellungsform zu puren Artikeln, Videos oder Fotos.

          Das klingt sehr abstrakt. Haben sie ein Beispiel?

          Auf everyblock.com sammeln wir Informationen aus der ganzen Welt. Nehmen wir als Beispiel Kriminalstatistiken: Wir gehen zur Polizei und fragen sie nach den neuesten Informationen über Verbrechen jeglicher Art. Ein normaler Polizeireporter geht ebenfalls zur Polizei und fragt täglich nach diesen Informationen. Dann schreibt er etwas, geht wieder zur Polizei und verfasst wieder einen Artikel.

          Und wo liegt der Mehrwert?

          Everyblock.com fragt die Polizei, ob sie uns die Informationen automatisch jeden Tag schickt. Also müssen wir nicht jeden Tag wiederkommen. Wenn Behörden die entsprechende Technik haben, können sie Feeds versenden. Auf everyblock.com wird daher jede Stunde die Kriminalstatistik aktualisiert. Insofern kommt das Gleiche dabei raus, als würde ein Mensch immer dahin gehen und berichten. Das funktioniert aber nicht für jede Art von Information.

          Braucht man dann überhaupt noch klassische Journalisten, wenn Programme ihre Arbeit übernehmen?

          Menschen sind natürlich daran beteiligt. Aber sie greifen dabei sehr effizient ein. Und es macht Reporter nicht arbeitslos. Nur dann haben sie Zeit, sich auf das zu konzentrieren, was sie wirklich interessiert. Wie zum Beispiel Menschen interviewen, recherchieren oder Dinge einordnen. Dabei kann kein Computer helfen. Wenn es mehr Automatismen gäbe, könnten noch viel mehr interessante Artikel über eine Stadt geschrieben werden.

          Sind bei dieser neuen Art des Journalismus' überhaupt noch Kompetenzen gefragt wie eine gute Schreibe?

          Schreiben ist eine Kunst. Wie man mit den Sätzen umgeht, sie so zu formen, dass sie der andere bestmöglichst versteht. Schreiben gehört in die Kategorie des Blobs. Das ist nichts Schlimmes. Schließlich lesen Menschen die Artikel. Wenn ich heutzutage herausbekommen will, was die Meinung des amerikanischen Präsidenten zu einem bestimmten Thema ist, muss ich bei einem tradionellen Artikel diesen ganz lesen, um es zu verstehen. Wenn aber dieser Artikel so strukturiert wäre, dass ein Computer ihn interpretieren könnte, könnte die Informationen etwa zeitlich und thematisch anordnen: 1999 hatte der Präsident diese Meinung, 2009 hatte er diese.

          Geht also nur noch um die Form von Artikeln?

          Es gibt keinen Unterschied, was ein Artikel aussagt. Der Unterschied ist nur, wie Journalisten es darstellen. Die eine Darstellung ist besser für Computer, die andere für Menschen. Darüber sollten Journalisten nachdenken: Nicht nur die Informationen in Artikel für Menschen verpacken, sondern auch so abbilden, dass Computer sie lesen und auswerten können.

          Werden wir dann in Zukunft nur noch Häppchen-Journalismus erleben?

          Ich mag lange Enzyklopädie-Einträge über aktuelle Themen wie etwa Wikipedia-Einträge über den Zweiten Weltkrieg, die quadratische Gleichung oder Albert Einstein. Ich liebe es, wenn ich dorthin gehen und alles zu dem Thema lesen kann. Warum gibt es solche Einträge nicht von Verlagen für lokale Nachrichten? Zum Beispiel der Hamburger Hafen. Immer wenn etwas neues passiert, wird eine Webseite über den Hamburger Hafen ergänzt. So ist der Artikel immer genau. In der Zeitung könnte dann der Platz für kurze Meldungen sein, wo alles neue berichtet wird.

          Und das ist dann alles, was man in der Zeitung findet?

          In einer Print-Zeitung lässt sich stundenlang gut und bequem lesen. Lange Artikel online zu lesen macht schon weniger Spaß. Ich habe allerdings mein Leseverhalten generell ein bisschen geändert. Meine Aufmerksamkeitsphasen sind kürzer geworden. Alles ist so schnell im Internet. Ich habe nicht mehr viel Leidenschaft, längere Artikel zu lesen. Das ist sicherlich ein kulturelles Problem.

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