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50 Jahre Taschenrechner : Vorbote des Persönlichen Computers

Ein Meilenstein: Gut erhaltener und funktionstüchtiger HP-35 im Museum des Informatikinstituts der Universität Stuttgart Bild: Verena Müller

Ohne Operator, ohne Lochkarten: Vor 50 Jahren kam der erste wissenschaftliche Taschenrechner auf den Markt. Er ist ein Meilenstein der Elektronik und Vorbote des Persönlichen Computers.

          4 Min.

          Zu den spannendsten Mo­menten der Technikgeschichte gehören jene Episoden, in denen die Tatkraft und Entschlossenheit des Einzelnen etwas auf den Weg bringt, was alle Welt für unmöglich oder nicht erfolgversprechend hält. Als Steve Jobs 2007 das erste iPhone präsentierte, behaupteten damalige Mitbewerber, ein solches Gerät könne nicht funktionieren. Sie meinten die Darstellung von Web­sites auf einem kleinen Display und die geschmeidige Bedienung mit der Fingerspitze. Die Geschichte ist bekanntlich anders ausgegangen.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Jahre zuvor spielte eine ähnliche Erfolgsgeschichte: Im eigenen Haus wollte man das Gerät nicht haben, das Marketing stellte sich quer und sprach von einem „Spielzeug“. Fachleute an der Universität rieten ebenfalls ab, aber der umtriebige Unternehmenschef setzte sich über alle Bedenken hinweg und brachte vor 50 Jahren den ersten wissenschaftlichen Taschenrechner auf den Markt, den HP-35. Das vermeintlich chancenlose Gerät wurde ein spektakulärer Erfolg und Meilenstein. Es berechnete Logarithmus, Exponentialfunktionen und trigonometrische Funktionen. Und das alles mit den Maßen von exakt 5,8 amerikanischen Zoll in der Länge und 3,2 Zoll in der Breite, das waren die Maße der Hemdentaschen von Bill Hewlett, und daher resultiert die Bezeichnung Taschenrechner.

          Bill Hewlett, geboren 1913, gründete 1939 mit David Packard die Firma Hewlett-Packard, die zunächst zu einem der größten Hersteller von Test- und Messinstrumenten wurde. Den Taschenrechnern folgten Personalcomputer und Drucker.

          Von Schreibmaschine zu Taschenrechner in nur vier Jahren

          Der HP-35 ersetzte Rechentafeln und Rechenschieber sowie größere Computer wie etwa den wissenschaftlichen Rechner HP-9100A. Das war der erste Bolide, der 1968 als Personal Computer bezeichnet wurde, obwohl er mit einem PC im heutigen Sinne nichts gemeinsam hat. Die Bezeichnung resultierte daher, dass man an diesem Modell in der Größe einer Schreibmaschine erstmals direkt auf die Recheneinheit zugreifen konnte und nicht auf Umwegen über Lochkarten, die man zunächst dem Operator in einem Rechenzentrum übergab. Es arbeitete mit einem Magnetkernspeicher und konnte drei Zahlenreihen anzeigen, 1968 waren rund 4900 Dollar zu bezahlen.

          Vier Jahre später hatten die Ingenieure von Hewlett-Packard das Gerät von der Schreibmaschinengröße auf ein Zehntel und damit aufs Taschenrechnerformat reduziert. Und nicht nur das: Auch die Geschwindigkeit wurde verzehnfacht und gleichzeitig die Herstellungskosten auf ein Zehntel gedrückt.

          Blick ins Innere: Die Logikplatine des HP-35 mit Spulen, Kondensatoren und Schaltkreisen. Wo früher nur einige Dutzend Transistoren eine Recheneinheit bildeten, waren es jetzt Tausende in einem Bauteil.
          Blick ins Innere: Die Logikplatine des HP-35 mit Spulen, Kondensatoren und Schaltkreisen. Wo früher nur einige Dutzend Transistoren eine Recheneinheit bildeten, waren es jetzt Tausende in einem Bauteil. : Bild: Verena Müller

          Der HP-35, die Ziffer im Namen ist die Zahl der Tasten, startete in den Vereinigten Staaten für 395 Dollar und kam noch 1972 nach Deutschland, er kostete rund 2000 Mark, in etwa ein damaliges Bruttomonatsgehalt. Direkt nach der Ankündigung begann der Ansturm auf das Gerät. Allein General Electric bestellte auf einen Schlag 20.000 Exem­plare. Wider Erwarten war der HP-35 sofort ein Erfolg, und 1973 war der HP-35 der erste wissenschaftliche Taschenrechner, der im Weltall benutzt wurde, nämlich auf der amerikanischen Skylab-Weltraumstation.

          Verschlankung und Beschleunigung gelangen dank der integrierten Schaltkreise, die seit den 1960er-Jahren aufkamen. Anfangs enthielten sie nur wenige Dutzend Transistoren, später einige hundert, und zu Beginn der 1970er-Jahre gab es dann bereits mehrere tausend Transistoren auf einem Chip. Vor allem die Rüstungsindustrie hatte diese Entwicklungen vorangetrieben. Der HP-35 hatte fünf solcher Chips, darunter drei ROM-Bausteine mit je 256 10-Bit-Worten. Sein eingebauter Akku hielt rund drei Stunden durch.

          Zu Ehren des Mathematikers Jan Łukasiewicz

          Wer heute diesen Taschenrechner vor sich liegen hat, sieht die einzeilige rote LED-Leiste mit 15 Stellen, die farbig abgesetzten Tasten mit breiten Zwischenräumen und wird sich wundern, wo sich denn die Taste mit dem Gleichheitszeichen für den Abschluss einer Rechenoperation befindet. Sie fehlt, weil der HP-35 mit der „umgekehrten polnischen Notation“ bedient wurde. Das System zu Ehren des polnischen Mathematikers Jan Łukasiewicz basiert auf der Idee, dass man mit der Enter-Taste die nacheinander einzugebenden Rechen-Operanden trennt. Der Rechenvorgang wird dann durch die Betätigung der gewünschten Rechen-Operationstaste ausgelöst. Die umgekehrte polnische Notation war fortan ein Markenzeichen der HP-Taschenrechner – und für viele Nutzer eine Qual.

          Wurde der HP-35 bis 1975 produziert, kam schon 1973 ein erweitertes Modell mit mehrfach belegten Tasten hinzu, der HP-45. Ein junger Ingenieur namens Steve Wozniak entwickelte ihn mit. Der HP-65 war 1974 der erste programmierbare Taschenrechner der Welt und hatte einen integrierten Magnetkartenleser, der auf einem Magnetstreifen in der Größe eines Kaugummistreifens bis zu 100 Programmschritte speicherte. Die Software beherrschte bedingte Verzweigungen und Programmschleifen, und man konnte die Tasten A bis E umprogrammieren.

          Wissenschaftliche Taschenrechner leben weiter

          Auch dieses Modell blieb bei 35 Tasten, die nun allerdings jeweils bis zu vier Funktionen hatten. Das Speichermedium wurde seitlich ins Gerät eingeschoben und dann motorisch durchgezogen. Er kostete zu Beginn 795 Dollar und war 1975 im Weltraum beim Apollo-Sojus-Projekt mit an Bord, um Kurskorrekturen zu berechnen, während das Raumschiff nicht mit Bodenstationen in Verbindung stand.

          Der Autor hat sich nie mit der umgekehrten polnischen Notation anfreunden können und wechselte 1977 zum TI-59 des Herstellers Texas Instruments. Dieser programmierbare Taschenrechner hatte ebenfalls einen Magnetkartenleser eingebaut und war deutlich schneller. Es war der leistungsstärkste Taschenrechner mit der roten LED-Siebensegmentanzeige, und seine Besonderheit war ein Fach auf der Rückseite, in das man fest einprogrammierte Anwendungsprogramme („Solid State Software“) einsetzen konnte. So entwickelten Drittanbieter Software für diese Module, mit denen der TI-59 Spezialausgaben löste. Unter anderem gab es etwa ein Softwaremodul für Allianz-Versicherungsvertreter.

          Wissenschaftliche Taschenrechner sind keineswegs durch Computer und Tablet verdrängt worden. Sowohl in der Schule wie auch an der Universität spielen sie eine noch immer wichtige Rolle, haben aber eine bessere Ausstattung und ein leistungsfähiges Farbdisplay mit hoher Auflösung. Sie sind zwar nicht mehr Träger des technischen Fortschritts, aber die Produktgattung bleibt bestehen.

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