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Deutsche Bahn : Geheimcode im Kupferkabel

  • -Aktualisiert am

Hände weg! Bild: Rainer Bartel

Die Deutsche Bahn will Dieben das Handwerk legen. Mit künstlichen DNA-Markierungen im Kleber kann der Nachweis geführt werden, wem das gestohlene Gut gehört.

          Kupferkabel, die entlang Bahnschienen verlegt sind, lassen sich nur schwer gegen Diebstahl schützen. Angesichts steigender Rohstoffpreise wurden im vergangenen Jahr bei der Deutschen Bahn rund 3000 Buntmetalldiebstähle gezählt, 50 Prozent mehr als 2010. Das Problem bei der Strafverfolgung: Gestohlene Metalle lassen sich von gekauften nicht eindeutig unterscheiden. Daher setzt die Deutsche Bahn seit Ende 2011 auf die Kennzeichnung ihrer Kabel durch künstliche DNA, die gemischt mit einem Kleber aufgebracht wird. Außer mit Sprüh- oder Streichverfahren wird die Markierungsflüssigkeit inzwischen auch unter die Isolierung injiziert. Der Code wird auf den Eigentümer eingetragen, sodass dieser und oft auch der Ort, an dem das Kabel verbaut wurde, eindeutig ermittelt werden kann, sobald das gestohlene Metall auftaucht.

          Die Deutsche Bahn arbeitet zurzeit mit zwei Anbietern für künstliche DNA zusammen. In Berlin, Brandenburg und Sachsen schützt sie ihr Eigentum mit LinkDNA von ACTC Anti Crime Technology GmbH (www.actc.eu), das die Codierung auf Basis synthetischer DNA vornimmt. Hingegen kommt in Nordrhein-Westfalen SelectaDNA-Trace von SDNA (www.selectadna.de) zum Einsatz. Hierbei handelt es sich um eine Lizenz des australischen Produkts DatatraceDNA, das nicht - wie der Name vermuten lässt - mit Basen der Desoxyribonukleinsäure, sondern mit Mineralien codiert.

          DNA steht für Digital Nanoparticle Authentication

          Dass trotzdem in der Produktbezeichnung „DNA“ genannt wird, hier allerdings als Abkürzung für „Digital Nanoparticle Authentication“, begründet Donald van der Laan, Geschäftsführer der SDNA Forensische Markierungstechnologie GmbH, mit der abschreckenden Wirkung des Begriffs, die er zur Kriminalitätsprävention nutzen möchte.

          Verwirrend ist allerdings, dass SDNA neben dieser mineralischen Markierung schon länger unter dem Namen SelectaDNA ein Produkt mit synthetischer DNA-Codierung anbietet, das auch der Privatmann für den Schutz seiner Wertgegenstände kaufen kann. Ein Codierungsset für solche Kunden hat auch das britische Unternehmen SmartWater (http://smartwater.co.uk) im Portfolio. SmartWater versetzt Markierungsflüssigkeiten schon seit 1995 mit einer Mischung aus Metallen der seltenen Erden, deren Zusammenstellung dann einen eindeutigen künstlichen Fingerabdruck ergibt. Allerdings hat SmartWater bislang noch keinen deutschen Vertrieb.

          Die Produkte LinkDNA und SelectaDNA setzen auf Oligomere, die synthetisch aus den Nukleinbasen Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin erstellt werden. Diese Basen bestimmen in der Desoxyribonukleinsäure unter anderem den genetischen Code von Lebewesen. Allerdings erreichen die vergleichsweise kurzen Oligos der künstlichen DNA-Codierungen mit mindestens 50 (um von natürlich vorkommenden Sequenzen mit deren Variationen unterscheidbar zu sein) bis zu einigen hundert Basen bei weitem nicht die Komplexität der DNA-Doppelhelix im menschlichen Genom.

          Analysiert werden die Daten in der Rechtsmedizin

          Die Analyse des genetischen Fingerabdrucks erfolgt genau wie bei der Identifizierung von Personen in der Rechtsmedizin durch PCR (Polymerase Chain Reaction) und Sequenzierung. Sowohl die Herstellung der synthetischen DNA als auch ihre Analyse basieren auf gängigen molekularbiologischen Methoden. Das hat den Vorteil, dass das Ergebnis gerichtsverwertbar ist. Die Polymerase-Kettenreaktion und das anschließende Sequenzieren können nicht nur vom Hersteller, sondern auch von unabhängigen Laboratorien übernommen werden.

          Verlegen, sprühen, streichen: Spritzen funktioniert inzwischen auch

          In dieser rechtsmedizinischen Universalität liegt der große Vorteil der Kennzeichnung mit synthetischer DNA. Ein Nachteil besteht allerdings darin, dass DNA-Codierungen, je nach Verarbeitung und Stabilisierung des Materials, zwischen 80 und 130 Grad denaturiert werden und nicht mehr decodiert werden können. Weitere Faktoren, welche die Haltbarkeit der organischen Markierung beeinflussen können, sind Tageslicht, Salz, Alkohol, Laugen und Säuren. Hier erweisen sich Kennzeichnungen aus anorganischer Materie robuster. So sollen SmartWaters Codierungen auf Basis von Metalloxiden hitzebeständig bis 600 Grad sein und die Mischung der Mineralien von SelectaDNA-Trace sogar bis 800 Grad Celsius standhalten.

          Die Widerstandskraft ist entscheidend

          Noch hitzebeständiger sind allerdings Nickelblättchen, welche die Hersteller ihren professionellen Identifikationsemulsionen beimischen und in die Hinweise auf den Eigentümer eingeätzt sind. Dank der kleinen Erkennungsmarken, die sich an Ort und Stelle mit einem Mikroskop entziffern lassen, muss man nicht erst auf den Laborbefund warten. Nicht alle Produkte bieten allerdings eine so hohe Widerstandskraft: Die Microdots in SelectaDNA sind nur aus Polyester.

          Allen Produkten gemeinsam ist, dass sich das Vorhandensein einer Markierung mit UV-Licht kontrollieren lässt. Das ermöglicht ohne große Untersuchung einen Anfangsverdacht, ob es sich bei angebotener Ware um Diebesgut handelt. Eine Schwarzlichtleuchte mit der vom Hersteller definierten Wellenlänge - beispielsweise 365 Nanometer - lässt die aufgetragene Emulsion erstrahlen und macht es Altmetallhändlern möglich, angebotenes Buntmetall zu überprüfen.

          Was die Bahn kann, kann der Privatmann auch

          Um Gegenstände zu kennzeichnen, trägt der Eigentümer die Flüssigkeit mit dem metallischen oder organischen Identifikationscode auf die Objekte auf, mit denen sie nach dem Trocknen beinahe unlösbar verklebt. Entfernen lässt sich die Codierung nur gewaltsam, wobei auch die Spuren, die zurückbleiben, für die chemische Analyse genügen. Gerade wenn die Flüssigkeit großflächig aufgetragen wird, etwa auf langen Kabelstrecken oder auf Metalldächern, lässt sie sich nicht rückstandslos entfernen. Das gilt auch beim Schutz empfindlicher Gegenstände, bei denen eine gewaltsame Entfernung den Wert zerstören würde, beispielsweise Kunstwerke, Musikinstrumente oder technische Geräte.

          Wichtig ist, dass sich Gegenstände, die aufgefunden werden, eindeutig zuordnen lassen. Diese Identifikation erfolgt bei SelectaDNA und SmartWater über Datenbanken, die die Unternehmen kostenpflichtig für ihre Kunden unterhalten und in die der Code der Markierung und der Name des Eigentümers eingetragen sind. ACTC verzichtet auf solch eine zentrale Datenbank und händigt stattdessen seinen Kunden eine Identifikationskarte aus. Im Fall eines Diebstahls kann mittels dieser ID-Card bei der Polizei die Codierung zur Fahndung aufgenommen werden. Ob über eine Datenbank oder bei Erstattung einer Anzeige: Der Markierungscode verstärkt die Chance, Diebesgut nicht nur mit seinem Eigentümer, sondern auch mit einem Tatort und einem Delikt eindeutig in Verbindung zu bringen.

          Die zu markierende Stelle muss gut gewählt sein

          Wer sein Eigentum markiert, sollte es an Stellen tun, an denen eine mechanische Entfernung kaum möglich ist, also in Fugen oder Winkeln, oder wo sie durch die Zerstörung des Objekts größtmögliche Schäden hervorruft. Allerdings sollte bei Werken mit sichtbarem Wert, beispielsweise Schmuck, Kunst oder Büchern die Markierung keinesfalls auf der sichtbaren Oberfläche erfolgen, da der zunächst weiße Klebstoff Acryl-Urethan zwar transparent, nicht aber unsichtbar aushärtet (siehe auch Kasten).

          Was die Zusammenarbeit mit deutschen Behörden betrifft, so sind für SDNA neben dem Schutz des Buntmetalls der Deutschen Bahn besonders die Einsätze der SelectaDNA Home Kits von Bedeutung. In Kooperation mit Polizeibehörden wurden Projektgebiete geschaffen (in Bremen, Bremerhaven, Frankfurt/Oder, Schwedt/Oder Eisenhüttenstadt, Pregnitz und Cottbus), deren Bewohner Kennzeichnungssets für den Heimbedarf zu reduzierten Preisen (ab 75 Euro) erwerben können. Auch SmartWater kooperiert in Großbritannien mit den Ermittlungsbehörden.

          Stolze Erfolge

          Beide Unternehmen präsentieren stolz auf ihren Internetseiten die Erfolge, die durch Abschreckung und Aufklärung bei Diebstahldelikten erreicht wurden. ACTC hält sich hingegen in seiner Selbstdarstellung zurück und verweist auf absolute Diskretion und Verschwiegenheit. Ein Kriterium, das sicherlich viele industrielle und institutionelle Kunden zu schätzen wissen. Doch trotz aller Zurückhaltung ist die Außenwirkung der Kennzeichnungsprodukte im öffentlichen Erscheinungsbild bei allen dreien durchaus entscheidend für ihren Erfolg.

          Ein wesentlicher Aspekt des Schutzes liegt darin, dass der potentielle Täter um die forensische Markierung weiß, die das Diebesgut für ihn wertlos macht und ihn bei der Strafverfolgung gefährdet. Daher gehören Warnschilder an markierten Objekten zum öffentlichen Auftritt von ACTC ebenso wie bei SelectaDNA und SmartWater. Die Kombination dieser beiden Kennzeichnungen - der unsichtbaren am Objekt und sichtbaren vor dem Objekt - ist für den Schutz ebenso wichtig wie die abschreckende Wirkung der engen Zusammenarbeit mit der Polizei. Noch eindrucksvoller aber dürfte für viele sein, dass SmartWater es sogar bis in die Fernsehserie CSI NY geschafft hat.

          Diebstahlschutz zum Anstreichen

          Wer seine Privatsachen vor fremdem Zugriff schützen möchte, kann sich der Home Kits von Selecta DNA bedienen (www.selectadna.de/sdna-kits.html). Der Einstiegspreis für das Home Kit SDNA50 liegt bei 89,50 Euro oder - für Einwohner der ausgewiesenen Projektgebiete - bei 75 Euro. Der Markierungslack auf Wasserbasis enthält Mikropunkte mit dem alphanumerischen Identifikationscode, die DNA-Sequenz zur eindeutigen Identifizierung und einen UV-Indikator. Der Inhalt von 20 Milliliter ist ausgelegt auf die Kennzeichnung von 50 Gegenständen. Im Lieferumfang enthalten sind zwei Schwammtupfer zum Auftragen der Emulsion, eine Schwarzlichtleuchte, eine Karte zur schriftlichen Registrierung des DNA-Codes und 22 verschiedene Aufkleber für Türen, Fenster, Fahrzeuge und Geräte.

          Das Registrieren der aufgetragenen DNA-Sequenz im Internet unter www.s-dna.eu/de ist nötig. Diese Kombination von DNA-Code und Personendaten in der Datenbank sorgt dafür, dass die Objekte bei Diebstahl oder Verlust dem Eigentümer wieder zugeordnet werden können. Der Eintrag in der Datenbank ist kostenpflichtig.

          Die Registrierung für die ersten drei Jahre ist in den Sets für den privaten Diebstahlschutz bei SDNA im Kaufpreis enthalten. Anschließend kostet eine Verlängerung jedes Jahr 7,50 Euro.

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