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Microsoft-Vorstandschef : Letzter Vorhang für Ballmer

Steve Ballmer

Steve Ballmer Bild: dapd

Zum vorerst letzten Mal hat Steve Ballmer auf der Elektronikmesse CES die Eröffnungsrede gehalten. Die Ansprache des Microsoftchefs war so wenig sensationell wie seine Bilanz, zumindest eine interessante Ankündigung hatte Ballmer aber mitgebracht.

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          Bill Gates hat es noch verstanden, die Massen in den Bann zu ziehen. Viele Jahre lang hielt der Mitgründer des Softwarekonzerns Microsoft die Eröffnungsansprache auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas, und auch wenn er nicht unbedingt ein mitreißender Redner gewesen ist, so war er doch ein Publikumsmagnet. Schon Stunden vorher standen die Menschen Schlange. Gates zeichnete in den Reden seine Visionen für die Computer- und Elektronikwelt auf, oft blickte er dabei weit nach vorn. Es waren auch einige Fehleinschätzungen dabei, was seinen Auftritten aber den Reiz nicht nahm. Bisweilen enthüllte Gates in Las Vegas auch spektakuläre Neuheiten, etwa 2001 die Videospielekonsole Xbox, einen der größten Erfolge von Microsoft in der Konsumelektronik.

          Mangel an kühnen Visionen

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          2008 gab Gates seine Abschiedsvorstellung in Las Vegas, er zog sich bald danach aus dem Tagesgeschäft von Microsoft zurück und konzentriert sich seitdem auf die Arbeit in seiner wohltätigen Stiftung. Den Redeplatz auf der CES übergab er an Steve Ballmer, den Vorstandsvorsitzenden von Microsoft. Seither ist die CES-Eröffnungsrede nicht mehr das Spektakel, das sie einmal war. Es kommt noch immer ein großes Publikum, aber oft waren die Zuhörer nach den Auftritten von Ballmer enttäuscht, weil die Knalleffekte fehlten. Ballmer verzichtete in seinen Reden auf kühne Visionen und blieb mit seinen Ausführungen näher am gegenwärtigen operativen Geschäft von Microsoft. Auch Neuigkeiten aus der Produktpalette hatte er nicht allzu oft zu verkünden.

          Am Montagabend fiel auch für Ballmer der letzte Vorhang in Las Vegas, er machte Schluss mit seinen Auftritten auf der CES. Microsoft hatte bereits kurz vor Weihnachten angekündigt, sich 2013 von der Messe zurückzuziehen. Der prominente Redeplatz wird aufgegeben, auch als Aussteller will sich Microsoft nicht mehr auf der CES präsentieren. Microsoft selbst führte als Begründung den Zeitpunkt der Messe im Januar an und die Schwierigkeiten, Produktneuigkeiten darauf abzustimmen. Der Messeveranstalter Consumer Electronics Association ließ verlauten, es sei eine einvernehmliche Entscheidung im Interesse beider Seiten gewesen.

          In seiner letzten Rede kündigte Ballmer an, mit einem neuen Windows nicht nur den flauen PC-Markt munter zu machen, sondern auch auf den zurzeit besonders angesagten Tablet-Computern Akzente zu setzen. „Mit Windows 8 haben wir Windows neu erdacht“, sagte er. Das neue System werde die
          Leistungskraft des PCs auf Tablet-Computer bringen. Eine zweite Testversion von Windows 8 kündigte Ballmer für Ende Februar an. Diese wird dann den fortgeschrittenen Status einer
          Beta-Version haben, nachdem seit September 2011 schon eine „Developer Preview“ von Windows 8 getestet werden kann. Die Fertigstellung von Windows 8 wird für Herbst erwartet; offiziell gibt es dazu noch keine Angaben.

          In der Not eine Allianz mit Nokia

          Der Rückzug von Microsoft von der CES aber spiegelt ein Stück weit einen Trend in der Branche wider: Gerade größere Unternehmen aus der Elektronikbranche scheinen Branchenmessen zunehmend für entbehrlich zu halten, jedenfalls als Plattform zur Vorstellung von neuen Produkten. Unternehmen wie Apple oder Amazon zeigen ihre Neuheiten auf eigenen Veranstaltungen. Bei Microsoft wirft der Abschied von der CES aber auch ein Licht auf die sehr gemischte Bilanz des Unternehmens und seines Vorstandsvorsitzenden Steve Ballmer in der Konsumelektronik.

          Jenseits der erfolgreichen Xbox und des mit ihr verbundenen Bewegungssensors Kinect war Ballmer in Endverbrauchermärkten weitgehend glücklos. Vor allem im Wachstumsgeschäft der Branche mit mobilen Geräten wie internetfähigen Handys (Smartphones) und Tabletcomputern ist Microsoft bislang schwach aufgestellt. In seiner Not ging Ballmer im vergangenen Jahr eine Allianz mit dem finnischen Handyhersteller Nokia ein, dessen Smartphones mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Phone ausgestattet werden. Ob diese Partnerschaft Früchte trägt, muss sich noch zeigen.

          Gewaltiger Druck

          Jedenfalls steht der 55 Jahre alte Ballmer unter gewaltigem Druck, in diesen Segmenten aufzuholen, denn der Vormarsch der mobilen Geräte bringt das angestammte Revier von Microsoft mit Personalcomputern unter Druck. Das Geschäft mit dem Betriebssystem Windows für Personalcomputer - eine der wichtigsten Umsatz- und Gewinnsäulen des Konzerns - zeigt Schwächen. Ballmer wird oft vorgehalten, dass unter seiner Führung Microsoft in wichtigen Zukunftsmärkten regelmäßig einige Schritte hinterherhinkt.

          Das spiegelt sich im Aktienkurs des Unternehmens wieder, der seit Jahren auf der Stelle tritt. Schon oft sind daher an den Finanzmärkten Rufe nach seiner Ablösung laut geworden. Im vergangenen Jahr etwa forderte der prominente amerikanische Hedge-Fonds Manager David Einhorn, der Anteile an Microsoft hält, der Konzern solle jemand anderem „eine Chance geben". Einhorns Urteil über den Microsoft-Vorstandsvorsitzenden war vernichtend: „Ballmers Problem ist, dass er in der Vergangenheit feststeckt."

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