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Daimler-Chef Zetsche im Gespräch : „Das Auto darf keine Spielhölle werden“

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Nicht nur in Detroit, sondern auch in Las Vegas bei der CES geht es derzeit um das Auto der Zukunft Bild: dpa

Auf der Elektronikmesse CES werden Automobilhersteller immer präsenter. Im F.A.Z.-Interview spricht der Vorstandschef von Daimler, Dieter Zetsche, über Google, Apple und Internet im Mercedes.

          3 Min.

          Auto- und Elektronikindustrie gehen enger zusammen. Das stellt die großen Fahrzeughersteller vor neue Herausforderungen, brauchen doch ihre nächsten Schritte auf diesem Weg neue Ideen und neue Strukturen in den Unternehmen. Das wird jungen Mitarbeitern völlig neue Chancen eröffnen.

          Herr Zetsche, auf der Elektronikmesse CES nehmen Autohersteller immer mehr Raum ein, Sie haben eine der Hauptreden gehalten. Ist Informationstechnologie bei Daimler Chefsache geworden?

          Es wird in der Zukunft wesentlich über unseren Erfolg entscheiden, wie gut wir uns in diesem Bereich aufstellen. Deshalb haben wir bei Daimler vor einem halben Jahr einen dritten großen Strategieschwerpunkt mit dem Namen „Digital Life“ geschaffen. Der steht jetzt gleichberechtigt neben den anderen zwei Säulen, emissionsfreies Fahren und aufstrebenden Märkten. Mit „Digital Life“ meinen wir den Einsatz von Informationstechnologie im Auto, aber auch in unserem Entwicklungsprozess oder beim Kundenservice. Wenn sich unser enger Führungskreis von 30 Managern zu den regelmäßigen Strategiesitzungen trifft, ist auch das jetzt auch auf dem Programm. Ich meine aber trotzdem, dies darf im Kern kein Thema für den Vorstandschef sein.

          Wieso?

          Weil klar ist, dass weder ich noch die anderen Top-Manager dafür die nötige Kompetenz mitbringen. Mein Sohn versteht mehr davon als ich. Hier müssen jüngere Mitarbeiter eingreifen und eine Führungsrolle spielen. Die Ideen müssen hier von unten nach oben kommen und nicht umgekehrt.

          Die Daimler AG legt einen Schwerpunkt auf „Digital Life“: Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche

          Und wie stellen Sie sicher, dass dann auch Ideen oben ankommen? Das klingt nach einer organisatorischen Herausforderung...

          Wir haben hundert Mitarbeiter ausgewählt, die Interesse gezeigt haben, sich mit digitalen Themen zu beschäftigen. Die machen das in verschiedenen Gruppen neben ihrer normalen Arbeit. Natürlich müssen irgendwann in diesem Prozess auch traditionelle Entscheidungsgremien ins Spiel kommen.

          Man verbindet Daimler genauso wie andere deutsche Hersteller eher mit Ingenieurskunst, nicht so sehr mit Informationstechnologie. Je wichtiger Elektronik wird, umso mehr müssen Sie aus Ihrem vertrauten Revier heraus...

          Das mag sein. Man kann das entweder mit Sorge sehen oder beherzt einsteigen. Sicher gibt es in einem großen Konzern wie unserem auch Bewahrer und Bedenkenträger. Aber wir wollen eine Balance finden, um diese jungen Pflänzchen zu schützen, damit sie ein Stück wachsen können.

          Müssen Sie sich damit nicht auch verstärkt Kompetenz von außen holen und neue Partner in der Technologiebranche finden?

          Das tun wir auch. Wir haben gerade mit Google eine neue strategische Partnerschaft vereinbart und werden künftig unter anderem deren Landkartendienste in unsere Autos integrieren. Von Apple bekommen wir zum Beispiel vorab Einblicke in die Architektur des iPhone, um unsere Autos abstimmen zu können.

          Wie kooperationsbereit sind diese Unternehmen denn?

          Ich habe da eine interessante Entwicklung festgestellt. Wir haben ja schon seit zwanzig Jahren einen Forschungsstandort im Silicon Valley, und viele der aufstrebenden Technologieunternehmen haben lange den Eindruck erweckt, diese altbackene Autoindustrie sei ihnen egal. Aber gerade wenn sie reifer werden und nicht mehr so explosiv wachsen, sind sie offener für Partnerschaften.

          Mit Google gibt es eine strategische Partnerschaft, auch Google Apple gewährt Einblicke

          Google dringt ja selbst in Ihr Revier ein und experimentiert mit selbstfahrenden Autos. Könnten Unternehmen wie Google oder Apple einmal zu direkten Wettbewerbern werden?

          Ausschließen würde ich das nicht. Es wäre für sie nicht leicht, denn natürlich ist ein Auto sehr komplex von der Fahrzeug- und Produktionstechnik her. Andererseits gibt es auch viele Zulieferer, die einen großen Teil der Wertschöpfung übernehmen können. Es wäre grundsätzlich dumm und gefährlich von uns, zu sagen, wir sind hier für die Ewigkeit und keiner kann, was wir können.

          Was steht für die Kunden heute bei der Fahrzeugelektronik im Vordergrund: Unterhaltung oder Sicherheits- und Navigationsdienste?

          Heute liegt wohl das Thema Sicherheit noch vorne, gerade auch in Deutschland, aber ich könnte mir vorstellen, dass Unterhaltung künftig das größere Gewicht hat.

          Manche Kritiker meinen, die Vernetzung nehme überhand und man müsse im Auto nicht twittern können...

          Wenn ich mir meine Kinder anschaue, die wollen kontinuierlich mit ihrem sozialen Netzwerk in Verbindung stehen, ob mir das jetzt gefällt oder nicht.

          Aber es stellt sich die Frage nach der Ablenkungsgefahr für den Fahrer. Gerade den amerikanischen Verkehrsbehörden ist das ein Dorn im Auge, und sie drohen mit schärferer Regulierung...

          Das ist in der Tat ein entscheidender Punkt. Wir dürfen das Auto nicht zu einer Spielhölle machen. Es ist unsere Aufgabe, Vernetzung zu ermöglichen, ohne nennenswerte Ablenkung zu erzeugen. Dazu ist es wohl am Ende nötig, dass der Gesetzgeber Regeln setzt. Sonst kommen wir in eine Situation, in der ein Kunde zu uns kommt und sagt: „Mit dem Auto von Wettbewerber A kann ich auf der Autobahn googeln, warum nicht mit Eurem?“

          In spätestens einem Jahr wird jeder neue Mercedes-Benz Internetzugang haben

          Sie setzen sich also für eine schärfere Regulierung bei der Fahrzeugelektronik ein?

          Wir brauchen gleiche Bedingungen für alle. Das geht entweder über Selbstverpflichtung oder über gesetzliche Vorgaben. Gerade in Amerika hat die Branche Selbstverpflichtungen abgegeben, aber wir sehen, dass einzelne Hersteller sich stark in der Grauzone bewegen. Daher finde ich eine gewisse Regulierung richtig.

          Was hat Daimler in der Fahrzeugelektronik derzeit zu bieten, das sonst niemand hat?

          Unser neues Telematiksystem mBrace2 ist ein Paket von Diensten, die in der Komplettheit kein anderer hat, von sozialer Netzwerknutzung über Navigation bis zu Sicherheit inklusive Unfallvermeidung. Wir haben auch als einziger eine datengeschützte Internetverbindung.

          Und wann wird jeder neue Mercedes-Benz Internetzugang haben?

          In spätestens einem Jahr. Das kommt jetzt in einem Modell nach dem anderen.

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