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Autonomes Fahren : Mercedes ist die Nummer eins der Wüste

Noch gibt es die E-Klasse nur mit Tarnung zu sehen. Kommende Woche auf der Detroit Auto Show lässt Mercedes die Hüllen fallen. Bild: Hersteller

Es ist ein Prestigeerfolg für Daimler: Als erstes Serienauto darf die E-Klasse autonom auf amerikanischen Highways fahren. Zunächst aber nur in einem Bundesstaat.

          Vor genau einem Jahr hatte Daimler einen großen Auftritt auf der CES-Elektronikshow in Las Vegas: Der futuristische Mercedes F015, ein selbstfahrendes Auto das wie ein Ufo aussah und in dem dank drehbarer Klubsessel entspannte Wohnzimmeratmosphäre herrschte, war der Hingucker auf der Messe, über ihn sprach später die gesamte Auto- und IT-Welt.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ein Jahr später ist auf dem Messestand der Schwaben weniger los, neue, spektakuläre Showcars sieht man bei der Konkurrenz, selbst der F015 fehlt. Nicht aber eine spektakuläre Nachricht: „Die Mercedes-Benz E-Klasse ist das erste Serienfahrzeug weltweit, das die Testlizenz für autonomes Fahren im Bundesstaat Nevada erhält“, teilte der Autohersteller mit. Und ein Lob von Gouverneur Brian Sandoval gab es gleich hinterher: „In Nevada sind wir sehr stolz, mit Daimler einen der führenden internationalen Automobilhersteller gewonnen zu haben, der hier seine Forschungsarbeiten im Bereich autonomes Fahren intensiv testet und weiterentwickelt.“

          Premiere als Serienfahrzeug

          Zulassungen für selbstfahrende Autos haben auch andere Hersteller zuhauf erhalten, BMW, Honda, Tesla Motors und Volkswagen etwa, oder auch die Zulieferer Bosch und Delphi und natürlich auch der Internetriese Google. Aber für ein Serienfahrzeug ist es die Premiere, sobald die neue E-Klasse im Sommer auf dem amerikanischen Markt eingeführt wird. Daimler schneller als Google und Apple, Nevada schon weiter als Kalifornien mit seinem Silicon Valley? Das ist zumindest eine Momentaufnahme und Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber kostet sie im Gespräch mit dieser Zeitung ein wenig aus: „Ich will nicht überheblich klingen, aber in der Serie hat kein anderer diese Zukunftstechnologie so weit entwickelt wie wir.“

          Noch muss Mercedes einige Auflagen erfüllen, die für die mit einem roten Nummernschild lizensierten Limousinen gelten, zum Beispiel ist ein zweiter Fahrer vorgeschrieben. Und Nevada hat den autonomen Testbetrieb zwar auf allen Highways erlaubt, aber beim Abbiegen sowie beim Auf- und Abfahren müssen die Fahrer noch selbst steuern. Gleichwohl profitiert Daimler davon, dass die Regelungen für das autonome Fahren im Wüstenstaat freizügiger sind als im Rest der Welt. Nevada hatte bereits im Juni 2011 sein Regelwerk fertiggestellt und Mercedes hat, wie Weber sagt, schneller als andere das eigene System so ausgelegt, dass es zur Gesetzeslage passt.

          Auch Überholmanöver kein Problem

          Rein technisch kann der Drive Pilot von Mercedes schon Überholmanöver in hoher Geschwindigkeit problemlos meistern, er bremst nicht nur für Fußgänger, sondern weicht ihnen auch aus und kann im Dickicht der Großstädte auch auf den Querverkehr achten – aber vieles ist heute vom Gesetzgeber noch nicht erlaubt. Dass die Autofahrer die neue Technologie kaufen werden – bei der E-Klasse wird sie in einem sogenannten Intelligent-Drive-Paket verkauft – davon ist Weber felsenfest überzeugt: „Wir wissen, dass viele Mercedes-Kunden heute schon am teil-autonomen Fahren interessiert sind und gehen von einem hochprozentigen Anteil derer aus, die dieses Fahrerassistenzpaket bestellen werden.“ Zum Preis der Sonderausstattung möchte Weber noch nichts sagen. „Den nennen wir erst im Februar zur Verkaufsfreigabe, aber er wird attraktiv sein!“

          Die Entwicklungskosten dürften für Daimler überproportional hoch gewesen sein. In den vergangenen Jahren hatte der Konzern sein Budget etwa für die digitale Vernetzung verdoppelt und das Budget für autonomes Fahren in noch kürzerer Zeit gar verdreifacht. Jetzt ist man offener für die technologische Zusammenarbeit mit anderen Konzernen. „High Tech ist teuer und Standardisierungen helfen, Kosten zu senken. Deswegen denken wir stärker als früher über Entwicklungspartnerschaften nach, übrigens nicht nur mit anderen Autoherstellern. Die Zeit, in der wir alles allein gemacht haben, ist vorbei“, sagt Weber.

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          In einer zukünftigen Energiequelle, der per Wasserstoff gespeisten Brennstoffzelle, will Daimler ebenfalls führend sein. Nachdem die japanische Konkurrenz mit dieser extrem sauberen Antriebstechnologie enteilt ist, wollen die Schwaben jetzt wenigstens als erster deutscher Hersteller ein Serienauto mit einem Wasserstoffantrieb bauen. Schon 2017 soll der Geländewagen GLC marktreif sein, bestätigt Weber. Und die Elektrifizierung der gesamten Modellpalette soll ebenfalls Fahrt aufnehmen. „Wir geben auch bei den alternativen Antrieben massiv Gas und wollen mit unseren Elektro- und Brennstoffzellen-Fahrzeugen technologisch vorn sein.“ Das wäre dann wieder mal eine Messe-Nachricht nach dem Geschmack des Daimler-Entwicklungschefs – und vielleicht hätte er auch das entsprechende Auto mit dabei.

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