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CES in Las Vegas : „New Volkswagen macht sich auf den Weg“

Der elektrische Prototyp Volkswagen BUDD-e ist auf der Technik-Messe CES in Las Vegas zu sehen. Bild: dpa

In der Spielerstadt Las Vegas will VW-Vorstand Herbert Diess die Automarke retten. Kann die Elektrifizierung eines Kultautos und ein bisschen Science-Fiction Amerikas Autokäufer umstimmen?

          An den unzähligen Poker-Tischen in den Hotel-Casinos in Las Vegas läuft es jeden Abend genau so: Das eigene Blatt ist grottenschlecht, aber dieser eine Trumpf muss ausgespielt werden. Alles auf diese eine Karte, hat sich auch Herbert Diess gesagt, als er, der Markenchef des skandalumwitterten Volkswagen-Konzerns, seine mit Spannung erwartete Grundsatzrede zur Elektronikmesse CES hielt. Wenn das eigene Image ruiniert ist, hilft das aufrichtige Versprechen, die Dinge wieder in Ordnung bringen zu wollen.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Genau das hat Diess getan. Er hatte gar keine andere Wahl. Deswegen entschuldigte sich Diess gleich zu Beginn seiner Keynote für den Abgasskandal. Und gleichzeitig beschwor er die Neuausrichtung des Konzerns. „`New Volkswagen´ macht sich auf den Weg in die digitale Welt“, rief Diess von der Bühne des Chelsea Theaters den 2300 Gästen zu und brachte noch eine futuristische Studie mit in die Stadt der Spieler. Der Budd-e, ein selbstfahrender und einfühlsamer Van, der wie ein Kumpel mit seinen Fahrzeuginsassen sprechen kann, und dann wahlweise die Türen öffnet oder das Klima im Innenraum reguliert, soll an den legendären Bulli erinnern – digitaler Lifestyle gepaart mit wohltuender Erinnerung an die unbeschwerte Vergangenheit, lautete das sichere Kalkül von VW in Amerika.

          Der Skandal um manipulierte Dieselmotoren, das ist die alte Welt, in der sich die Menschen darüber ärgern, dass Autos mit Verbrennungsmotor die Städte verpesten. Das Fortbewegungsmittel der neuen Welt ist auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas von vielen Herstellern zu sehen, nicht bloß von VW: Es fährt vollautomatisch, vermeidet Unfälle und Staus und schont die Umwelt. Irgendwo zwischen diesen Welten steht der VW-Konzern mit seiner jüngsten Errungenschaft.

          Retro-Bullis hat VW schon häufig als Studien gezeigt, Budd-e soll aber mit etwas weniger Science-Fiction schon bald auf die Straße kommen. Diess kündigte ihn als „erste Studie einer neuen Generation von Elektrofahrzeugen“ an. Rein elektrisch schaffe der neue Bulli 533 Kilometer, aufgeladen sei er in 30 Minuten, sagte Diess und schob dann noch ein Baujahr nach: „Budd-e kann am Ende der Dekade wahr werden.“

          Ein Nullemissions-Fahrzeug als Ausweg aus dem Abgasskandal? Vom Publikum im Chelsea Theater gab es für die elektrische Neuauflage des Klassikers immerhin Applaus. Im Amerika der sechziger und siebziger Jahre erreichte der Bulli Kultstatus. Für eine ganze Generation war der geräumige Kleinbus mit seinem blubbernden Boxermotor im Heck Ausdruck ihres Lebensgefühls, eine Art Glaubensbekenntnis auf vier Rädern. Nur zu gern erinnerte Diess an diese Zeiten.

          Weiterer Verkaufsrückgang

          Aber es ging ihm nicht nur um Nostalgie, sondern auch um eine emotionale Aufladung der Marke VW in einer für sie so bleiernen Zeit. Vor allem in der amerikanischen Gegenwart droht das VW-Emblem am Kühler zum Stigma zu werden. Nach einem Verkaufsstopp für Diesel-Autos sinken in Amerika die Absatzzahlen Monat für Monat. Während im Dezember die Konkurrenten General Motors, Ford und Toyota weiter von den niedrigen Spritpreisen profitierten und mehr Autos verkauften, ging der VW-Absatz um 9 Prozent zurück; im November waren die Auslieferungen sogar um ein Viertel eingebrochen.

          Ohnehin hätte die CES in der Wüstenstadt für VW und seinen Markenchef kaum schlechter beginnen können. Am Montag hatte das amerikanische Justizministerium Volkswagen wegen der Abgasmanipulationen verklagt. „Die USA werden alle angemessenen Mittel gegen Volkswagen einsetzen, um Wiedergutmachung für die Verstöße gegen die Gesetze unserer Nation zu Luftreinhaltung zu erlangen“, erklärte Vize-Justizminister John Cruden im fernen Washington. Das Justizministerium klagt im Bundesstaat Michigan, dann geht es in Kalifornien weiter. Dort werden bereits Sammelklagen von Autobesitzern gegen Volkswagen vorbereitet.

          Auf 31 Seiten hat die amerikanische Regierung in der Klageschrift sämtliche Vorwürfe der vergangenen Monate gegen VW aufgelistet, im Kern also die Abgasmanipulationen mithilfe einer illegalen Abschaltsoftware, so dass Grenzwerte zwar auf dem Prüfstand, nicht aber auf der Straße eingehalten wurden. Es gibt mehr oder minder seriöse Schätzungen, dass das Strafmaß im schlimmsten Fall bis zu 90 Milliarden Dollar erreichen könnte – wobei solch stattliche Summen von den betroffenen Unternehmen regelmäßig runtergehandelt werden.

          Entscheidung nächste Woche

          Über solche Details redete Diess nicht. Was hätte er auch sagen können? Es gibt nichts mehr zu beschönigen, seit VW-Amerika-Chef Michael Horn im September vorigen Jahres die Tonalität vorgegeben hatte: „Wir waren unehrlich zur Umweltbehörde EPA, wir waren unehrlich zu den Behörden in Kalifornien und, am schlimmsten von allem, wir waren unehrlich zu unseren Kunden. Um es auf gut Deutsch zu sagen: Wir haben Mist gebaut“, hatte Horn seinerzeit in bemerkenswerter Demut erklärt.

          Dem konnte auch Horns aus Wolfsburg angereister Vorgesetzter nichts deutlicher hinzufügen. Kommende Woche setzt Konzernchef Matthias Müller die unfreiwillige Amerika-Tournee mit ungewissem Ausgang fort – dann auf der Automesse in Detroit.

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