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CES 2015 : Nichts ist vor Vernetzung sicher

Keine Ende der Datensammelei auf der CES absehbar: Mit diesen Uhren können besorgte Eltern ihren Nachwuchs ständig per App orten. Bild: dpa

Von Blumentöpfen bis zu Snowboards: Das „Internet der Dinge“ macht auf der Konsumgütermesse CES in Las Vegas vor kaum noch einem Alltagsgegenstand halt. Aber was bringt die ganze Datenflut?

          3 Min.

          Wäre es nicht toll, wenn ein Blumentopf verhindern könnte, dass Pflanzen kaputtgehen? Oder wenn eine Babyflasche dabei helfen könnte, dass das Kind weder zu viel noch zu wenig trinkt? Oder wenn ein Snowboard in der Lage wäre, die eigenen Fahrkünste zu analysieren? Wer sich solche Fragen stellt, wird sich auf der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas bestens bedient fühlen. Die sonst eher für Produkte wie Fernseher, Computer oder Smartphones bekannte Messe wird mehr und mehr zum Schauplatz für alle möglichen Gegenstände des Alltags, die durch Verbindung mit dem Internet „smart“ oder „intelligent“ werden sollen, ob es nun Haushaltsgeräte, Autos oder industrielle Maschinen sind. Die Branche spricht vom „Internet der Dinge“ – und hofft, dass daraus der nächste große Zukunftsmarkt wird.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Auf der CES drängt sich diesmal der Eindruck auf, dass kein noch so banales Produkt mehr vor Vernetzung sicher ist. Das französische Unternehmen Parrot etwa, das sonst vor allem für Fahrzeugelektronik und Drohnen bekannt ist, brachte den intelligenten Blumentopf nach Las Vegas. Das Gerät hat einen integrierten Wassertank und vier Sensoren, die Feuchtigkeit, Licht, Temperatur und Düngemittelstand messen. Eine zugehörige Smartphone-App verfügt über eine Datenbank mit den Licht- und Wasserbedürfnissen Tausender von Pflanzen. Der Topf kann die in ihm befindliche Pflanze automatisch bewässern, der Besitzer kann dies auch manuell per Knopfdruck auf dem Smartphone tun. Das Gerät soll im Laufe dieses Jahres auf den Markt kommen, den Preis will Parrot noch nicht verraten.

          „Smart Home“ ist das neue Schlagwort

          Viele der in Las Vegas gezeigten vernetzten Produkte drehen sich um Sport und Gesundheit, offenbar hat sich die Branche vom Erfolg von Fitness-Armbändern wie Jawbone und Fitbit inspirieren lassen. Das japanische Unternehmen Cerevo etwa stellt eine mit Sensoren ausgestattete Snowboard-Bindung vor, die es dem Nutzer durch Verknüpfung mit seinem Smartphone erlaubt, Fahrten aufzuzeichnen und zu analysieren. Ähnlich funktionieren die Aufsätze für Golf-, Tennis- und Baseballschläger, die Zepp aus den Vereinigten Staaten präsentiert. Das französische Unternehmen My Brain Technologies verspricht Stressminderung durch einen vernetzten Kopfhörer, der die Gehirnaktivität seines Nutzers aufzeichnet. Und der ebenfalls aus Frankreich stammende Anbieter Slow Control hat sich einen Babyflaschenhalter fürs korrekte Verabreichen von Milch ausgedacht. Slow Control hat auch wieder seine schon von vorangegangenen Messen bekannte vernetzte Gabel dabei, die helfen soll, sich langsameres Essen anzugewöhnen.

          Die Vernetzungswut erfasst mehr und mehr den Haushalt mit Angeboten für das sogenannte „Smart Home“. Der Internetkonzern Google ist an diesem Gebiet besonders interessiert, er kaufte im vergangenen Jahr erst Nest Labs, einen Hersteller von intelligenten Heizungsthermostaten und Rauchmeldern, und dann Dropcam, einen Anbieter von Überwachungskameras fürs Haus. In Las Vegas zeigt das französische Unternehmen Beewi eine ganze Serie von vernetzten Produkten fürs Haus, etwa Glühbirnen und Steckdosen.

          Gleich mehrere Aussteller stellen intelligente Türschlösser vor. Die „Okidokeys“ des amerikanischen Unternehmens Open Ways zum Beispiel sollen das Haus sicherer machen. Traditionelle Metallschlüssel, die für Verlust und Diebstahl anfällig seien, würden überflüssig, erklärt der für das Amerika-Geschäft zuständige Manager Todd Herion.

          Branche muss sich Sinnfrage stellen

          Umgekehrt wecken die intelligenten Türschlösser ebenso wie all die anderen neuen vernetzten Produkte aber auch neue Sicherheitssorgen. Denn was digital wird, kann auch zum Angriffsziel von Hackern werden – und das ist gerade mit Blick auf das eigene Haus oder das Auto eine alarmierende Vorstellung. Die in Las Vegas vertretenen Unternehmen beschwichtigen und sagen zum Beispiel, sie hätten Verschlüsselungstechnik auf dem Niveau des Militärs oder von Banken. Freilich werden auch Banken regelmäßig Opfer von Hacking-Attacken. Und auch mancher CES-Aussteller gibt zu, dass sich die Gefahr solcher Angriffe nicht völlig ausschalten lässt.

          Neben der Sicherheit ist auch der Datenschutz eine mögliche offene Flanke. Denn all diese vernetzten Produkte sammeln gewaltige Datenmengen aus dem Alltagsleben ihrer Besitzer ein. Nicht jedem dürfte zum Beispiel wohl dabei sein, wenn ein Unternehmen wie Google, das im Umgang mit der Privatsphäre seiner Nutzer nicht gerade den besten Ruf hat, nun das Internet der Dinge forciert und Überwachungskameras im Portfolio hat. Manche Aussteller in Las Vegas versuchen daher, mit Datenschutzmechanismen zu punkten. Das französische Unternehmen Myfox etwa zeigt eine Alarmanlage, deren Kamera sich abschalten lässt.

          Ganz unabhängig von Datenschutz und Sicherheit stellt sich auch die grundsätzliche Frage, was es Verbrauchern bringt, wenn sie in allen Lebenslagen vernetzt sind und sich entsprechend einer ganzen Flut von Daten gegenübersehen, die womöglich bisweilen nur begrenzten Nutzen haben. Shawn Dubravac, der Chefökonom des Messeveranstalters Consumer Electronics Association, gibt zu, dass sich die Branche die Frage nach dem Sinn der Vernetzung verschiedener Produktkategorien stellen muss. Aber er nennt auf der anderen Seite auch Beispiele, wie er sich die vernetzte Zukunft vorstellen kann. Etwa wenn es um die Filmempfehlungen geht, die der Online-Filmverleih Netflix seinen Kunden gibt.

          Während sich der Dienst heute vor allem nach demographischen Daten und Sehgewohnheiten seiner Nutzer richtet, könnte er künftig auch Informationen von vernetzten Geräten wie Dropcam-Kameras oder Digitaluhren auswerten. Je nachdem, wie viele Personen die Dropcam gerade im Wohnzimmer registriert und welche Daten über den gegenwärtigen Gemütszustand die Uhr liefert, könnten die Empfehlungen dann unterschiedlich ausfallen. Freilich dürfte sich nicht jeder einer Dauerbeobachtung aussetzen wollen, nur um eine bessere Filmempfehlung zu bekommen.

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