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IT-Zukunft : Das Silicon Valley fürchtet um seinen Rang

Alles auf Grün: Brennstoffzellen-Generatoren auf dem Dach der Ebay-Zentrale im Silicon Valley Bild: REUTERS

Das Silicon Valley gilt als ein Ort des immerwährenden Optimismus. Intel, Cisco, Hewlett Packard, Apple, Facebook, Twitter zeugen von sagenhaften Erfolgsgeschichten. Doch plötzlich herrscht Alarmstimmung im Mekka der Hochtechnologie: Weniger Investitionen, weniger Erfindungen, weniger Zuwanderer

          3 Min.

          Das Silicon Valley in Kalifornien ist mehr als eine Region. Ebenso wie Hollywood nicht nur ein Stadtteil von Los Angeles ist, sondern der Inbegriff der amerikanischen Filmindustrie, ist das Silicon Valley nicht nur der Landstrich zwischen San Francisco und San Jose, sondern das Symbol für die Technologiebranche in den Vereinigten Staaten. Das Silicon Valley gilt als ein Ort des immerwährenden Optimismus, an dem die kühnsten Träume wahr werden können. Schließlich sind hier sagenhafte Erfolgsgeschichten geschrieben worden: Lange etablierte Technologiekonzerne wie Intel, Hewlett-Packard oder Cisco finden sich hier neben jüngeren Giganten wie Google oder einer neuen Generation von Aufsteigern wie Facebook und Twitter.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Nun aber melden sich alarmierte Stimmen zu Wort, die um den Rang des Silicon Valley als der alles überstrahlenden Technologiehochburg fürchten. Die Organisation „Joint Venture: Silicon Valley Network“, eine Interessengemeinschaft mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik in der Region, verbreitete in einem kürzlich veröffentlichten Lagebericht ungewohnten Pessimismus. Der diesjährige „Silicon Valley Index“ zeichnet ein so düsteres Bild wie seit langem nicht und spricht von einer „neuen Ära der Unsicherheit“.

          Dabei mache dem Silicon Valley nicht nur die Wirtschaftskrise zu schaffen, meint Russell Hancock, der Vorstandsvorsitzende von Joint Venture. Vielmehr sieht er tiefer liegende Probleme: „Bei Krisen in der Vergangenheit haben wir uns immer mit dem Gedanken beruhigt, dass schon irgendjemand in einer Garage die nächste große Idee ausheckt, und es ist auch immer so gekommen. Darauf können wir uns heute nicht mehr verlassen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Seine trübe Einschätzung begründet er damit, dass zum ersten Mal alle Indikatoren, von denen nach seiner Auffassung die Robustheit des Silicon Valley abhängt, in die falsche Richtung zeigen. An erster Stelle verweist er auf die Zurückhaltung von Wagniskapitalgesellschaften bei der Investition in junge Unternehmen. Nach Angaben der National Venture Capital Association haben Wagniskapitalgeber im vergangenen Jahr knapp 7 Milliarden Dollar und damit rund 35 Prozent weniger als 2008 zur Verfügung gestellt.

          Verstärkte Sparsamkeit

          Damit war die Branche in etwa auf dem Niveau von 2002, also kurz nach dem Platzen der Technologieblase. Im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt der Technologiebegeisterung sind noch mehr als 32 Milliarden Dollar investiert worden. Die verstärkte Sparsamkeit bei den früher so investitionsfreudigen Geldgebern erschwert die Ausgangslage für Gründer im Silicon Valley erheblich: „Wagniskapital war immer so etwas wie unsere geheime Zutat“, klagt Hancock. Rund 30 Prozent des gesamten Wagniskapitals in den Vereinigten Staaten fließen nach Angaben seiner Organisation ins Silicon Valley.

          Alarmiert zeigt sich Hancock auch von Signalen, die auf einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in der Zukunft hinweisen könnten. So ist der Prozentsatz von Schulabschlüssen, die bestimmten Universitätsanforderungen genügen, zuletzt in der Region deutlich zurückgegangen. Das Silicon Valley kann sich auch nicht mehr wie früher auf ausländische Kräfte verlassen.

          Weniger Einwanderer

          Die Gegend ist traditionell ein Magnet für Einwanderer, etwa aus Ländern wie Indien: 60 Prozent aller Wissenschaftler und Ingenieure stammen aus dem Ausland (amerikaweit liegt der Anteil nur bei 21 Prozent). Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Einwanderer im Silicon Valley aber um 34 Prozent zurück. Zudem schrumpft der Anteil von Hochschulabschlüssen in wissenschaftlichen und technischen Disziplinen, der auf Ausländer entfällt, schon seit einigen Jahren kontinuierlich. Ein weiterer von Hancock angeführter Negativindikator ist die zuletzt rückläufige Zahl von angemeldeten Patenten im Silicon Valley.

          Die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Silicon Valley war nach Angaben in dem Lagebericht schon im vergangenen Jahr sehr trübe: Die Zahl der Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, fiel gegenüber dem Vorjahr um 5,8 Prozent. In ganz Amerika lag das Minus nur bei 3,8 Prozent. Die Beschäftigtenzahlen sind wieder auf das Niveau von 2005 gesunken.

          Bekannte Marken schaffen kaum Arbeitsplätze

          Die spektakulären Erfolgsgeschichten von Unternehmen aus der Region von Apple über Google bis zu Facebook verzerren nach Meinung von Hancock das Gesamtbild. „Diese ganz bekannten Adressen sind nicht die wahre Geschichte des Silicon Valley.“ Es gebe viele Unternehmen wie Apple, denen es zwar glänzend gehe, die aber kaum neue Arbeitsplätze in der Region schaffen. Sie greifen für die Herstellung ihrer Produkte auf ausländische Drittunternehmen zurück oder nehmen auf andere Weise Dienste von Partnern in Anspruch, um ihre eigene Belegschaft nicht aufstocken zu müssen.

          Hancock sieht allgemein die größte Hoffnung der Region nicht mehr so sehr wie früher in den Bereichen Informationstechnologie und Internet, wo es nach seiner Auffassung Sättigungserscheinungen gibt. Aussichtsreicher seien vielmehr grüne Technologien, die mit alternativer Energiegewinnung und anderen umweltorientierten Bereichen zu tun haben. Das Silicon Valley habe schon heute eine starke Position in der Solarindustrie oder bei alternativen Fahrzeugantrieben wie Elektroautos.

          Diese Gebiete sind aber oft kapitalintensiver als manche angestammte Silicon-Valley-Säulen wie Software und Internet, und deshalb hofft Hancock auch auf mehr staatliche Förderung aus Washington - zumal vom Bundesstaat Kalifornien, der selbst von einer schweren Finanzkrise geplagt wird und dessen Regierung notorisch schwerfällig ist, nur begrenzte Unterstützung zu erwarten ist. Auf Bundesebene hat das Silicon Valley aber keinen leichten Stand: Seit dem Jahr 1993 sind die staatlichen Fördermittel für die Region immer weiter geschrumpft. Hancock meint, auch die Regierung in Washington habe wegen der prominenten Erfolgsgeschichten aus dem Silicon Valley womöglich ein etwas verzerrtes Bild: „Die denken immer, wir brauchten keine Hilfe.“

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