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Twitter : Das nächste große Ding im Netz

  • -Aktualisiert am

Ja, auch sie, Britney Spears, twittert... Bild: ddp

Seitdem Obama Twitter im Wahlkampf eingesetzt hat, Britney Spears auf der Suche nach Verfolgern ist, gilt die Plattform als heißester Kandidat, die Innovation schlechthin im Web 2.0 zu werden. Jetzt fehlt nur noch ein Geschäftsmodell.

          Es ist ein bisschen wie 1999, auf dem Höhepunkt der Interneteuphorie. „Wir haben eine bahnbrechende Idee“, sagt Biz Stone, einer der Gründer des Internetunternehmens Twitter. An das Geschäftsmodell muss er kaum einen Gedanken verschwenden. „Das Geld wird schon kommen“, ist sich Mitgründer Evan Williams sicher. Klingt nach Blase 2.0, ist es aber nicht. Denn zumindest eine Anzahlung auf das große Geld ist schon da. Obwohl Twitter - auf Deutsch Gezwitscher - faktisch keinen Umsatz und schon gar keinen Gewinn macht, haben mehrere renommierte, inzwischen eher vorsichtig gewordene Risikokapitalgesellschaften gerade mehr als 35 Millionen Dollar in Twitter investiert. Auch sie glauben an die „bahnbrechende Idee“ hinter Twitter, die nach Ansicht vieler Fachleute das Zeug hat, das „nächste große Ding“ im Internet zu werden.

          Twitter ist eine Kommunikationsplattform für Kurznachrichten, die sehr einfach funktioniert und für die Nutzer kostenlos ist. Ein Tweet - so heißen die Kurznachrichten auf Twitter - ist quasi eine SMS an alle. Auf maximal 140 Zeichen senden die Twitterer ihre Statusmeldungen, die oft einen Link auf eine Internetseite oder - wie im Fall des Amerikaners Janis Krums - einen Hinweis auf das erste Foto des soeben notgelandeten Passagierflugzeugs auf dem Hudson River enthalten. Krums sandte die Botschaft „Da ist ein Flugzeug auf dem Hudson. Ich bin auf der Fähre; wir versuchen, die Leute aufzusammeln. Verrückt“ an seine Follower, die diese Nachricht an ihre Freundesnetzwerke weiterleiteten.

          Auf diese Weise breiteten sich Nachricht und Foto in kürzester Zeit wellenförmig aus, erreichten Hunderttausende Menschen und schwappten schließlich in die traditionellen Medien. Diese Art der Kommunikation wächst rasant. Schon 11 Prozent der amerikanischen Internetnutzer informieren ihre Freunde per „Statusmeldung“ darüber, was sie gerade tun oder für interessant halten, hat das Pew Internet & American Life Project herausgefunden.

          ... und er, Barack Obama, tut es auch...

          Twitterer verbreiten als Erste Nachrichten

          Twitter-Fans sehen in der Notlandung auf dem Hudson oder den Anschlägen in Mumbai, als Twitterer ebenfalls als Erste die Nachricht verbreiteten, schon den Beginn des wahren Bürgerjournalismus, denn Augenzeugen können ihre Beobachtungen nun per Handy überall sofort verbreiten. Nach Ansicht von Leysia Palen, Informatikerin an der University of Colorado, sind diese Augenzeugenberichte, die sich in sozialen Netzwerken verbreiten, erstaunlich oft richtig, auch wenn sie nicht das ganze Bild vermitteln können.

          „Bahnbrechend“ ist aber auch die direkte Kommunikation - unter Umgehung der klassischen Medien. Der amerikanische Präsident Barack Obama hat gezeigt, wie es geht. Per Twitter ließ er Hunderttausende an seinem Wahlkampf teilhaben. Aber nicht nur Prominente nutzen Twitter, um direkt mit ihrer Zielgruppe in Kontakt zu treten. Auf Platz zwei der Follower-Rangliste steht nach Angaben von Twittercounter.com inzwischen der britische Komiker Stephen Fry. Rund 200.000 Menschen folgen ihm auf Twitter.

          Erst sechs Millionen Menschen

          Zurzeit nutzen zwar erst gut sechs Millionen Menschen die neue Plattform. Doch die Nutzerzahl des 2006 gegründeten amerikanischen Unternehmens wächst mit einer Rate von 900 Prozent im Jahr, wie Stone im Unternehmensblog mitteilte. Nach Schätzungen des amerikanischen Marktforschungsunternehmens Hubspot kommen jeden Tag zwischen 5000 und 10.000 Twitterer hinzu. Tendenz: stark steigend.

          In Deutschland hat das Twitter-Fieber erst Ende des vergangenen Jahres eingesetzt. „In Deutschland gibt es zurzeit etwa 50.000 einigermaßen aktive Twitter-Nutzer. Bis Ende des Jahres rechne ich mit 150 000 bis 250.000 aktiven deutschsprachigen Nutzern“, sagt Twitter-Fachmann Sascha Lobo. Da auch immer mehr Medien Twitter als Nachrichtenkanal entdecken, wachse auch die Zahl der passiven Mitleser, die ohne eigene Twitter-Mitgliedschaft bei ausgewählten Twitterern mitlesen. „Auf fünf offizielle Follower kommt grob geschätzt ein solcher Schattenfollower“, sagt Lobo.

          Inzwischen wollen auch viele Unternehmen wissen, was über sie in der Twitter-Sphäre gesprochen wird, und nutzen Twitter als Seismograph, um hochkochende Themen wie die Schnüffelaktionen der Deutschen Bahn früh zu erkennen. Twitter eignet sich auch als Recherche-Instrument. Wer eine Frage hat, stellt sie bei Twitter ein. Nirgendwo sonst im Internet kommen binnen Sekunden so viele hilfreiche Antworten.

          35-Millionen-Dollar-Kapitalspritze

          Twitter muss sich dank der 35-Millionen-Dollar-Kapitalspritze auch in den nächsten Monaten keine ernsthaften Gedanken über ein Geschäftsmodell machen. Die Gründer und ihre Investoren sind von dem Modell so überzeugt, dass sie das Übernahmeangebot des sozialen Netzwerkes Facebook in Höhe von 500 Millionen Dollar gerade ausgeschlagen haben.

          Doch unter den Twitterern wird das Geschäftsmodell lebhaft diskutiert. „Fast alle Dauernutzer, deren Anteil etwa 10 Prozent aller aktiven Nutzer beträgt, sind zu einer kostenpflichtigen Premiummitgliedschaft bereit, wenn zusätzliche Dienste angeboten werden. Beispiele dafür wären statistische Auswertungen und bessere Verwaltungsmöglichkeiten des eigenen Profils“, sagt Lobo. Twitter denkt offenbar darüber nach, solche Premiumangebote für Unternehmen einzuführen, will die Twitter-Nutzung aber generell kostenlos halten. „Gefährlicher Unsinn wäre eine Zahlungspflicht von einer bestimmten Anzahl von Followern oder Abonnements an - darunter würde Twitter noch mehr leiden als unter der Einführung von Werbung. Twitter darf dem sozialen Ziel, sich mit vielen anderen Menschen zu vernetzen, keine Steine in den Weg legen“, rät Lobo.

          Leitfaden für Twitter

          Anmeldung

          Auf der Internetseite www.twitter.com mit dem Namen und einem selbstgewählten Nutzernamen anmelden. Dieser Nutzername gilt dann zusammen mit einem vorangestellten @-Zeichen als Adresse im Twitter-System.

          Twittern:

          In dem Feld „What are you doing“ die Nachricht (Tweet) eintragen und auf Update klicken. Diese Nachricht ist auf der Twitter-Startseite zu sehen und wird allen Followern angezeigt.

          Links einfügen

          Wegen der Beschränkung auf 140 Zeichen werden auch die elektronischen Verweise auf andere Internetseiten verkürzt. Das erledigen Seiten wie Tinyurl.com. Für Bilder eignet sich der Dienst Twitpic.com.

          Auf Twitterer antworten

          Die Funktion „Reply“ ermöglicht das Versenden einer Antwort auf einen Tweet. Diese Antwort können alle lesen.

          Direkte Nachricht senden

          Twitterer, die sich gegenseitig folgen, können sich auch direkte Nachrichten senden, die nur der Empfänger lesen kann.

          Tweets weiterleiten

          Mit dem Befehl RT (retweet) lassen sich Nachrichten weiterleiten. Wer einen interessanten Tweet liest, kann diesen schnell an seine eigenen Follower weiterleiten.

          Twitter-Anwendungen nutzen

          Inzwischen gibt es viele Programme, die das Twittern erleichtern. Zu empfehlen sind Tweetdeck oder Twhirl.

          Twitter filtern

          Wer nicht immer alle Tweets lesen möchte, kann zum Beispiel in Tweetdeck Gruppen der Menschen auswählen, deren Tweets angezeigt werden sollen.

          Twitter-Knigge

          Gibt es nicht. Manche twittern über das Wetter, ihren Hund oder dass sie gerade Hunger haben. Wer das nicht lesen möchte, kann diesen Twitterer wieder loswerden, indem in der „Following-Liste“ auf der Twitter-Startseite auf „remove“ geklickt wird. Dort lassen sich auch unliebsame Follower blocken oder Meldungen schützen, damit sie nur zugelassene Freunde lesen können („Protect my updates“ in der Rubrik Settings).

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