https://www.faz.net/-gy9-pzx4

Cebit 2005 : Doppelherz für müde Rechner

  • -Aktualisiert am

Winzige Festplatte mit lustigem Namen: Mickey Bild:

Die Cebit ist eine Messe mit Haben-wollen-Effekt. Ab Donnerstag ist in den Hannoveraner Hallen all das zu sehen, was technikbegeisterte Menschen in Verzückung geraten läßt.

          4 Min.

          Im Zentrum, wie der Kunstname Cebit einmal anzeigen wollte, steht in Hannover von dieser Woche an kaum mehr die Büro-Informationstechnik. Unterhaltungselektronik und Telekommunikation bestimmen die Messe immer stärker. Sie wird zur Schau für die Menge als Spaßerlebnis privater Heimtechnik.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Hochauflösendes Fernsehen (HDTV) wird überall detailreich und scharf vorgeführt. Panasonic präsentiert stolz das größte in Serie produzierte Plasma-Display (Diagonale: 165 Zentimeter). HDTV bringt auch neue Aufzeichnungsstandards: Kaum sind die DVD-Rekorder erschwinglich geworden, sind sie veraltet. Die Nachfolger der DVD heißen Blu-ray oder HD-DVD und tasten mit blauem Laserstrahl Gigabyte fassende Scheiben ab. Erste Geräte kommen noch in diesem Jahr. Noch aber wogt der Streit zwischen der Blu-ray-Association und der HD-DVD-Group um das beste Nachfolgeformat. Auf den Ständen von Philips, Sony, Panasonic gibt es mehr zu den Blu-ray-Scheiben (als Single-Layer-ROM 25 und als Double-Layer-Disk 50 Gigabyte), während Toshiba und NEC auf HD-DVD (15 und 30 Gigabyte) setzen.

          Wer sich daran erinnert, wie die Messeleitung vor wenigen Jahren Spielekonsolen vom Gelände verbannte, erlebt 2005 verwundert, daß immerhin bei Sony das Rennspiel Gran Turismo 4 Furore macht - doch leider zeigen die Japaner ihre neue flache Konsole PSP nicht. Samsung veranstaltet auf der Cebit einen Wettbewerb für Sport-Computerspiele. Ein namhafter Motherbord-Hersteller wie MSI präsentiert einen "Mega Player 522 BT", der als Kombinationsgerät MP3-Spieler, Radio, Diktiergerät und Bluetooth-Handy ist. Anubis stellt unter der Marke Typhoon einen Portable Multimedia Player (PMP) vor, der sich außer als Video-, MP3- und Spielekonsole, auch als Internet-Browser, Organizer und Diktiergerät eignen soll. Ob solcher Vielfalt die Orientierung verloren? Keine Bange, für 500 Euro gibt es im "My Guide PMP-Go" gleich noch ein GPS-Navigationssystem von Falk samt Sprachausgabe mit auf den Weg.

          Von vorne ein Handy, von hinten eine Kamera: Sony Ericsson K750i

          Verschnaufpause beim Megapixel-Wettlauf

          Bei bewegten und stehenden Digitalbildern legt der Fortschritt eine kleine Pause ein. War 2004 das Jahr der Digitalkamera, ist hier kreative Pause angesagt. Die Geräte mit einer Auflösung von 6 bis 8 Millionen Pixel haben und können alles, was der ambitionierte Amateur braucht. Nun erfaßt die Digitalisierung den Kamkorder. Er verschmilzt mit der Kamera und speichert wie diese auf einen Chip: Kein Band mit lästigem Hin- und Herspulen mehr, wie Geräte von JVC und Sanyo zeigen.

          Bei der Telekommunikation steht - wie in den vergangenen Jahren - das Thema UMTS an erster Stelle. Alle Netzbetreiber sind mit der neuen Technik gestartet, passende Handys sind in breiter Auswahl lieferbar und günstig dazu: Schon für einen Euro bietet Vodafone zum Leidwesen der Mitbewerber Geräte an - natürlich subventioniert mit Kartenvertrag und starkem "Branding". In den Großstädten läuft UMTS prima, nun beginnen die Marktführer T-Mobile und Vodafone in mittelgroßen und kleinen Städten mit dem Netzausbau.

          Navigieren mit dem Handy

          Neue Dienste und Anwendungen könnte A-GPS bringen: ein verbessertes Satellitenortungssystem, das viele Handys künftig mitbringen. Der Einsatz des Mobiltelefons als Routenführer im Auto, auf dem Fahrrad oder sogar für den Fußgänger wird damit einfacher denn je, weil ein zusätzlicher GPS-Empfangsknubbel entbehrlich ist. Das A1000 von Motorola soll beispielsweise mit A-GPS ausgerüstet sein. Daß UMTS mit neuen Verfahren (HSDPA, High Speed Downlink Packet Access) noch schneller ist, wird man auf der Cebit ebenso hören und sehen können wie "Surf @ home". Das ist die bei Vodafone und O2 schon lange angekündigte Idee, dank UMTS endlich auf den Festnetzanschluß der Telekom mit seiner hohen monatlichen Grundgebühr verzichten zu können. Sprach- und Datenübertragung laufen dann nur noch über das Funknetz, herkömmliche Geräte finden mit einem Adapter den Anschluß an die neue Technik.

          Weg vom Festnetz: Das gilt ebenfalls für das Modethema Internettelefonie ("Voice over IP"). Dabei wird die Sprache in kleinen Datenhäppchen über das Internet verschickt. Seit klar ist, daß sich SIP als Protokoll für die IP-Telefonie durchsetzt, mehrt sich rapide die Schar der DSL-Adapter, die nicht nur Zugang zum Web schaffen, sondern auch die Telefonie über die Datenleitung unterstützen. Als wahrer Meister der Kommunikation erweist sich die neue Fritzbox Fon Wlan, die neben drei Anschlüssen für analoge Telefone, Fax und Anrufbeantworter auch einen ISDN-Port bietet. So lassen sich vom Anrufbeantworter bis zur digitalen Telefonanlage alle Konversationsinstrumente internettauglich machen. Die Akustik der Telefonie in Datenpaketen ist beim Marktführer Skype sogar deutlich besser als die von herkömmlichen Telefonaten. Obwohl sich Voice over IP für Anrufe vom Computer zum Festnetz finanziell nicht lohnt, ist die Technik spannend. Denn alle großen Telefongesellschaften stellen in den kommenden Jahren ihre Netze auf das Internetprotokoll um, und schon gibt es die Idee, mit dem Handy übers Internet zu telefonieren.

          Zunächst entwickelt sich aber das Mobiltelefon 2005 zur hochauflösenden Kamera mit drei bis fünf Millionen Pixel und zur Musikmaschine. Motorola will das iPod-Handy bringen, Sony Ericsson das Walkman-Telefon W800i mit Anschlußmöglichkeit an die Stereoanlage. Die Blackberry-Idee der permanenten E-Mail-Zustellung hat sich auf ganzer Linie durchgesetzt. Geräte mit Blackberry-Software sind bei Nokia, Siemens, Sony Ericsson und T-Mobile zu sehen. Überhaupt hat sich das Kräftegleichgewicht unter den großen Herstellern verschoben. Motorola ist stark geworden und setzt auf extravagantes Design. Der schwarze Razr, ein flaches Klappenhandy, ist ebenso ein Traum wie das nur 11 Millimeter dünne SLVR V8.

          Microsoft macht Geschenke mit Verfallsdatum

          Und die Platzhirsche der Computerei, wo röhren die in Hannover? Microsoft verteilt an seinen Cebit-Ständen 100000 CDs mit einer Testversion von Office 2003. Wie bitte? Die Büroanwendungen sind zwar so wenig neu, wie die Jahreszahl besagt, aber man darf mit ihnen die Funktionalität des Exchange Servers und der Sharepoint-Website testen. So will Microsoft auch privaten Nutzern Software mit serverbasierten Funktionen nahebringen, auf die Otto Normalanwender bislang verzichten mußte. Exchange Server und Sharepoint Services werden für die Dauer eines sechzigtägigen Tests online verfügbar sein. Wer sich in dieser Zeit nicht zum Kauf und zur Office-Aktivierung überzeugen läßt, kann anschließend seine Dokumente zwar noch sehen und drucken, aber nicht mehr ändern und speichern.

          Alle Jahre wieder: In Prozessoren soll immer mehr Rechenleistung auf engen Raum gebracht werden. AMD und Intel setzen nicht nur auf 64 Bit, sondern auch auf "Dual-Core". Hierbei werden auf einem Chip zwei Prozessorkerne untergebracht. Diese Doppelherz-Strategie ist aber erst der Anfang. Denn wo heuer zwei Platz finden, soll im künftigen Multi-Core-Prozessor Platz für mehrere sein. Der Vorteil: Leistungssteigerung ohne Erhöhung der Taktfrequenz - mehr Rechenleistung für weniger Watt. Herkömmliche "Single-Core"-Systeme sollen einfach durch Prozessortausch umrüstbar sein. Man wird sehen...

          Und auch das ist nichts grundsätzlich Neues: Speicher hat man nie genug. Sandisk präsentiert eine Mini-SD-Card, die daumennagelgroß beispielsweise Handys mit einem Gigabyte Wechselspeicher versorgt. Soviel Platz muß sein, um Fotos und MP3-Songs zu speichern und das Mobiltelefon zur Medienmaschine zu machen. Wer mehr braucht, wartet auf Hitachis Mickey. Zwischen 8 und 10 Gigabyte soll die Festplatte im Format eines Dominosteins fassen. Kleiner als bisherige Microdrives, soll auch sie in Mobiltelefonen und anderen Kleinst-Geräten für mehr Speicher sorgen - die bunte, klingende Multimedia-Welt braucht einfach Platz.

          Weitere Themen

          Künstliche Geräusche für Elektroautos Video-Seite öffnen

          Sounddesigner tüfteln : Künstliche Geräusche für Elektroautos

          Elektroautos klingen nicht nach echtem Auto, erzeugen keine Emotionen, sagen Autonarren. Sie sind zu leise und deshalb gefährlich im Straßenverkehr, sagt die EU. Deshalb müssen neue Modelle nun bei geringem Tempo lauter werden. Mit künstlichem Sound!

          Topmeldungen

          Angelique Kerber hat Grund zur Freude: Ihren Sieg am Samstag bei den Australian Open war kein leichter.

          Australian Open : Angelique Kerber im Achtelfinale

          Den Sieg gegen die Italienerin Camila Giorgi musste sich die derzeit beste deutsche Tennisspielerin hart erkämpfen. Am Montag trifft Kerber nun auf die Russin Anastasia Pawljutschenkowa.
          Helikopter über den Schweizer Alpen auf dem Weg nach Davos: In einem sitzt der amerikanische Präsident Donald Trump.

          Davos : Jahr der Megatrends

          In Deutschland besteht eine verhängnisvolle Neigung zu glauben, wer die Welt verändern wolle, müsse in erster Linie moralisieren. Die Wirtschaft ist aber nicht der natürliche Feind der Klimapolitik. Das zeigte sich gerade in Davos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.